Best of 2012: Herrenpils und Butterbrezel: One night at Liederhalle

Die große Show, die große Bühne, Main Stage („Ich bin Main Stage!“ Klassiker-Dialog zwischen Krupa und mir), Kameras mit großen grauen Teleobjektiven. Montagabend, Liederhalle, Hegelsaal, nicht Haindling, nicht Prinzessin Lillifee, kein Hurbert von Goisern und auch nicht das Russische Staatsballett…

…sondern alle 14 OB-Kandidaten treten auf. Jeder bekommt acht Minuten Stage-Time, sozusagen OB-Wahl-Poetry-Slam, ausnahmsweise nicht organisiert von Geyer Enterprises, sondern von der Landeshauptstadt Entertainment & Events Stageholding GbR.

Da geht man hin, hat man noch nie gemacht, Blockbuster-Infotainment, die Aussichten auf gute Unterhaltung sind gerade aufgrund ein paar „Spasskandidaten“ gegeben, kostet außerdem kein Eintritt, hätte aber gerne fünf Tacken der Gesellschaft brüderlichen Rechts gezahlt. Butterrezeln for free gab es leider nicht, hatte ab Betreten der Halle unendlich Bock drauf, warum auch immer.

Großer Ansturm, riesiges Interesse, die Publikumsstruktur bezeichnet man wohl als Querschnitt der Gesellschaft, alles da, in Kleidersprache ausgedrückt von Alpenüberquerung über Alpenromantik bis fast AlpenAbendball, erstaunlich viele junge Menschen, also jünger als ich, und ich bin schon wirklich sehr jung, mal abgesehen davon, dass ich nicht älter werde und Naddi mich neulich erst als Peter Pan bezeichnet hat, vielen Dank nochmals dafür.

Eine größere Gruppierung, quasi einen Fanblock, sei es z.B. von Turni oder von Roggie, konnte ich zunächst nicht ausmachen. Kaum K21-Beutel gesichtet sowie keine Brezel-Buttons. Hatte aber immer noch Bock auf eine Brezel und ein Bier wäre jetzt auch nicht schlecht. Oder ein Eis?

Dafür mit dabei: Unser Multifunktionsleser Robby, der macht von Fahrradtour über Transit bis Wahlkampf einfach alles mit, die treue Seele. Wir sassen recht weit oben, wie früher in der Schule, hinten hocken, ich mag das nicht, wenn mir zu viele Leute im Nacken sitzen. Vor mir sass dafür als Stargast der Turner.

Zu den Regeln: Jeder Kandidat bekam wie gesagt acht Minuten Sprechzeit und betrat in der Reihenfolge des Stimmzettels die Bühne, sprich Turner durfte als erster ran, Kuhn ist Tabellenführerjäger Nr. 1 und Dr. Ralph Schertlen rangiert auf dem Abstiegsplatz 14. Roggie in der Tabelle noch auf Europa-Kurs und Betty im Niemandsland auf Platz 8. Für Fragen aus dem Publikum bleiben keine Zeit, aber man könne ja im Anschluss noch mit den Kandidaten im Foyer bei einem Herrenpils schnacken. Das mit dem Herrenpils hab ich mir dazu gedacht und wurde neben der Butterbrezel mein zweites Endziel des Abends.

Weiterhin bittet Dr. Martin Schairer, oben im Bild, Bürgermeister für Recht und Ordnung und Leiter der Veranstaltung, eindringlich die Kandidaten in Ruhe sprechen zu lassen und auf Zwischenrufe und ähnliches Buhmuh zu verzichten. Da er der Mann für Recht und Ordnung ist, hatten alle Angst vor ihm und sich brav an die Regeln gehalten.

Das kann man, nein, muss man gleich sagen, es war eine faire Veranstaltung, keine größeren Interaktionen, lediglich ein Bruddler wurde des Raumes verwiesen, als er bei Kuhn angefangen hat rum zu stänkern. Auch die Kandidaten gingen bis auf ein paar übliche Sticheleien fair miteinander um.

