Halbnackt und ganz freihändig

Stuttgart – Aalen – Thüringen: eine deutsch-deutsche Reise. Teil 2: Aalen – Suhl. Und wer sich fragt, wo eigentlich Teil 1 war, hat gut aufgepasst. Zwischen Stuttgart und Aalen ist nix Bemerkenswertes passiert. Außer, dass ich eine überteuerte Soy-Milk-Latte auf meine Mittelkonsole gekippt habe.

Aber ab Aalen. Oder besser in Aalen, um Aalen und um Aalen herum: Die Evivio Cocktail- und Shisha-Lounge lädt “zum Chillen ein”. Und bietet fruchtige Cocktails, leckere Shishas, modernes Ambiente und einen großzügigen Nichtraucherbereich. Wie sich nicht rauchen und Shisha rauchen miteinander vertragen, sagen sie nicht. Shisha ohne Rauch ist doch genaugenommen Mentos, oder?

Donnerstags ist dort Chill4Two – und zwar genau in dieser modernen Schreibweise. Das heißt: den ganzen Abend zweimal Shisha zum Preis von einem/einer/eines. Wie sind denn eigentlich Artikel und Plural von Shiha? Freitags natürlich Lady’s Night. Der Klassiker landauf landab. Ob Puff oder Disse. Zwei Ladies zum Preis zweier Shishen.

Das Highlight im anderen Freizeitvergnügen von Aalen, dem ClubSeven, sind zwei Malibu für nur 6 Euro und der DJ Chris Fielding (Amici Stuttgart). Das nennt man dann wohl Schüleraustausch. Ihr schickt uns am Wochenende Eure Aalener, wir schicken Euch unseren DJ. Und zwar den Besten (Nein, nicht den W., den brauchen wir selber. Aber Ihr könnt den Ober aus dem Oggi noch dazuhaben…)

Weiter geht die Manfred-Krug-Gedächtnistour auf Achse ab Aalen: zwischen dem Limes Park Rheinau und Nördlingen (home of Strenesse, was wiederum home- & street- & matchwear of unserem Bundesjogi Löw ist) wird es zähfließend. Bin nicht sicher, ob wegen einem Trekker oder schon wegen Rückreiseverkehr. Und wenn ja, wohin? Ob die Ostalb wohl andere Ferienzeiten hat? Eine andere Sprache hat sie ja schließlich auch.

Ein Wohnmobil mit dem Spaß-Kennzeichen AA:AA und nochwas versperrt mir Weg und Sicht. An Bord: Drei Mountainbikes vom Fachhändler Lidl Sport. Dann gleich das nächste Hindernis: ein Tönnies-Fleischtransporter. Doch nicht etwa FC Schalke incognito auf großer Fahrt in die Saisonvorbereitung?

Dann endlich freie Fahrt durchs Jagsttal. Landschaftlich fährt man hier mitten durch einen HB Atlas. Bestätigt auch das Idyllenschild an der Autobahn: das hier ist ein UNESCO Welterbe. Ich halte Ausschau nach UNESCO Blauhelmen, die dieses Erbe schützen. Aber es schützt sich selbst. Weit und breit kein Mensch hier.

Hab mal irgendwo gelesen, dass man für diese karamellbraunen Schilder an der Autobahn voll lange anstehen muss, bis man eines bekommt. Wir sollten deshalb rechtzeitig beantragen, dass auf der A81 vor der Ausfahrt Zuffenhausen ein Hinweis hinkommt: “Stuttgart – home of kessel.tv”

Recht neu auf der Autobahn sind ja die Schilder, die nicht nur Raststätte und Autohöfe ankündigen, sondern auch noch in Untertiteln, welche Benzinmarke und welches Schnellrestaurant einen da erwartet: Burger King + Shell, McDonalds + Aral usw. Ich freu mich immer über meine Lieblingskombi Agip (amore motore) + Lavazza. Endlich g’scheiter Kaffee. Nie hab ich mich dagegen denken hören: Ahh, Nordsee! Endlich g’scheites Fischbrötle.

Hab mich vor dieser Etappe blöderweise im Tankstellenregal vergriffen. Und aus Versehen Orbit Streifen gekauft. Aber ich kann Werbeaufforderungen wie “nur für kurze Zeit”, “Sommer-Edition” und “Neu: Strawberry-Daiquiri-Geschmack” einfach nicht widerstehen.

Mir fällt wieder ein, dass man außerhalb Süddeutschlands nicht backen und außerhalb Stuttgarts nicht brezeln kann. Und wäre ich klug gewesen, hätte ich mehr Proviant vom Bäcker Frank an Bord. Denn backtechnisch betrachtet fahre ich in die Sahel-Zone.

