Best of 2012: Zugbürger

Charmeoffensive bei der Bahn. Mal eine Lanze brechen, auch wenn man eigentlich lieber kotzen möchte. Vergessen wir mal all die Schlagzeilen, Halbwahrheiten und stümperhaften Baupläne – Die Bahn gefällt mir immer besser. Da ist plötzlich Einsicht da. Zum Beispiel darüber, dass man sich auch mal sauber an die kaufkräftige Zielgruppe der beschissenen Fortschrittsverweigerer ranschmeissen muss. Wenn der Bart nicht zum Propheten, dann halt andersrum.

Zahlreiche Special Features und Gimmicks locken mittlerweile im Angebot der Bahn. Hab das im vergangenen halben Jahr oft und gerne genutzt, auch weil’s mindestens so rockt wie die freche Sommermode in Frauenzeitschriften. Sagen wir, wie es ist: wellnessmäßig ist das ganz weit vorne und besonders vom Wohlfühlfaktor her ein gutes Gefühl.

Zur Happyhour gibt’s die Anzeigetafeln im Hauptbahnhof neuerdings zum Beispiel wieder analog: handgemalt vom Praktikanten mit Kreide. Oldschool und mitten aus dem Leben, wie damals im Klassenzimmer, als das immer jemand sauwitzig fand, mit der Kreide oder dem Geodreieck an der Tafel doof rumzuquietschen. Und der Grube so: “Sofort aufhören, du Bengel. Sonst gibt’s Dresche in der Pause.”

Aber bei der Bahn gibt’s längst nichts mehr auf die Mütze. Im Gegenteil. An vielen Tagen verschenken die da sogar Minuten an ihre Kunden: “Die planmäßige Ankunft verzögert sich um 15 Minuten.” Wer macht das heutzutage schon? Oder noch?

Auch Kassiker Klassiker wie “Reise nach Jerusalem” hat die Bahn endlich wieder fest ins Programm integriert. Funktioniert ganz einfach: Alle stellen sich mit ihren Koffern an den Bahnsteig und warten auf die Durchsage –  irgendwas zwischen Hiobs Anrufbeantworter und Herzblattsusi: “Die Wagen 21 bis 29 und 31 bis 36 fahren heute in umgekehrter Reihenfolge ein. Die Erste Klasse hält in Abschnitt D bis F, nicht A bis G, das Bordbistro befindet sich in den Wagen 42 und 37.”

Dann wird angepfiffen und der Spaß geht richtig los: alle Leute mit Platzreservierung im ICE rennen sich wie Fans von Fortuna Düsseldorf sportlich, gegenseitig und planlos über den Haufen. Kaffeebecher wirbeln durch die Luft, Brezeln werden die Knoten gebrochen und Kinder von ihren Müttern am Arm über den Bahnsteig geschottert. Klingt ungefähr so: “Blblbagagablllwhh, Mamaglglgl!”, auch wenn die kleinen Racker schon längst eingeschult wurden.

Wer kein Kind oder wenigstens einen sperrigen Koffer auftreiben kann, motzt so lange oder dreht ein bisschen komplett durch und setzt ein paar blitzsaubere Tacklings bei Senioren an, die irgendwie andauernd saudoof im Weg stehen und sich echt nicht beklagen dürfen wenn sie da blutgegrätscht werden. Herrschaftszeiten, das ist feiner, sauberer Spaß. Mit Bahncard 50 gibt’s das schon zum halben Preis.

An jedem weiteren Bahnhof der Reise geht das Aktiv-Entertainment weiter. Gleiche Durchsage, aber halt viel geiler, weil man ja schon sitzt und zuschauen kann. Anderer Leute Widrigkeiten schmecken manchmal süßer als Schokolade. Deswegen: immer Fensterplatz reservieren. Kostet vier Euro, den Spaß aber – kannste nicht mit Gold aufwiegen.

Nächstes Level im Spiel: völlige Verwirrung stiften. Auch bei denen, die schon seit über einer Stunde im Zug nach Köln und Dortmund sitzen. Die wägen sich längst in Sicherheit und drohen deswegen, langsam wirklich arrogant zu werden.

