Fünferpasch

Wer solche Freunde hat, der braucht keinen Schräggastroführer: zum Geburtstag schenkte mir die Firma kessel.tv eine Tour durch Etablissments, in die sich keiner alleine traut. Herzlichen Glückwunsch. Teilnehmer: The mighty RAM, the sporty Thorsten, the aussen Reporter, the last Setzer & moi. Schwäbische Spice Girls auf großer Fahrt.

Im Vorfeld fielen schon Androhungen wie Bierbike, Göckelesmaier und Marbach mit der S-Bahn. Wo es genau langgeht, welche Stationen sich die 4 ausbaldowert haben, wie ich wieder heimkommen soll – all das erfahre ich nicht. Nur den Treffpunkt: McDonalds Marienstrasse. Aber einer geschenkten Tour schaut man eben nicht in den Arsch.

“Ich habe Angst” maile ich Thorsten.

“Zu Recht!” kommt dessen Autoresponder zurück.

Kennt jemand das, wenn man mit mehreren unterwegs ist und ständig das Gefühl hat, man hätte einen vergessen? So geht’s mir den ganzen Abend. Ich weiß nur nicht, wen. Muss immer wieder innerlich durchzählen. Zum Auftakt nehme ich mir vor: solange ich noch dabei bin, ist alles in Ordnung. Folgenschwere Fehleinschätzung deLuxe. Denn gar nix ist in Ordnung. Es soll eine Art Ausflug mit verbundenen Augen werden.

Alle sind sie da am Treffpunkt. Aussi mit Rolf Eden Westchen. RAM mit einer Gugg (was da wohl drin ist?). Setzer mit Bart (der uns noch in einige Läden und an einigen Türstehern vorbeibringen soll).  Thorsten satt. Das ist gegen die Abmachung.

Alle Eintrittsgelder, Speisen, Getränke und Transfers gehen aufs Haus kessel.tv – so die all-inclusive Spielregeln der vier.

Erste Station: das Gerber. Bauloch glotzen. RAM betont mehr als einmal, dass dieser Programmpunkt seine Idee war. Spitzenidee gell? Ja, Bombenidee, danke. Also glotzen wir durch vorgestanzte Löcher in ein unglaublich großes Bauloch und taufen dabei das Areal in “Das Geiger” um. Tobi Tobsen möge bitteschön Sticker produzieren, damit wir das in der ganzen Stadt plakatieren können: “Das Geiger kommt.” “Schippen statt shoppen.” “Hier entsteht das Geiger”.

Die Firma Strichpunkt hat bei der Bauzaunausssparung leider nur eine einzige auf Augenhöhe mit uns gemacht und alle anderen Gucklöcher für viel zu kleine Menschen. Wir überlegen, die Pimmel durchzustecken und reinzupinkeln. Das geht ja gut los.  Dann erfahr ich, was RAM in seiner Gugg hat: Tannenzäpfle für sich, Becks für Aussi und mich, Wasser (still) für Thorsten, den Piccolo für Setzer. Freigetränke für alle!

“Jetzt geh mer erscht mal was essen.” Auch das hatte ich befürchtet. Ins Köfteland!

“Alles isch aus. Mir ‘abe nur noch Ünnegül. Guksch du bitte auf teure Karte, hier.”

Ünnegül schmeckt gar nicht schlecht. Gibts sogar mir ohne Fleisch für den vegetarischen Setzer. Nur der satte Thorsten, der drückt sich. RAM macht einen jackass-artigen Stunt und bestellt eine türkische Sprite. Respekt Mann!

Wie mehrfach an diesem Abend versuche ich nach dem Essen, mich abzuseilen. Oder die vier mit den Worten “Können wir nicht einfach ins Waranga gehen?” umzuleiten. Auf den Pfad der Tugend. Aber sie sind unerbittlich: next stop Irish Pub.

Ich habe saumäßiges Glück im Unglück: weder ist dort Karaoke Night, noch spielt an diesem Abend die angekündigte Band Buffalo Piss. Nur wir, wir spielen Dart. RAM und der Aussenreporter trinken Guiness und nur RAM schmeckt’s wirklich. Aussi schmeckt es auch. Aber eher nach ausgelaufener Oma-Praline mit Schnaps drin, die zu lange im Schrank lag. Thorsten Kiba, Setzer Cider, Ich: Mulkelly oder Kilhenny oder sowas. Ein Krombacher-Stammtisch werden wir 5 heute abend nicht mehr.

Wir spielen Dart analog – und ich wundere mich, dass meine sehr viel jüngeren Freunde bei diesem alten Spiel die digitale Anzeige nicht vermissen. Dann passiert das Zweitschlimmste, was an diesem Abend passieren kann. Das erste wäre gewesen: Thorsten trinkt Alkohol. Das zweite: RAM gewinnt Dart. Genau das geschieht und bestimmt die Konversation des Restabends. Gewonnen. Gewonnen. NäNäNä.

