Best Of 2012: Landpartie nach Lemberg:
Erste Haltestelle – Frankfurt

Roadtrip ins Ungewisse, Ausflug in die Ukraine, Spazierfahrt zur EM 2012: Um Schweinis Wade vor Ort mental zu massieren, um Jogis Frisur persönlich zu richten und um einmal in der Ukraine gewesen zu sein, starte ich am Dienstag Richtung Lemberg/Lwiw/Lviv, westliche Ukraine. Mit im Gepäck: Zwei Karten für das Spiel Deutschland gegen Portugal, ca. zehn Reiseführer, ein Laptop-Schloss, das ich mir samt Laptop um den Hals ketten werde und ein knallroter Corsa, den ich bei Stadtmobil stibitzt habe. Mal sehen, wann die das merken. Station 1: Frankfurt

Die Landpartie läuft bisher wie geschmiert: In Frankfurt regnet es so, wie es in Stuttgart niemals regnen würde. Bankenmetropole oberkapitalistisch übertrieben-mäßig. Wie immer bin ich an meinem ersten freien Tag krank geworden – Orakel Paul ist wiederauferstanden und hat sich mit seinen Tentakeln in meinem Hals festgesetzt, ich kann nichts mehr schlucken, nicht mal Schnaps –, und zur Übergrenzung unseres roten Stadtmobil-Flitzers in die Ukraine fehlt uns noch eine Übersetzung der ca. 1.000 amtlichen Dokumente, die ich in Stuttgart ordnungsgemäß auf den allerletzten Drücker besorgt hatte.

Zeit also, das Trainingslager in Frankfurt noch etwas zu verlängern und den beiden Mittelstürmern der amerikanischen HipHop-Nationalmannschaft, Shawn Corey Carter und Kanye West auf die Finger zu schauen, die außer Konkurrenz bei der EM antreten.

Kurz und bündig: Aus der Sicht des Journalisten war das Konzert in der Frankfurter Festhalle scheiße. Wieso? Weil es nichts zu motzen gibt. Stattdessen muss man mit Superlativen um sich schmeißen, und das wirkt dann immer so doof.

Hova und Kanye haben einen Abriss veranstaltet, den ich keinem Ami-HipHopper mehr zugetraut hätte – meine Fan-Biographie beinhaltet einfach zu viele Live-Nackenschläge von Busta Rhymes, Wu-Tang und Master Geiger Ace (okay, dass die beiden ersten hierzulande nix waren, darüber sind sich viele einig, bei Masta Ace sehen das sicherlich einige anders).

Jay-Z und Kanye meinen es aber so ernst, dass ich mich bereits während des Konzerts in kurzen Stoßgebeten für meine niedrigen Erwartungen entschuldige. Und zwar alle drei Minuten. Der erste Bass schnürt mir meine geschwollenen Mandeln ab, die Lichtschau ist Laserkraft 3D und als ich endlich kapiere, dass plötzlich zwei Türme mit den beiden größten Rappern der Gegenwart (unreflektierte Übertreibung wegen gesundheitsgefährdender Gänsehaut) in die Höhe wachsen, frage ich mich kurz, ob mir wegen meines eigenwilligen Cocktails aus Cola, Cortado, Aspirin-Complex und Adrenalin-Ausschüttung in diesem Moment die Hirnlappen explodieren. Fühlt sich zumindest kurz so an.

(Turm von Babylon mit Holodingsbums und Rapper obendrauf)

Egal wie die Texte der beiden Kollegen bisweilen sein mögen, völlig Wurst, dass der Sound dann teilweise doch zu übersteuert ist und man vor lauter Bass vor allem bei Kanye West teilweise keine Silbe versteht: Das Konzert ist vom ersten Takt an außerweltlich.

Die Bühnenshow ist monströs: Während ich mit dem ins Moleskine Kritzeln kaum mitkomme, läuft beim Typen neben mir das iPad heiß. Jay Z und Kanye auf zwei Türmen, die sich rund 15 Meter in die Höhe drücken und dazu von außen mittels Hologramm bespielt werden können. Zum Start erscheinen gewohnt geschmackssicher Friedenstauben, sympathisch die Zähne bleckende Rottweiler und possierliche weiße Haie auf der Außenwand der hydraulischen Türmchen.

Nach drei Songs fahren die Türme wieder in den Boden und Jay-Z joggt von seinem Teil mitten in der Halle durch das Publikum hinter die Bühne.