“Wir begrüßen sie hier in Frankfurt, liebe Fahrgäste der Deutschen Bahn. Bitte beachten sie, dass der Zug nicht nach Stuttgart, Mannheim und München fährt.”

Das ist zwar sowohl eine durchaus beruhigende Information, als auch nette Rückversicherung für jemanden, der absichtlich in Stuttgart eingestiegen ist, um in Köln auszusteigen. Die Motivation des Hinweises erscheint aber auch nach mehrmaligem Überlegen schleierhaft. Auch weshalb die ständig “Deutsche Bahn” sagen.

“Münschen? Schwill doch nach Dochtmund”, sagt einer. Nicht nur weil er weiß, dass die Bundesliga immer und überall ist. Aber wie bei Gomez: die Antwort gibt’s auf dem Platz  – schnell, wieder die Nase am Fenster plattdrücken, denn draußen geht’s immer noch ab wie beim Mädchenflohmarkt. Schicke Schuhe, Rollkoffer, funky Laptoptasche, schnell noch die “Frankfurter Allgemeine” untern Arm geklemmt und dann rennen, als ob’s morgen besteuert würde. Auch der Fortschritt macht mit beim Spiel – wenn auch etwas unwillig.

“Jede Woche die gleiche Scheiße, leck mich”, motzt die adrette Businessdame, die leicht angeschwitzt neben mir in den Sitz fällt. Nix da: “Hui, war das eine Gaudi”.

Die undankbare Spaßbremse in Highheels motzt mich an, als ob ich Lukas der Lokomotivführer und all der Schlamassel meine Schuld wäre. Sie war definitiv nicht in “Highfive”-Laune, zog trotzdem gleich die Schuhe aus. “Ah, Burn-Out-Syndrom”, denk’ ich, sag’s aber nicht, weil ich ja nicht lebensmüde bin. Nur ein Irrer legt sich mit einer wütenden Frau an, die ihre Schuhe schon ausgezogen hat.

Aber selbst für die Wutbürger haben sich die Käpsele von der Bahn neue Gimmicks einfallen lassen: Randalehinweise. Am Bahnhof geht bei der Montagsdemo ja schon lange nicht mehr so viel. Deswegen gibt’s nun liebevoll angebrachte Hinweise an den Fenstern, die haarfein erklären, wie man die Scheißdinger in fast nullkommanix richtig zerdeppert. Fensterflaattzz. Mein Ding. “Denken Sie nicht mal daran”, sagt eine Seniorin als ich erfreut lächle und “Sollen wir?” denke. Eventuell habe ich das auch gesagt.

Für unsere ausländischen Freunde und Freundinnen gibt’s auch was: einen flotten Übersetzungsservice. Egal, wie lange und komplex die Durchsage vorher war, heißt das für Ladies und Gentlemen from außerhalb: “Welcome to Deutsche Bahn.” Dann kommt nix mehr, so wie damals in der Mercedes Benz Arena gegen Middlesborrough, als die Bombendrohungsübung nur in Deutsch durchgesagt wurde und einige Engländer im VIP Bereich auch meine Übersetzung nicht beruhigen wollte: “Yes, funny. Bombtesting. Emergency. No Problem. Bullshit. Potatoes, anyone?”

Dann doch lieber Hochkultur. Denn Kunst hat die Bahn mittlerweile auch im Angebot: hauptsächlich Performance-Künstler, angestellt auf 320 Euro Basis. Eine Reihe vor mir verdrückt einer ein Giggerle mit Pommes. Ich konnte es nicht sehen, dafür aber hören und laut und deutlich riechen. Er legte auch ein stattliches Tempo dabei vor. Nur DJ Eddy aus der Rockfabrik ist da besser. Der hat zu seinen besten Zeiten einen Big Mäc während einer Ampel-Rotphase gepackt und beim Gasgeben schon wieder deutlich gesprochen. Pfundskerle.