Bissle Unterhaltung wäre jetzt gut. Nur fallen mir keine Autobahnspielchen für einen Teilnehmer ein. Das Kennzeichen-Spiel, Wer zuerst einen blauen Käfer sieht und Ärger Deine kleine Schwester sind allesamt Teamsportarten. Was mir bleibt, ist ungestört Kaugummiknallenlassen, Nasebohren und eine 25 Jahre alte Journey-Platte hören.

Kressberg – Schnelldorf – Feuchtwangen – Crailsheim. Klingt wie die Abschlusstabelle der 4. Liga, in der die Stuttgarter Kickers bis letzte Saison noch gekickt haben. Und es hoffentlich nächstes Jahr nicht gleich wieder tun. Ich kann nicht ständig Überlandfahren machen. Das kostet alles Sprit, Nerven und Geld.

Bei Rottenburg ob der Tauber hat jemand in die Hosen oder auf die Straße gemacht. Es stinkt abartig. Oder ist das schon Gülle Taubertal 2012? Das alljährliche Festival?

Hatte es mit RAM erst neulich davon, wie es in diesem Sommer in Stuttgart aus der Kanalisation müffelt. Vielleicht sollte da mal einer runterklettern und nachschauen, ob da jemand lebt (ein Widerstands-Völkchen?) oder ob da jemand nicht gespült hat.

Eine Spedition aus der Rhön unterhält mich mit dem LKW-Aufdruck (und ich meine nicht Bepper, sondern Lackierung über die ganze Seite): “Rettet den Wald. Esst mehr Spechte!” Sponti-Spruch vom Allerfeinsten. Erst wenn Ihr die letzte Fuhre von Feuchtwangen nach Uffenheim-Langensteinach gebracht habt, werdet Ihr merken, dass man Spechte nicht essen kann.

Sein Brummi-Kollege kontert mit dem Slogan: “Der Ball ist rund. Das Wasser ist nass. Logistik mit Gröner ist schöner.” Wenn ich groß bin, werde ich LKW-Planen Texter.

Navigon seid dank muss ich den Zielort nicht von Hand suchen. Wobei das Örtchen Suhl in Thüringen damit wirbt, dass wenn man auf der Landkarte blind in die Mitte Deutschlands tippen würde, man immer bei ihnen rauskommt.

Das überflüssigste Feature des Navis übrigens: der Tunnelblick! Wenn ich in einen Tunnel fahre, simuliert das Navi eine Fahrt in den Tunnel und das Licht am Ende. Ich weiß noch, dass der Elektrofachverkäufer mich damals genau mit dieser Videospielfunktion geködert und gefangen hat. Ich weiß nur beim besten Willen nicht mehr, warum.

Am Ziel wundere ich mich dann schon arg: ich weiß selber, dass es die DDR nicht mehr gibt. Aber warum fühlt es sich dann noch so an?

Das Autohaus Müller wirbt zum Beispiel mit dem Plakat “Jeder hat ein Recht auf Auto” – klingt schon noch sehr nach post-wende.

Ein Ort klopft sich selber mit “Das deutsche Damaskus” auf die Schulter. Kein Ort zum Verweilen!

Und das Freizeitangebot hat sich auch nicht groß verändert. DDR = FKK, Braunkohle besichtigen oder Waffenmuseum. Und Volksmusik. Als -veranstaltung, -museum und/oder -wanderung. Gerne auch mit fakultativem Braunkohlemuseumsbesuch im Anschluss. Wahrscheinlich textilfrei.

Und wie um all das zu betätigen, kommt mir ein Enduro-Fahrer entgegen. Fast nackt und ganz freihändig. Klingt wie der Titel eines Ost-Sexfilmchens, ist aber Realität. Oben ohne, ohne Helm und ohne Hände am Lenker fährt er grinsend vorbei.

Ich staune über sein SHL Kennzeichen. Wie ist das wohl, wenn 3/4 des Ortsnamens schon im Nummernschild stehen? Der Fahrer des Wagens STUTTGA: 7170 möge bitte mal seinen Polo aus der Einfahrt wegfahren.

Ich finde ja, man kann die Wahl des Kennzeichens gar nicht hoch genug priorisieren: bei meiner ersten eigenen Butze habe ich mich geweigert, das E vor’s S zu schreiben und mein Auto umzumelden. Jahrelang habe ich bewusst in der Gefahr gelebt, irgendwann 50 Mark Strafe zahlen zu müssen.

Warum? Ich bin überzeugt, ein Mann muss weder einen Baum noch ein Kind pflanzen. Er muss nur in einer Stadt mit einem einzigen Buchstaben im Kennzeichen leben – und am besten in einer Stadt, die man auf der ARD-Wetterkarte findet.

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