Best of 2012: Roll das Fass rein: Deichkind in der Schleyerhalle

Bei der Macht von Grayskull: Skeletor hat gestern Abend auch bei Deichkind mitgespielt. Foto: Ronny die Linse Schönebaum

Eigentlich sollten wir erwachsen werden: Deichkind sind fĂŒr den deutschen Pop so etwas wie die Zeitschrift Neon fĂŒr den hiesigen Zeitungsmarkt. Mehr LebensgefĂŒhl als Anspruch. Freundliche Ex-Rapper und BĂŒhnen-Casper, die grell geschminkte Fluchtmöglichkeiten aus dem Alltag bieten. FĂŒr Bescheidwisser sind Deichkind die Lana del Rey der deutschen Popmusik, der durchschnittliche Berufsjugendliche feiert sie dagegen ab. Kessel.tv versucht sich an einer ErklĂ€rung.

1. Bescheidwisser vs. Deichkind

Early Adopter, Twitterer und sonstige Bescheidwisser finden Deichkind doof. Meine Freunde sind alle cooler als ich und haben mich gestern ausgelacht, als ich gesagt habe: „Mach ich Feierabend, geh ich Deichkind.“ Du bist zu alt, haben die einen gesagt (stimmt leider), die sind doch lame, haben die anderen gemeint (stimmt nicht).

Klar sind Deichkind musikalisch mehr als bescheiden und das noch mehr seit Produzent Sebastian Hackert vor drei Jahren gestorben ist. Das neue Album ist streckenweise wirklich schlimm und Textzeilen wie „Die Alte hat genervt, gib Likör. / Den ganzen Tag genervt, ey ich schwör“ (Roll das Fass rein) sind intellektuell vielleicht nicht so herausfordernd wie die superschlauen Tweets eines extraschlauen Stuttgarter Internet-Heinis.

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Deichkind wollen aber tatsĂ€chlich nur spielen, sie sind zum GlĂŒck kilometerweit weg davon, sich selbst ernstzunehmen. FĂŒr einen Mittwochabend in Stuttgart war das Konzert die beste Unterhaltungs-Option, das Publikum war nicht mal halb so schlimm, wie alle im Vorfeld getan haben. Ich kann das beurteilen, denn ich bin „For you for Ort“, schau mir auch Brandenburger Fußvolk gerne beim Feiern an und bin dabei vielleicht mehr Schlecker, als mir lieb ist.

Vielleicht ist das aber auch genau der Punkt: Deichkind wollen nicht mehr als unterhalten und liefern einen ausgezeichneten Vorwand, bereits im BĂŒro den ersten Wodka Redbull zu trinken. Deichkind sind Musik gewordene Discoschorle, das brauch ich manchmal.

Mein Bruder sagt immer, ich mĂŒsste langsam mal ernst machen, erwachsen werden, Baum pflanzen, Haus kaufen und so Zeugs. Das will ich aber gar nicht. Lieber will ich in der Schleyerhalle ein unfassbares VarietĂ© aus Gummibooten, RiesenfĂ€ssern, Disco-Solarien und anderen interessanten Show-Elementen anschauen, dabei drei schlechte Plastikbier trinken und meinen Becherpfand fĂŒr Viva con Aqua spenden.

2. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

Allein die Tatsache, dass Deichkind Ferris MC wieder einen Sinn im Leben gegeben haben, finde ich unterstĂŒtzenswert. Hab mir um den einen Teil der Freaks Association Bremen immer ein bisschen Sorgen gemacht nach „Rolle fĂŒr HipHop“ und „Im Zeichen des Freaks“. Bei Deichkind den Kasper spielen ist besser als in Castingshows in der Jury dummes Zeug wie Thomas D zu faseln. In der Zugabe rappte Ferris gestern ein paar Strophen seiner Rolle mit HipHop, da ist mir fast eine TrĂ€ne die Wange heruntergekullert, remember 0711Club 1998, weisch. Was macht eigentlich Afrob?

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3. Musik ist nicht alles

Der zentrale Vorwurf an Deichkind ist bekannt, die Musik ist Scheiße, voll nicht neu, nach “Aufstand im Schlaraffenland” haben die sich nicht weiterentwickelt undsoweiter. Das stimmt bestimmt, „Leider geil“ ist eigentlich ein leider ziemlich dĂŒnner Song. Der Witz dahinter ist aber wiederum ĂŒberraschenderweise lustig, weil nicht viele deutsche KĂŒnstler den Mut haben, auch mal witzig zu sein und dabei dann nicht gleich wie die Atzen klingen mĂŒssen.

Gummiboote sind natĂŒrlich auch nicht neu, hat man schon beim legendĂ€ren Deichkind-Auftritt im Rocker erleben dĂŒrfen, das fĂŒhrt aber zu einem weiteren Deichkind-Pluspunkt: Vom Schocken ĂŒber Rocker ĂŒbers Theaterhaus in die Schleyerhalle ist eine erstaunliche Entwicklung. RTL Eventkino. Pro7 Blockbuster. Ein Happening. Bist du heute Happening, hast du es geschafft (file under Paule). Kann man diskutieren ob man dafĂŒr Respekt zollt oder nicht. Ich zumindest geh in die Knie und mach nicht auf supercool.

Auch wenn die Schleyerhalle gestern nicht mal halbvoll war und Deichkind mittlerweile mehr Techno-Kleinkunst als Musik sind: Das war gestern Abend schlicht eine ganz sichere Bank in Sachen Zeit sinnvoll tot schlagen. Wenn ein komplettes Publikum auf Kommando auf die Knie geht und sich dann der gemeinsamen Eskalation hingibt, dann ist das zwar schon wieder nicht neu – mich beeindruckt es aber immer noch.

Bin aber auch wie gesagt mental manchmal mehr Schlecker als DM, daher steh ich auch auf riesige FĂ€sser, die zum passenden Lied durch die Halle wabern, gesteuert von ein paar norddeutschen Techno-Quatschköpfen, getragen von einem Publikum, das heute bestimmt wieder ganz brav im BĂŒro oder der Vorlesung oder wo auch immer sitzt. Außerdem hĂ€tte ich gerne so ein Disco-Solarium fĂŒr mein Wohnzimmer, das blinkt so schön fröhlich.

4. Freikarten

Nach dieser gebrochenen Lanze fĂŒr Deichkind noch ein kurzer Exkurs als Abbinder: Stuttgarter Konzertveranstalter wie die Konzertagentur CÂČ, die gestern Abend fĂŒr die gute Laune verantwortlich waren, sind nicht nur ausgefuchste Entertainment-Ermöglicher, sie haben auch einen Sinn fĂŒr Receycling.

Bisher hatte ich mich beim anderen duften Stuttgarter Konzertveranstalter  MusicCircus immer erschrocken, wenn ich Freikarten geschnorrt hatte, weil man bei dieser anbetungswĂŒrdigen Firma immer fancy Restkarten von obskuren Melodic-Rock-Konzerten bekommt statt der Original-Konzertkarten. Zuck ich jedes Mal zusammen, weil ich denke, ich muss jetzt zwei Stunden Dream Theater statt Mogwai gucken.

Bei Deichkind gestern haben CÂČ als Freikarten Tickets von Die happy rausgegeben. Da ist es mir dann doch auch kurz eiskalt den RĂŒcken hinunter gelaufen.

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