Ein anderer schaut einen Splatterfilm auf dem Laptop, während die Seniorin neben ihm krampfhaft versucht, wegzuschauen. Der Headliner kam allerdings kurz vor Bonn/Siegburg: ein netter Herr in der Nachbarsitzgruppe furzt lautstark und von ganzem Herzen. Dann sagt er “Hui!” und lacht, wie einer der gerade mitten im Zugabteil herzhaft gefurzt und “Hui!” gesagt hat. Nur noch getoppt von der circa 68-Jährigen Frau auf der Toilette – sie hatte die Tür nicht abgeschlossen, als wären wir seit drei Jahren ein Paar – mit Schlafzimmereinrichtung vom Möbel Hofmeister in Leonberg.

Improtheater und Kommunikation kommt auch nicht zu kurz bei der Bahn. Eine Frau erzählt am Telefon, dass sie gegen 19 Uhr da sei und “voll viel” Spargel dabei hätte. Dann legt sie auf. Einige Minuten später zeigt eine wildfremde Dame auf ihre Tasche und sagt: “Ist da der Spargel drin?”

Eine andere Frau stöhnt, wie sehr ihr das “Stuttgart 21 Gedöns” auf den Geist gehe, sie sich aber trotzdem frage, wieso man jemanden den Bahnhof vergraben lässt, der augenscheinlich zu dumm wäre, Fahrpläne einzuhalten. Das sei vergleichsweise ja eine recht einfache Übung.

“Guckmal Mami, KISS”, flüstert ein Achtjähriger seiner Mutter zu, als ich meine Ace Frehley-Biographie aus der Tasche krame. Und während ich sonst nie weiß, was ich mit Kindern reden soll, frage ich: “Gefallen Dir KISS?”. Er nickt und seine Mutter sagt: “Na, eher seinem Vater. Ihm gefällt Justin Bieber”. Der Kleine haut sich die Hand gegen die Stirn: “Och Mama, Psstt”.

In Köln gibt’s dann noch Promis als Zugabe: Pierre M. Krause steht am Bahnsteig. Ich nicke ihm zu, wie man das halt macht, wenn man eigentlich “Samma, kenn’ ich dich nicht aus dem Fernsehen, altes Knautschgesicht?”, sagen will, es aber doch nicht tut, weil die Antwort für beide Seiten immer etwas Unbefriedigendes im Raum zurück lassen würde. Er nickt professionell zurück.

“4711 – echt Kölnisch Wasser” steht in großen Lettern an der Glaswand des Kölner Durchgangsbahnhofes. Hättet ihr wohl gerne, ihr 4 wir 0. Der 1. FC Köln ist schon in der zweiten Liga. Trotzdem quetschen sich hundert Leute an der Treppe, die vom Bahnsteig zur Ramsch-Shopping Meile und zum Ausgang führt.

Letzter Programmpunkt im Spaßprogramm der Bahn: Eine Mischung aus Speeddating, Pogo und Mob. Nix geht mehr. Ungefragter Körperkontakt. Keiner kommt runter, keiner hoch. Hätten ich ein Auto dabei gehabt, ich hätte gehupt. Vor Freude halt. Wenn es je einen Zeitpunkt gab, an dem der Fortschritt greifbarer war  – ich muss ihn verpasst haben.

Auf einer der Rückfahrten nach Stuttgart liefere ich dann aus Dankbarkeit über den neuerlichen Service selbst eine astreine Performance ab. In der festen Annahme, ich würde den Anschlusszug im Leben nicht mehr erreichen, renne ich mit Seesack über den Bahnsteig, rufe ab und an “Schuldigunuung”  und springe dann mit einem Hechtsprung gerade noch rechtzeitig in den Wagen. Erst Seesack, dann mein Kopf, dann der Rest. Bauchpflatscher mit beschämender Haltungsnote, aber eine pünktliche Landung, denke ich.

Ein Herr im Bahnoufit lacht herzhaft, anstatt mir zum gelungenen Stunt zu gratulieren oder mir wenigstens wieder auf die Beine zuhelfen sagt er: “Ruhig, Jong. Wir ham Fuffzehn Minuten Verspätung.”

Ich überlege, ob ich ihn zuerst küssen und dann erst “Danke für die Viertelstunde” sagen soll. Oder andersrum. So eine Charmeoffensive ist wichtig, wenn man sich gerade zum Idioten gemacht hat.

Passendes Filmchen von Boomy entdeckt:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=ZaF-4EHPy4w[/youtube]

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