Die ersten Duellierenden, worauf wohl die meisten auch gespannt waren, verzichteten noch darauf. Turner vs. Kuhn und man muss sagen: Vorteil Kuhn. Politik-Profffi. Acht Minuten Zeit – da spielt man einen Hit nach dem anderen. Was die Leute hören wollen, jaja. HipHop Hooray, O.P.P., Rockwilder, Doo Wop und, auch wenn es gar nicht passt, halt noch Niggas In Paris und Tyga. Oleole. So kam mir jedenfalls sein Set vor.

Anders gesagt: Ich mach das Kurzfahrticket günstiger, bessere Baukultur in unserer Architektenhochburg, ich stärke alle Stadtteile, S21 find ich uncool, aber ich akzeptiere den Volksentscheid, ABER die Bahn soll sich JAAA warm anziehen. Applaus, Applaus, Applaus. Danach noch kurz bisschen feiern lassen, Ehrensache.

Die jüngere Turner war im Gegensatz dazu eher der gemächliche Typ, hat mich fast schon ein wenig an unseren etwas müden Schuster erinnert. Der hätte mehr ballern müssen. Hatte eher nur das Vorprogramm im Plattenkoffer und in ruhiger Tonart große Vision entsponnen von der „Bildungshauptstadt“, von der neuen Ära des Automobilbaus und dabei Dinge gesagt wie „unser Rohstoff heißt Hirn“ und „ich hab Oberbürgermeisterschafften studiert“ und dass wir uns doch gerne über alles streiten können und sollen, aber doch bitte nicht mehr über Bahnhöfe.

Gerade bei letzter Ansage gab es zum ersten Mal Applaus, aber im Gesamten hat er im Gegensatz zu Kuhn die Leute meines Gefühls nach nicht ganz so mitgerissen. Bin wirklich der Meinung, dass man nicht andauernd rumkläffen muss wie DMX, aber gestern Abend wäre durchaus etwas mehr Präsenz, wie Nachbar sagt, und eine kraftvollere Rhetorik angebracht gewesen.

Nicht weniger interessant waren einige die vermeintlich aussichtslosen Kandidaten. Nach der Champions League folgte direkt Noname Ulrich Weiler, der zwar etwas unsicher und schüchtern war, aber ein paar gute Dinge gesagt hat, wie z.B. dass er sich auch um die Armut in der Stadt kümmern will. Sein Abbinder kam gut an: „Schicken sie meine beiden Vorredner zurück nach Berlin, die werden beim Flughafen gebraucht.“ Dem Applaus nach zu urteilen hat ihn das Publikum in den acht Minuten ziemlich lieb gewonnen. Ich würde sagen: Kandidat der Herzen.

(Auswechselbank) 

Nach einem Weltuntergangsszenario von Stephan Ossenkopf war Hannes Rockenbauch an der Reihe, der schon beim Betreten der Bühne einen heftigeren Applaus bekam als die anderen. Aber entweder war das nicht sein Abend oder doch nicht ganz sein Publikum – er soll, was man so hört, auf so Runden ziemlich gut performen – aber auch das war nicht gerade mitreissend. Gut fand ich, dass er manche Vorhaben anderer Kandidaten in Frage stellte, wie z.B. wie soll man denn ein günstigeres Kurzfahrticket finanzieren, Herr Kuhn? Alles in allem hab ich einen, sagen wir, emotionaleren Auftritt erwartet.

Der Pirat Harald Hermann war schlicht und einfach zum Vergessen, Jens Loewe dagegen schon wesentlich spannender, der prinzipiell das Parteien-System in Frage stellt und außerdem seien oftmals „Parteien teil des Problems.“ Weiterhin bezweifelt er, dass das „Höher-schneller-weiter“-Prinzip nicht das Richtige für die Zukunft sei.

