Stuttgarter Architekturgeschichte

Durch Zufall bin ich auf dieses Online-Bilderverzeichnis von der Australian National University gestoßen, und da liegen Bilder aus der Architekturgeschichte rund um den Globus – und natürlich auch aus Stuttgart.

Lohnt sich mal durch zu klicken, auch wenn es etwas umständlich ist. Bei dem Bild oben zum Beispiel zeigt sich meiner Meinung nach erst, wie modern der 1924 von Ernst Otto Oßwald entworfene Tagblattturm ist bzw. war – man achte nur auf die Autos drumrum als Kontext.

Und auch das Kaufhaus Schocken, das 1926 von Erich Mendelsohn entworfen und von der Stadt 1960 trotz internationalen Protests abgerissen wurde, finde ich nach wie vor wunderschön und seiner Zeit weit voraus:

Interessant dazu auch die ein oder andere Designskizze. Ansonsten natürlich viele Bilder von der Weißenhofsiedlung und von der Staatsgalerie aus den 80ern.

16 Comments

  • Cabura sagt:

    Cooler Fund!!!
    Was macht das Kamel in der Weissenhofsiedlung?

    http://rubens.anu.edu.au/htdoc...../35530.JPG

  • Frau Doktor sagt:

    @cabura: Die Weißenhofsiedlung wurde von ihren Kritikern, zu denen auch Paul Bonatz gehörte, gerne als Arabersiedlung verspottet. Angeblich passten ihre weißen, kubischen Formen nicht nach Stuttgart, weil untypisch für den regionalen Baustil. Das Arabisches Dorf-Bildle wurde in der Medien- und Meinungsschlacht von den Kritikern eingesetzt, um die “Artfremdheit” der ganzen Sache zu belegen. Das gleitet dann auch gerne mal in antisemitische Denunziation ab – alles jüdische Kulturbolschewisten, davon war zum Beispiel der Spezl von Bonatz, Schmidthenner (der hat u.a. den Königin-Olga-Bau aka Commerzbank neben der Eberhardskirche gebaut), überzeugt. Auch Bonatz waren leider antisemitische Ausfälle gegen die Bauhaus-Moderne nicht fremd. Im türkischen Exil haben sich dann alle wieder getroffen…

  • LKTRSNDY sagt:

    Warum wurde denn das Schockenkaufhaus abgerissen? War das durch den Krieg so zerstört oder sah das in den 60ern immer noch so aus wie auf dem Foto? Denkt man garnicht das das in den 20ern war.

  • MCBuhl sagt:

    Nein, das Kaufhaus Schocken musste weg, weil da eine vierspurige Stadtautobahn hin musste. Arnulf Klett hat sich auch an anderer Stelle sehr verdient darum gemacht, die autogerechte Stadt durch zu setzen.

  • Frau Doktor sagt:

    Die ganze Tragödie des Abriss des Schockenkaufhauses ist hier ganz gut zusammengefasst: http://www.stuttgarter-zeitung.....3e1e7.html

    Stuttgarter OBs scheinen eine Art amtsbedingte Allergie gegen qualitätvolle Architektur zu haben. Wenn sie sie abreißen können, sind sie ganz vorne mit dabei. Dass die Weißenhofsiedlung noch einigermaßen erhalten ist, haben wir zum Beispiel auch nicht unserer Stadtverwaltung zu verdanken. Die hatte da ganz lang, noch bis zu Schusters Zeiten, Abrisspläne…

  • Jochen sagt:

    WTF!? Man hatte für die Weißenhofsiedlung mal Abrisspläne? Hab ich nicht gewusst. Das ist einfach nur bezeichnend für die Herrschaften, die diese ganze Misere mit der Architektur und dem Stadtbild bei uns veranstaltet haben und noch immer veranstalten.
    Die Stadt wurde und wird m.M.n. systematisch verunstaltet. Schöne Neubauten – Fehlanzeige! Immer die gleichen, tristen Fassaden. Ich nenne jetzt einfach mal die Polizeiwache und das ex-Möbel-Mammut-Beck-Gebäude in der Hauptstätter Str. als zwei von vielen Beispielen, sowas prägt ja momentan das Stadtbild. Außer dem Z-Up und der Staatsgalerie fällt mir spontan kein jüngeres Gebäude ein, das mir gefällt.
    Gut, dass wir noch schöne Gegenden haben! Heusteigviertel, Urbanviertel, Gänsheide, manche Ecken in Ostheim, Gaisburg, Untertürkheim und Hedelfingen Und natürlich im Westen.

