Kickerle.TV: Die Antitrainer – Christoph Daum

In unserer losen Serie “Die Antitrainer” huldigen wir Fußballlehrer aus einer scheinbar längst vergangenen Zeit. Heute zieht unser Fussballfachmann JMO2 nach Peter NeururerStepi und Otto Rehhagel  eine wahrhaft schillernde Gestalt aus dem Hut: Christoph Daum. Da rattert es doch sofort los: Haarprobe, vier Ausländer aufm Platz und natürlich die Meisterschaft mit dem VfB im Jahr 1992. Hat seitdem nur der Armin geschafft. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es auch diese Saison nix mit der Schüssel. 

Als letztens der Präsident und Lichtgestalt des FC Bayern, Uli Hoeneß, seinen 60. Geburtstag feierte, da war ich leider nicht eingeladen. Nehme an der Bericht vom Aussi folgt aber zeitnah. Wer ebenfalls nicht eingeladen war und wohl auch bei einer Einladung nie gekommen wäre: Christoph Daum. Immerhin hat er dem bekannten Wurstfabrikanten gratuliert, nicht ganz selbstverständlich, wenn man bedenkt, das es schlussendlich Hoeneß war, dem dem diplomierten Fußballtrainer Daum den Höhepunkt seiner Karriere indirekt verbaut hat.

Von vorne: Geboren wurde Christoph Daum im lieblichen Zwickau in der damaligen DDR und kam dann im Alter von sechs Jahren ins malerische Duisburg. Das Leben dort war hart als Knirps, besonders beim Bier holen, wie er später berichtete: „Entweder du hast den Jungs Wegezoll bezahlt, oder es gab einen Tritt und die Bierpullen waren kaputt.“

All das konnte ihn nicht brechen, er behauptet sich und macht fußballerisch Karriere bei Hamborn 07, deren DFB-Pokalspiel gegen den FC St. Pauli im Dezember 1952 als erstes Spiel im deutschen TV übertragen wurde, außerdem bei Eintracht Duisburg. Dies allerdings, wie die meisten Trainer aus dieser Reihe, im unterklassigen Bereich. Immerhin langt es 1981 zur deutschen Amateurmeisterschaft mit der zweiten Mannschaft des 1.FC Köln.

Zeitgleich mit seiner Zeit als Spieler in Köln studierte er an der Sporthochschule in Köln und seine Diplomarbeit mit dem Namen „Die Wichtigkeit und Bedeutung von pädagogischen und psychologischen Maßnahmen eines Fußballtrainers“ müssten ihn eigentlich als Ur-Tuchel stigmatisieren, aber sein Schaffen war und ist einfach zu facettenreich um ihn außen vor zu lassen. Zumal der Tuchel garantiert nie „Bierpullen“ für seine Familie von der nächstgelegenen Trinkhalle holen musste. Falls doch, soll er es beweisen!

Neben der Knochenmühle Amateur- und Co-Trainer beim EffZäh in Köln, hält er bereits seit Mitte der 80er nebenbei Motivationsvorträge für Manager und ähnlichen Kram. Auf Daums Webseite klingt das dann so: „Es dauert nicht lange, da hält Christoph Daum, der ein Publikum mit seiner Mischung aus flamboyanter Rede, profunder Sachkenntnis und innovativen Ideen zu fesseln versteht, Vorträge zu Mitarbeitermotivation und Unternehmensführung auch vor Managern aus der Wirtschaft“. Toll!

Beim EffZäh hat er dann lange genug gebuckelt und intrigiert um dann ab 1986 Nachfolger Cheftrainers Georg Keßler zu werde. Hier legt er schlussendlich den Grundstein für seine späte Karriere, wird in knapp vier Jahren einmal dritter und zweimal Vizemeister.

Besonders gerne erinnere ich mich an das Rededuell im Aktuellen Sportstudio mit Jupp Heynckes und Uli Hoeneß kurz vor dem entscheidenden Spiel im Mai 1989 beider Mannschaften gegeneinander. Wer nach all den Soulvideos noch 30 Minuten Zeit hat – die sind hier wirklich gut angelegt:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=6aFEVZvlmi0[/youtube] [youtube]http://www.youtube.com/watch?v=IeHwZgnD7A8&feature=related [/youtube]

Allerdings konnte Daum die Meisterschaft nicht an den Rhein holen, verlor das Duell gegen Bayern auf dem Spielfeld. Während der WM 1990 wurde Daum dann unter ungeklärten Umständen dann bei seiner „Herzensangelegenheit“ vor die Tür gesetzt.

Kommen wir nun zu einer Rarität bei den „Anti-Trainern“, nämlich zu einem Stuttgart-Bezug. Im November 1990, nachdem die Verträge gemacht wurden und viel gelacht wurde, kam er zum VfB. Seinen Einstand begann er mit folgenden Worten: “Unmögliches wird sofort erledigt, beim VfB beginnt eine neue Zeitrechnung.”

Ganz happy war Familie Daum allerdings nicht, besonders seine damalige Frau. Daum dazu: “Sie hat, als ich mich entschieden hatte, von Köln weg und nach Stuttgart zu gehen, Rotz und Wasser geheult. Vor den Schwaben haben mich am Anfang alle gewarnt.”