Und dann kam Betty. Die musste erst mal betonen, wie übrigens alle, wie sehr sie Stuttgarterin ist und hat das Wort „Schwäbisch Hall“ nicht einmal in den Mund genommen. Ist wohl hier geboren und aufgewachsen. Wihelm ist einfach die Nette vom Block. Ich vertrete mittlerweile ein wenig die Theorie, dass vielleicht so eine Nette mal acht Jahre lang gar nicht schlecht wäre nach einem eher unterkühlten Technokraten. Aber könnte sie sich auch durchsetzen und wird sie respektiert? Wenn Wihlelm sagt, sie will der Bahn bei S21 ganz genau auf die Finger schauen, dann schmunzelt der Saal. Wenn Kuhn das sagt, gibt es Applaus.

Ansonsten auch bei ihr: Viel Bildung, viele Wohnungen, viel Soziales. Halt die Kernthemen, die quasi jeder im Portofolio hat.

Langsam wurde der Sauerstoff knapp. Wir werden sterben, twittere ich, aber lang lebe der Mittelstand. Wilhelm meinte gerade noch, man müsste den Mittelstand stärken.

Nach ihr ist erst mal ein Teil (erwartungsgemäss) gegangen, ähnlich wie im Stadion, wenn es 4:0 steht in der 60 Minute.

Scherzchen!

Ich hab mir selbst überlegt, danach zu gehen, aber irgendwie war es gerade so gemütlich, auch wenn man fast erstickt ist und es höchste Zeit für ein Bier war. Und für ärmellose grüne Jeansjacken und Barfüssläufer, Wolfgang Schmid am Start. Mein Mann. Sagt zumindest das StZ-Tool.

Barfüssläufer sind mir zwar suspekt und Menschen, die aus der Bibel zitieren ebenso, aber dann kam der Herr gut in Schwung, sagte Dinge wie „Kinder an die Macht“ und warum man denn nicht in größeren Dimensionen denkt und sich an 30 Jahre alten Ideen wie unterirdische Bahnhöfe aufhängt. Schon 2007 wäre der „verschissene TGV“ auf alten Gleisen 570 Km/h gefahren, meint er. Irgendwann fahren Züge 900 Km/h! In der Mitte seines wirrcoolen Vortrags hab ich einfach auf Record gedrückt.

Das hätte ich auch bei Werner Ressdorf tun sollen, gebürtiger Brasilianer, hat schon in allen Stadtteilen gelebt, war etwas schwer verständlich, aber auch Hammertyp. Hat zum Schluss vorgeschlagen, er fliegt als OB mit einer Delegation nach Brasilien, da geht’s ab, und er holt fette Aufträge nach Stuttgart.

Mit Markus Vogt (Die Partei) konnte er trotzdem nicht mithalten. Highlight des Abends. Die haben sich davor schon gut die Biers reingehauen. Sieben Minuten, die sich lohnen:

Wir haben Tränen gelacht. Top!

Selma Kruppschke wollte letztendlich nur ihr Buch vorkaufen, so kam es zumindest bei mir an, aber super Spruch, “sie kriegen was sie sehen, ein Mann in Frauenkleidern”, und bei Dr. Ralph Schertlen, der durchaus ernsthafte Absichten pflegt, sind wir dann raus zum Herrenpils.

(Bitte Hofbräu, danke, gerne.) 

Danach noch kurz mit Robby im Foyer rumgestreunt, die meisten wirkten erleichtert, dass ihr Auftritt vorbei ist und die Halle, in der ich übrigens zum ersten Mal in meinem Leben war, hat sich dann recht schnell geleert.

Fazit: Super Montagabend, danke an alle 14 OB-Kandidaten und viel Glück, Erfolg und Segen auf all euren Wegen.

P.S.: Wer sich das alles am Stück nochmals anschauen will: www.stuttgart-ob-wahl.de

Und noch Bilder von allen Kandidaten in der Reihenfolge des Auftritts.

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