Nerdisms

Mein Beitrag fĂŒr re.flect Nr. 40 / 02/2012

Nein, diesmal geht es ausnahmsweise nicht um einen vermeintlichen Modetrend, bei dem Hipster, die sich selber nicht so nennen, immer noch glauben, dass schwarzberandete Brillen und Fliegen ironisch und deshalb cool wÀren.

Es geht vielmehr um „echte“ Nerds – laut Wikipedia ist ein Nerd „(engl. fĂŒr Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot) ein gesellschaftliches Stereotyp, das besonders fĂŒr in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht.“ Besonders die Verlinkung zu Fachidiot finde ich treffend.

Ich war an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden bei zwei echten Nerd-Veranstaltungen, die an sich sehr verschieden sind, im Kern des Nerdseins aber genau das gleiche. Das eine war der Turnschuh-Event Kicks‘n‘Coffe, das andere die Retro Classics-Messe.

Was das miteinander zu tun hat? Naja, ich sag mal so: Egal ob Turnschuhe, Briefmarken, Oldtimer, MotorrĂ€der, Modelleisenbahnen, Computerspiele, Ü-Eier-Figuren oder Telefonkarten – Nerd ist Nerd. FĂŒr Außenstehende nicht bis nicht mal annĂ€hernd zu verstehen, alle sprechen in Insider-Codes, die Leute geben Unmengen an Geld fĂŒr Sachen aus, die andere wahlweise in den MĂŒll klopfen oder in ein Einfamilienhaus stecken wĂŒrden, und meistens endet es in einer nicht mal ansatzweise logischen Formel: Selten = teuer, selten oft nicht schön, aber schön manchmal auch selten und teuer.

Ich rutsche immer wieder in so Nerd-Szenen rein, meist aus reinem Gefallen an der Sache, ohne wirklich tief ins Thema einzusteigen. Meistens komme ich dann aber mit gefĂ€hrlichen Halbwissen ganz gut ĂŒber die Runde. Die Kunst besteht hier darin, in Unterhaltungen möglichst wenig zu sagen, viel wissend zu nicken, rechtzeitig in allgemeines GelĂ€chter oder KopfschĂŒtteln einzustimmen und an den richtigen Stellen unverfĂ€ngliche AllgemeinplĂ€tze fallen zu lassen.

Als ich bei der ersten Kicks‘n‘Coffee war, konnte ich mit dem Thema Turnschuhe ĂŒberhaupt nichts anfangen und musste mir von Mitveranstalter Majde erklĂ€ren lassen, was der Unterschied zwischen adidas und Nike ist. Also so ungefĂ€hr. Bis zur nĂ€chsten hatte ich mich immerhin schon so weit oberflĂ€chlich ins Thema eingearbeitet, dass ich tatsĂ€chlich ein Paar gekauft habe, das ich sowieso haben wollte und wo ich dann immerhin Zustand und Preis fĂŒr den Kaufentscheid einigermaßen richtig abschĂ€tzen konnte. Ansonsten großer Nerdism an allen Ecken. Die Blicke der Leute immer auf den Boden gerichtet, weil natĂŒrlich hatte jeder seine schönsten respektive wertvollsten Treter an den FĂŒĂŸen.

Und dann stand ich wieder, stolz mit meiner Neuerwerbung unter dem Arm, in so einer Nerd-Runde mit Tobi Tobsen und zwei Turnschuhfreaks aus Frankfurt. Und dann ging‘s los, ah, das war doch der eine Release in dem anderen Colorway, und der hatte aber die eine Sohle und gab‘s nur in dem anderen Laden und so weiter. Was hab ich gemacht? Möglichst wenig gesagt, viel wissend genickt, rechtzeitig gelacht und den Kopf geschĂŒttelt und ab und zu gesagt „Haja, klar, voll und so.“

So, und eine Woche spĂ€ter war ich dann wie gesagt bei der Retro Classics. Oldtimer-Messe. Hoher Nerdfaktor sowieso bei dem Thema. Meine ehemalige Crew, die Ducati-Riders, hatten wie immer einen eigenen Stand. Bis vor 2 Jahren bin ich Ducati gefahren. Also gefahren, nicht geschraubt oder so. Es gibt da Typen, die sich ernsthaft darĂŒber unterhalten, wie lange sie brauchen, um einen 916-Motor auseinander und wieder zusammen zu bauen.

Und dann stand ich mit meinem Bruder und zwei anderen Ducati-Freaks am Stand und es ging los, ah, das Fahrwerk von der 999 ist viel besser als das von der 1098, aber das Heck von der 1098 auf der 1099 Panigale, das wĂ€r der Hammer, aber das mit dem Endtopf haben sie gut hingekriegt. Und was hab ich gemacht? Möglichst wenig gesagt, viel wissend genickt, rechtzeitig gelacht und den Kopf geschĂŒttelt und ab und zu gesagt „Jaja, find ich auch, klar, auf jeden Fall und so.“ Was sollte ich auch sonst tun.

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