Best of 2012: Auf dem Rücken der Pferde

(Wendy-Cover Oktober 2012) 

Achtung: Kitschgefahr. Eventuell verticke ich die Geschichte noch weiter. An Wendy. Klar. Ich hab vorher auch nicht so vielen Leuten davon erzählt, und die meisten haben doch auch recht ungläubig geguckt. Weil ich war am Sonntag nämlich reiten. Auf einem Pferd. Also so richtig, auf einem richtig großen Pferd und nicht auf einem Pony.

Wie es dazu kam? Ganz einfach: Kollege Geiger reitet (mit Unterbrechung) seit seinem sechsten Lebensjahr, und ich hab ihm irgendwann mal gesagt, dass ich das auch gerne mal ausprobieren würde. So wie ich viele Sachen gern mal ausprobiere, Fastfood, Raven, Fallschirmspringen.

Und so finde ich mich Sonntagmorgen zu einer für Sonntagmorgen sehr unmenschlicher Zeit in Geigers Auto wieder auf dem Weg auf die Alb zu einem Reiterhof. “Ich hab ein zweites Paar Hosen, Stiefel und einen Snowboardhelm” hatte er mir vorher gesagt. Gar nicht so schlecht, diese Reiterhosen. So eng wie Skinny Jeans, nur bequemer.

Am Arsch der Welt angekommen gleich Überraschung Nummer eins: Wir halten nicht auf einem Reiterhof, sondern neben einem Maisfeld. In einer Open Air-Koppel warten drei ausgewachsene Pferde, daneben wartet Astrid, die überaus sympathische Chefin bzw. Besitzerin der Pferde.

Los geht’s, und das hatte ich schon befürchtet, erst mal mit der Pferdereinigung. “Mein” Pferd heißt Mandy und ich bürste ihr die passende Frisur. Zum Dank beißt sie mich ins Bein, es ist aber nicht so schlimm und blutet auch nicht. Ich glaube trotzdem noch dran dass Mandy und ich noch Freunde werden.

Dann werden noch die Hufe saubergekratzt, und ich wundere mich selber, dass ich ihr Beinchen hebe und dabei nicht mal Schiss hab.

Dann geht’s los, ich schwinge mich elegant wie Winnetou auf oder in den Sattel, genau so wie ich es im Fernsehen gesehen habe. Und dann sitze ich da oben, also ziemlich weit oben, weil Mandy ist ein ziemlich großes Pferd. Mein Kopf ist bestimmt in über drei Metern Höhe, und das bin ich nicht gewohnt.

Nach kurzer Einweisung geht es los, und zu meiner Beruhigung nimmt Astrid mich und Mandy an die Leine. Für jemanden, der im Sattel sitzen nur vom Motorrad und vom Fahrrad kennt, ist das ziemlich ungewohnt. Zum einen weil man die Beine ziemlich breit machen muss, denn so ein Pferd hat einen breiten Rücken. Zum anderen holpert das erwartungsgemäß ziemlich auf so einem Tier.

Aber es läuft ganz gut, Astrid reitet voraus, Mandy trottet brav nebenher und Kollege Geiger hinter uns. Ihn muss man nicht mehr an der Leine nehmen.

Die Landschaft ist tatsächlich ziemlich bezaubernd hier auf dem Land, das Wetter ist perfekt, es ist fast zum Weinen schön. Bis wir im Wald angelangt sind und Astrid meint, ich könnte doch jetzt mal ohne Führung reiten. Ähm, ja, klar, ich sitze zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Pferd (abgesehen vom St. Martins-Umzug im Kindergarten, wo ich St. Martin sein durfte und auf einem Pferd saß).

Aber Astrid lässt tatsächlich die Leine los und gibt mir nur kurz die Gebrauchsanweisung mündlich durch: Die Beine etwas andrücken heißt Gas geben, “Ho” heißt bremsen und wenn das nicht funktioniert kann man die Zügel ziehen, das funktioniert wohl immer. Oder fast immer.

Also drücke ich die Beine etwas an und Mandy läuft los. Also im Trab, wenn ich das richtig verstanden habe. Das ist die Gangart, wo man bei jedem Schritt aus dem Sattel hüpft, und trotzdem fühlt sich das ganz elegant an. Auch wenn es garantiert nicht so aussieht. Und plötzlich schaltet Mandy noch einen Gang runter und verfällt in Galopp, wo man dann nur noch bei jedem zweiten Schritt aus dem Sattel hüpft.

Ich bin ja ein Fan von Geschwindigkeit, aber zum ersten Mal auf dem Rücken eines 2 Meter großen 1-PS-Kraftpakets wird mir doch etwas mulmig und mit nachhaltigen “Ho”s und Zügelziehen bringe ich Mandy – zum Glück – wieder in die normale Schrittgeschwindigkeit zurück.

Spaß hat es trotzdem gemacht, ich bin auch ein wenig stolz und ab da läuft es mit Mandy und mir. Wir kommen gut miteinander zurecht, zur Hälfte macht sie, was sie will, zur Hälfte bringe ich sie mit Körpersprache (zurücklehnen und “langsamer” denken), Zügelziehen und lenken (Zügel in eine Richtung halten und das kurvenäußere Bein leicht abstrecken) dazu, was ich will.

Über drei Stunden dauert unsere Tour durch die Postkartenlandschauft, Berge hoch, Berge runter, rein in den Wald, raus aus dem Wald, absteigen, aufsteigen, durchs Dorf und wieder zurück. Und ja, schon nach kurzer Zeit tut der Arsch ziemlich weh. Geiger hat gemeint, weichere Pferde müssen erst noch gezüchtet werden.

Zurück an der Koppel stellt sich ein sehr schönes entspanntes Gefühl ein – Astrid mein, ich hätte das schon sehr gut gemacht, ich bin vor allem überrascht, dass ich die ganze Tour wirklich alleine reiten durfte, was wahrscheinlich nur mit einem gutmütigen Pferd wie Mandy möglich ist. Und zum Abschied zwickt sie mich auch nicht mehr.

Dafür gönnen Geiger und ich uns noch selbstgemachte Maultaschen im Landgasthof, und ich glaube es gibt sehr wenige Dinge auf der Welt, mit der man einen Sonntagvormittag besser verbringen könnte.

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