Fear and Loathing in Bad Cannstatt

(Foto: Icke. Originaltrikot aus Thailand fĂŒr umgerechnet 9 Euro)

Lang lebe Heslach. Da machen rĂŒstige Seniorinnen freitagmittag noch Kehrwoche unter parkenden Autos und sagen “Ha, was?!”, wenn man sie dabei ein bisschen lĂ€nger und auch etwas doofer als unbedingt nötig anschaut. Traditionen sind wichtig, gerade wenn der ganze Rest lĂ€ngst verrutscht ist. Ich hab’s trotzdem nicht so mit der Tradition. Reiner Selbstschutz, seit ich an Ostern 2004 einen Hasen mit dem Auto ĂŒberfahren habe. Unabsichtlich.

Die Initiative “Pro-altes-VfB-Wappen”  ist da anders gestrickt. Bereits seit September 2010 kĂ€mpfen die ehrenhaft darum, dem VfB Stuttgart wieder das alte Wappen auf die Brust zu drĂŒcken und sammelten ĂŒber 25.000 Unterschriften fĂŒr ihr Ansinnen. Der Grund:  “Die Kampagne ‘Pro altes VfB-Wappen’ spricht sich fĂŒr die RĂŒckkehr zum alten Wappen aus, da ihr die Tradition, Geschichte und Außendarstellung des VfB am Herzen liegt.” Das klingt wiederum reaktionĂ€rer als es ist.

Das Wappen unseres Lieblingsbundesligisten wurde nĂ€mlich Ende der 90er-Jahren letztmals modifiziert. Nach Angaben des VfB, um dem florierenden Asiamarkt fĂŒr Merchandise etwas entgegenzukommen. Die Frakturschrift und die WĂŒrttembergischen ArschHirschgeweihe wurden geschönt und das GrĂŒndungsjahr “1893” gegen “Stuttgart” ausgetauscht. Soll ja bitteschön jeder gleich wissen, fĂŒr wen er da jubelt. GrĂŒnderdaten sind allerdings eh hinfĂ€llig geworden seit sich die durchdesignte TSG Hoffenheim, “1899 TSG Hoffenheim” nennen darf. Das Problem beim VfB sieht so aus:

Mir ist das ehrlich gesagt etwas einerlei, obwohl ich das alte Wappen auch irgendwie schöner finde. Nicht so bieder. Das mit dem Asia-Markt habe ich allerdings immer noch nicht verstanden. Jeder Pauschaltourist weiß doch, dass gerade in Asien die lĂ€ssigsten TrikotfĂ€lschungen ĂŒberhaupt gemacht werden. Mit Liebe zum Detail sogar. Mein Favorit:

(Foto: gefunden von Ciao Marco Ciao in Vietnam)

Egal jetzt, bei der Mitgliederversammlung am vergangenen Montag bekam der Vorstoß, die Vereinsmitglieder kĂŒnftig online ĂŒber wichtige Themen entscheiden zu lassen, keine Mehrheit. DafĂŒr wĂ€re eine 75%ige Zustimmung nötig gewesen. Gab’s aber nicht. Das bedeutet auch, dass die geplante Abstimmung zur WappenĂ€nderung bei “VfB Direkt” vorerst vom Tisch ist.

Weil die Oper allerdings nicht zu Ende ist, solange die dicke Frau noch singt ist, und weil das Spiel erst aus ist, wenn der Schiri pfeifft, geht der Kampf munter weiter. SpĂ€testens bei der Mitgliederversammlung 2013 soll die Sache dann fliegen – wie der Effenberg damals bei Berti. Prominenter UnterstĂŒtzer der Initiative ist VfB-Sportdirektor Fredi Bobic. Laut der Initiative sagte der, man solle da mal “Gas geben”.

Jetzt gab’s halt erstmal einen Bus, ein rollendes Trostpflaster fĂŒr Traditionalisten: auf dem neuen Mannschaftsbus steht so groß 1893, dass man fast nix anderes mehr sieht. Toppt den Tourbus von Andrea Berg aber auf jeden Fall um LĂ€ngen. VfB gegen Andrea Berg 1:0. Die ersten drei Punkte sind eingefahren.

WĂ€re auch eine Knaller-Sex-Hotline – “1893 – MACH’ IHN REIN”.

Der VfB braucht eh gerade Geld. Im vergangenen GeschĂ€ftsjahr hat man da sage und schreibe 71.000 Euro Gewinn gemacht. Ja, richtig gelesen. Ich wĂŒrd’ mich darĂŒber blond freuen, beim VfB macht deswegen aber keiner ein FlĂ€schle Trollinger auf.

Das sind zwar schwarze Zahlen und ein positiver GeschĂ€ftsabschluss, aber trotzdem wird der GĂŒrtel jetzt so eng geschnallt bis irgendeiner spucken muss. Auch deswegen geht kaum ein VfB Fan mit einem ehrlichen Grinsen in die neue Saison. Vielleicht kommt ja noch einer rĂŒber zum VfB. Hans Sarpei könnte die Social Media Abwehr machen.

Komm, darauf einen Waldis Club Tribute-Ulk: Ich denke, dass es etwas ĂŒbereilig war, Bruno Labbadia auch gleich den Bus fahren zu lassen, nur um Geld fĂŒr den Busfahrer zu sparen.

Sehr gut: der Sicherheitsgurt.

KĂŒmmern wir uns lieber um die schönen Dinge des Lebens: die EURO 2012 vorbei und wir Deppen haben den Fußball wieder fĂŒr uns. Klar, das war schon super als die MĂŒller-Hohenstein in der Halbzeitpause von England gegen Italien zu Kahn sagte: “Oli, ich hab dich noch nie so erregt gesehen”.

Auch toll, dass Waldis Fieberenten Club endlich eingestellt wurde. Endlich mal der Bruch mit einer Tradition, die noch nie Sinn und noch viel weniger Spaß machte. Zumindest an der Ulkfront haben Marcel Reif und Fritzle von Thurn und Taxis nun das Monopol.

Jetzt ist aber trotzdem Schluß mit Eventspaß. Bald riecht’s wieder nach frisch gemĂ€htem Rasen, Mobilat, Schweiß, TrĂ€nen und verpufften Hoffnungen. Aber wer bei vier Grad Minus gegen Wolfsburg im Stadion sitzt, der hatte eh schon immer grĂ¶ĂŸere Sorgen als Waldemar Hartmann oder Matze Knop.

Die nĂ€chste gute Nachricht: gegen Wolfsburg wird’s erstmal keine Minusgrade haben – ist nĂ€mlich das erste VfB-Spiel der kommenden Bundesliga-Saison: So, 26.8., 15:30 Uhr, the Sportplatz formerly known as Neckarstadion.

Zweites Spiel: auswĂ€rts gegen Bayern MĂŒnchen und dann wieder zu Hause gegen Fortuna DĂŒsseldorf. Die bringen wahrscheinlich ihren eigenen Elfmeterpunkt mit oder Vereinsmakottchen-Campino. Beides eher unnötig.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=yM4H-NA-7gA[/youtube]

Freuen wir uns? Ja, das tun wir. Auch mit dem doofen Wappen.

P.S.: Lieber VfB, natĂŒrlich haben nicht wir Shirts mit “Run irgendwas” erfunden, aber das fanden wir dann doch etwas frech.

Sehen es aber sportlich. Außerdem ist unser Shirt cooler. 

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