Nächste Station: das Seekneiple am Feuersee. Seefahrerkneiple wäre auch passend. Aspach-Cola für alle – Würfel für Thorsten. Jetzt wird Mäxle gespielt. Die große Dart-Revanche. Spielleiter Thorsten malt meinen Freunden einem nach dem anderen schöne Kugelschreiber-Ärmchen und -Beinchen. Dreiundsechzig. Einserpasch. Du lügsch. Scheisse, hat gestimmt. Fünferpasch. Glaub ich nicht. Hätteste mal besser, Dartmaster RAM. Ich gewinne mit einer Gliedmaße Vorsprung.

“Scheenes Spil, hat hierrr auchschonlange keiner mehrrr gespillt” bestätigt der griechische Wirt zum Abschied.

Weiter geht’s mit der S-Bahn. Das macht mir wieder Angst, denn die könnte ja überall hinführen: Weil der Stadt, Renningen, Böblingen. Aber es geht nur zur Stadtmitte. Ich versuche heimlich in der Jackentasche ein Handyticket mit der nagelneuen VVS App zu kaufen, damit wenigstens ich nicht erwischt werde. Werde ich aber. Von meinen Kumpels, die einstimmig befehlen: Schluss damit. Wir fahren schwarz!

Ab ins Speakeasy. Das klingt nicht extrem. Ist es für mich aber. Hier tritt ein Mann namens Doktor Mix, Mister Mac oder Master Max auf – hab den Namen schon wieder vergessen, weil HipHop so gar nicht meine Musik ist. Das ist doch HipHop, oder? Ich frage, was jetzt gleich passiert und erfahre: ein Rucksackrapper würde auftreten.

Ich will wissen, was ein Rucksacksapper ist, als ein viel umjubelter Mann, der angeblich mehr zu meiner Altersgruppe zu rechnen ist als zu den Jugendlichen im Publikum, die Bühne betritt und die Frage selber beantwortet: er trägt einen Rucksack. Jack Wolfskin, Tatonka oder Eastpack for life. Was er da wohl drin hat: Fahrradschloss? Ersatzklamotten? Wurstbrötle? Ich bin der einzige, der zu dieser Musik rhythmisch klatscht und falle damit unangenehm auf. Also schnell weiter, bevor wir hier Hausverbot bekommen.

Lange Theke. Meine Welt. Hier läuft Led Zeppelins Kashmir und Temple of the King von Rainbow. Dann Dire Straits. Extra für RAM aus der Juke Box. Er spielt das Mark Knopfler Solo mit. Man muss sich das bitte mal vorstellen: Air Guitar auf Sultans of Swing!!! Wir trinken eine Spezialität namens Tomatensuppe. Es schmeckt wie der Curryketchup vom Brunnenwirt mit Extra-Tabasco. Aber es macht wach. Und gibt Schub für die nächste Etappe. Denn die ist nicht geplant, sondern wird spontan in die Tour eingeflochten: Die Boa.

Da kommen wir nie rein! Aber Setzer kommt überall rein! Und nimmt uns mit in ein Paralleluniversum. Hier waren wir ALLE das letzte Mal vor 40 Jahren. Innen After-Wasen-Party. Auf 1 Dirndl kommen 4 von Geilheit ausgebeulte und von Bier bepieselte Lederhosen. Jennifer Lopez + Reggae. Der CDU-Teil des Stuttgarter Gemeinderats tanzt. Wir tanzen mit. Gin Tonic für uns vier, aber was nur für Thorsten? Ich greife in die Knabberschale auf der Theke und will ihn mit ein paar Salzstangen und Erdnussflips versorgen und bekomme von einer blonden Mittsiebzigerin auf die Finger gehauen. Auch das ist mir zuletzt vor 40 Jahren passiert.

Setzer wird von einem Fan erkannt: “Dass mal einer von End of Green hier isch, in dem Schuppe, hätt i net gedacht”. Er wohl auch nicht. Wenn davon jemand auf facebook oder auf kessel.tv liest, ist er am Arsch. Eine schöne Musikerkarriere geht zu Ende. Kriegst aber ein Abschiedsspiel, Micha, okay?

Weiter geht’s. Puh, Glück gehabt. Nicht in die Tahiti-Tittenbar, sondern nur ins Transit. Einen allerletzten Absacker nehmen. Ich weiß gar nicht, wie weit denn noch absacken.

Für Geschenke soll man sich ja immer artig bedanken. Also: Danke, Freunde.Das war mein bisher bester Junggesellenabschied.

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