Auf der Mainstage erscheint eine riesige Ami-Fahne, Hova und West performen unter riesigem Getöse “Otis”, um für die nächsten zwei Stunden entweder gemeinsam Songs vom Watch-the-Throne-Album zum besten zu geben oder einzeln die ein oder andere Solo-Nummer rauszuhauen. Derbe dekadent: Jeder für sich kann ein paar der besten HipHop-Songs der letzten 15 Jahre droppen – von “99 Problems” über “Gold Digger” oder “Hard Knock Life” und “Empire State Of Mind”. Oder dann halt doch lieber – laaaaaaaangweilig – ein paar der Bretter vom gemeinsamen Album raushauen.

(Großes Kino, große Fahne: Grüß Gott, mir kommet aus Amerika) 

Mir platzt für den restlichen Verlauf des Abends noch mehrere Male der Schädel. Zum Beispiel nach einem Interlude von „Wonderful World“ von Louis Armstrong, bei dem apokalyptische Bilder von KuKlux-Klan bis Gasmasken nicht fehlen dürfen, an das “No Church in the Wild” anschließt. Das Video ist letzte Woche (?) erst erschienen und liefert eine wunderschön inszenierte Gewaltverherrlichung, bei der immer mal wieder Molotowcocktails fliegen. Flattert ein Moli über die Leinwand, schießt gleichzeitig eine Flamme aus der Hallendecke. Hübsch.

Absolute Live-Bombe: “Niggas in Paris”. Beim Auftritt in Paris letzte Woche hatten die beiden Komiker den Song elfmal hintereinander gespielt. In Frankfurt nur vier oder fünfmal, hab irgendwann nicht mehr mitzählen können, weil ich so auf meine Sidesteps auf der Empore konzentriert war und darauf, dass ich mein iPhone nicht über die Brüstung tanze.

Der Veranstalter, die weltbeste Kontertagentur des ganzen Universums, Marek Lieberberg derbe Ultraabchecker Unlimited, muss uns verwechselt haben: Wir haben zwei Vip-Tickets mit Zugang zur Vip-Rotunde, was auch immer eine Rotunde ist, und vor allem die unglaublichsten Sicht vom Balkon auf eine wogende Masse und die Bühne in Spuckweite. Geile VIP-Welt: Hier haben die Leute einfach Geschmack. Eine Rap-Diva aus Offenbach bestellt die Hölle im Pappbecher direkt neben mir: „Kann isch oimol Cola und Wein halbe-halbe habbe, bidde?“ Na klaro, ball so hard, Baby, Prösterchen.

Das Konzert ist übrigens ein beliebtes Stuttgarter Ausflugsziel: Vor dem Auftritt grüßt Tobi Ulmer von der Werbewelt freundlich, Pulsmacher-Jens sehe ich von weitem, die Corso hat scheinbar einen Betriebsausflug gemacht und nach der Show laufe ich in den Chiller und Miss Harrcore rein, die den Bus der TSG Sonnenhof Großaspach gekapert haben, wenn ich’s richtig verstanden habe, inklusive Busfahrer, der ausschließlich Andrea Berg auflegt.

Nach dem Konzert bin ich immer noch geschockt, wie stark das alles war. Wenn mich ein Künstler berührt, kaufe ich mir aus sentimentalen Gründen mittlerweile wieder ein Fan-Shirt, um mich auch auf diesem Wege wieder wie 17 zu fühlen. Aus Gründen des ironischen Bruchs schieße ich aber grundsätzlich das Hässlichste. So auch bei Hova und seinem Azubi: Das Niggaz-in-Paris-Shirt ist so gruselig, dass es schon wieder geil ist.

Das Teil ziehe ich dann an der polnisch-ukrainischen Grenze an: Wenn ich schon keine vollständigen Dokumente zur Überführung eines salonkommunistischen Fahrzeugs habe, muss wenigstens der Style den Grenzer mit der Knarre beeindrucken.

Achtung, Reklame-Abbinder: Wir bedanken uns an dieser Stelle bei allen Institutionen, die diesen Höllen-Trip unterstützen: Bei Stadtmobil, der einzigen Firma der Welt, die ein Auto in die Ukraine lässt, bei Tobi Tobsen, der diese Recherche-Reise mit einem T-Shirt und 296 Aufklebern unterstützt hat, bei Ena und Klaus für die dufte Bude in Sachsenhausen und bei Celine von der Schweizer Apotheke für Aspirin Complex, Neoangin und Tonsipret.

(Jaja, im Stadion dann KTV-Sticker, sorry Jungs.) 

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