  • TG sagt:

    @Jochen: Word!
    Können die vielleicht mal Gebäude wie das Rathaus abreißen? Oder das Schwabenzentrum? Gerne auch die ganze Fressgasse, urgs

  • Frau Doktor sagt:

    Zur Ehrenrettung der Stadtverwaltung muss man aber auch sagen, dass die Weißenhofsiedlung auf Initiative des damaligen OBs Karl Lautenschlager errichtet wurde und seit den 1990er Jahren ganz engagiert von Teilen der Bauämter um den Erhalt gerungen wird. Und zerstört werden sollte sie quasi fast von Fertigstellung an. Die Nazis hassten sie und hatten sie zum Abbruch vorgesehen, im “Wiederaufbau” nach 1945 kamen einige Häuser unter die Abrisswiederaufbaubirne, dann rottete das ganze (in Besitz der Post, heute des Bundes) vor sich hin. Ab den 1980er Jahren haben sich dann Privatinitiativen dafür engagiert, dass die Siedlung wieder in Form gebracht wird. Seit so 2002 hängt sich die Stadt auch ein wenig rein, aber so mit dem letzten Herzblut doch eher nicht. Könnte auch daran liegen, dass unsere Kulturbürgermeisterin kein wirkliches Konzept für die Kunst- und Kulturstadt Stuttgart hat. Das überlässt mal ja gerne mal dem Land.

  • Martin Sp. sagt:

    Mit Abreissen ist man in Stuttgart ja immer groß dabei. Auch das Neue Schloß sollte nach dem Krieg abgerissen werden, zum Glück haben sich damals die Bürger durchgesetzt.

    Es gibt viele häßliche Gebäude in Stuttgart, zugegeben. Ein paar sollte man trotzdem erhalten, auch das Rathaus. Abreissen kann man in meinen Augen den Wittwer. Aber schon beim Schwabenzentrum zucke ich zurück. Ein Ärgernis aus den 70ern, aber auch typisch für dieses Jahrzehnt.

    Bonatz und seine Meinung zur Weißenhofsiedlung ist auch so eine Sache. Er gilt als Vertreter der Stuttgarter Schule. Aber die Schleusenbauten an der König-Karl-Brücke sind auch von ihm, aber eher Bauhaus.

  • Frau Doktor sagt:

    Bonatz hat auch ein paar völlig großartige Autobahnbrücken gebaut – auch total konstruktivistisch. Der hatte eine ziemlich interessante Version von Form follows Function: Bauten habe vor allem auch symbolische Bedeutung und die sei eben bei Technikgebäuden, städtischen Gebäuden, Wohnhäusern und eben nach Region anders. Deswegen war er mit den Bauhäuslern über Kreuz, denen er auch ihre sehr schlechte Materialkenntnisse vorwarf. Sie bauten viel zu sehr auf den Look, auf das Foto, die Ansicht, als tatsächlich räumlich-architektonisch. Wenn man sich mal länger mit Bauhaus und dem International Style befasst, kann man sich nicht immer des Gedankens erwehren, dass an seiner Kritik was dran ist. Bonatz selbst hatte jedenfalls ein Supergespür für die Materialität seiner Bauten. Das macht den Bahnhof für uns Post-Moderne auch zu so einer ästhetisch schwierigen Sache.

  • Jochen sagt:

    Um es nur kurz auf den Punkt zu bringen… Das hier kotzt mich an: http://www10.pic-upload.de/17......przziz.png
    Da frag ich mich einfach immer warum es nicht schöner ging. Klar, gewisse Dinge waren mal “Mode”, aber vieles ist so abscheulich, dass man es auch als eben das wahrnehmen muss – Mode hin oder her.

  • Thorsten W. sagt:

    @Jochen: Gute Beispiele!

    Allerdings verstehe ich nicht, was alle immer mit dem Z-Up haben – das ist doch wie ne Cordschlaghose: War in den 70ern mal cool und hatte in den 90ern ein Revival, aber heute kann’s keiner mehr sehen. Das ziemliche Gegenteil von zeitlos.

    Das Rathaus hingegen finde ich muss man schon so stehen lassen wie es ist, auch das Gebäude gegenüber dem Hauptbahnhof, auf das sie diese Glasetage gebaut haben.

    Und ich mag das Kunstmuseum und die neue Stadtbibliothek, weil die einfach zeitlos sind, und ich finde die Staaatsgalerie ist das beste Beispiel: Eigentlich tiefste 80er-Ästhetik, aber bis heute auch – mein Lieblingswort – zeitlos.

    @Frau Doktor: Ich hab mich nur relativ oberflächlich mit Bauhaus beschäftigt, aber ich finde den Ansatz von Bauhaus super, Design bzw. schöne Gestaltung in den Alltag zu bringen – die Gebäude oder auch Möbel sollten ja nie elitär sein, sondern für jedermann. Leider ist daraus nix geworden.

  • Jochen sagt:

    Stimmt Thorsten, zeitlos ist das Z-Up eigentlich nicht gerade. Jetzt wo Du’s sagst… Es ist einfach nur nach meinem ganz persönlichem Geschmack und der ist ja bei jedem etwas anders. Wahrscheinlich habe ich es deshalb noch nie wirklich vor dem Hintergrund zeitlos ja/ nein gesehen.
    EDIT: Rathaus find ich auch ganz gut! Ich mag die klaren Formen und rechten Winkel und wie das Glockenspiel so in der Nische kauert und bei Dunkelheit schön ausgeleuchtet ist. Hat irgendwie was, besser kann ich’s jetzt aber auch nicht beschreiben.

  • TG sagt:

    ok ok, aber schaut euch doch mal an, wie das alte Rathaus aussah:
    http://www.deutsche-schutzgebi.....athaus.jpg

    Das ist doch zum heulen, was die nach dem 2.WK dort hingeklotzt haben!

  • Jochen sagt:

    Klar kenn ich auch das alte Rathaus und ich finde es auch schöner. Aber deshalb find ich das jetzige nicht automatisch hässlich.
    BTW krasser Architekturblog hier, haha! 😀

  • Frau Doktor sagt:

    Die Ideen, für die das Bauhaus steht, wollte ich garnicht kritisieren. Mir geht’s vor allem um die tatsächlich gebaute Architektur und die Diskrepanz zwischen der eigenen Propaganda und der Realität. Es gibt ein sehr spannendes Buch von Beatriz Colomina, in dem die Autorin untersucht, wie v.a. Le Corbusier und einige Bauhaus-Leute die aufkommenden Massenmedien als Propaganda-Maschine genutzt haben und was das für AUswirkungen auf ihre Arbeit gehabt hat. Ihre These: Architektur musste vor allem auf einem Photo gut aussehen, ihr tatsächliches Funktionieren war zweit bis drittrangig. Das ist ja stilbildend für das Vorgehen vieler Architekten und Immobilien-Projekt-Entwickler bis heute geworden. Ich finde es spannend, dass so jemand wie Bonatz das auch so früh gesehen hat. Dessen Position zwischen Heimatstil und Funktionlaismus ist sowieso total spannend. Hier in Stuttgart gibt’s ein paar Häuser, die er und Schmitthenner gebaut haben, die sind einfach nur großartig. Und die Bewohner sind total überzeugt von denen.
    http://mitpress.mit.edu/catalo.....38;ttype=2
    In der aktuellen Arch+ haben sie das Thema Architektur und Repräsentation (auch politisch / demokratisch gedacht) auch am Wickel, mit einem Special über Stuttgart: http://www.archplus.net/home/a.....2,1,0.html

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