In der ersten Saison hat es immerhin zur UEFA-Cup-Qualifikation gelangt und vor der Saison 91/92 waren in Cannstatt die Ansprüche nicht sehr hoch, eine Wiederholung des Erfolgs der Vorsaison wäre optimal gewesen, doch als man nach dem 10. Spieltag erstmals Tabellenführer wurde und im weiteren Verlauf der Saison nie schlechter als Platz 4 war, kristallisierte man sich in der Schlussphase der Saison, nach dem 4:2 Sieg gegen den direkten Konkurrenten aus Dortmund zum Meisterschaftsfavorit.

Vor dem letzten Spieltag lag Eintracht Frankfurt mit Stepi dank eines besseren Torverhältnisses vorne, gefolgt vom VfB und dem BVB. Zur Freude aller VfB-Fans hielt Guido Buchwald die Birne richtig hin und der VfB wurde Meister und auch Daum war ganz oben, ein Meistermacher!

Doch wo es hoch geht, muss es auch runtergehen, so verbinde ich neben „Meister 1992“ auch das Wort „Leeds“ mit der (vorläufig ersten) Ära Daum beim VfB. Es begab sich nämlich im Spätsommer im Europapokal der Landesmeister, der damals zum ersten Mal unter dem Namen „Champions League“ firmierte, als der VfB gegen den englischen Meister Leeds United spielte. Im Hinspiel im Neckarstadion erspielte man sich ein vermeintlich sicheres Polster von 3:0, das im Rückspiel auch gelangt hätte bei einer 1-4 Niederlage.

Allerdings hat sich Daum im damaligen Dschungel aus Ausländerbegrenzung, Nicht-EU-Ausländer und Fußballdeutscher verfangen und wechselte einen vierten Ausländer ein, Jovica Simanic hieß der und ward danach übrigens nicht mehr gesehen. Dadurch wurde das Spiel mit 3-0 gegen den VfB gewertet und es kam zu einem Entscheidungsspiel, welches man in Barcelona im Nou Camp vor 15000 Zuschauern mit 2-1 verlor. Viel gelang Daum dann nicht mehr, man beendete die Saison auf Platz 7 und wurde im Winter 93/94 von Jürgen Röber abgelöst.

Danach folgte zum ersten Mal ein zweijähriger Abstecher ins Ausland zu Besiktas Istanbul und hat in der Zeit Meisterschaft, Pokal und Superpokal gewonnen. Das Trauma von Leeds schien er überwunden zu haben und er war wieder bereit für die Bundesliga, wo er dann bei Bayer Leverkusen unterschrieb. Dort perfektionierte er das Zusammenspiel von Psycho-Daum und Medien. Wer erinnert sich nicht gern an das Laufen über Glasscherben…

…seinen blauen Anzug oder das vermeintliche Erfolgskonzept, die „Staubsaugervertretermentalität“.

Rückblickend muss man da schon vermuten, dass er gerne mal Mittel außerhalb der Legalität einnimmt. Aber sportlich lief es: Dreimal Vizemeister, darunter fällt das Herzschlagfinale 2000, als man am letzten Spieltag gegen Unterhaching den Titel verspielte und einmal ein dritter Platz, dazu wurde er u.a. zum „Trainer fuxx“ 1996 gewählt. Übrigens ein Jammer, dass es diese Quatschveranstaltung “fuxx-Wahl“ nicht mehr gibt.

Zeitgleich zu seinen Erfolgen bei Leverkusen ging der Untergang der Nationalmannschaft einher, gipfelnd im sang- und klanglosen Vorrunden-Aus bei der EURO 2000, in dessen folge mir zum ersten Mal das Wort „Task Force“ über den Weg lief. Das Wort hat damals Kalle Rummenigge geprägt.

Ziel dieser „Task Force“ war die Findung eines neuen Bundestrainers, nachdem Erich Ribbeck den Bettel hinwarf und Uli Stielike lieber wieder Sakko-Model wurde. Schlussendlich wurde es Daum, der damals flavour of the month war und den Job neben der Tätigkeit in Leverkusen machen sollte.

Doch dazu kam es bekanntermaßen nicht. Uli Hoeneß lies das zwischen den Zeilen sprechen lieber ganz und gab ganz unverblümte Hinweise über einen „verschnupften Daum“. Daraufhin folgten Verleumdungsklage und als Höhepunkt die berühmte Haarprobe und der wunderbare Satz: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe“.

Steht für mich auf einer Stufe mit dem Ehrenwortsatz des Uwe Barschel. Das Ende vom Lied ist bekannt, Daum wurde der Kokainkonsum nachgewiesen, rausgeschmissen und flüchtete in einer Nacht- und Nebelaktion nach Florida.

Ein interessantes Nebenprodukt dieser Flucht ist das im Nebel stochern der Bild. Im Januar 2001 kam er nach Deutschland zurück und tingelte umher, ein Jahr Türkei hier, halbes Jahr Österreich da, dann mal wieder in die Türkei bis er dann doch wieder zum 1.FC Köln zurückkehrte, im November 2006 mit einer phantastischen Bühnenshow im Foyer des St-Elisabeth-Krankenhaus in Köln.

Dort hält er während eines Krankhausaufenthalts eine Pressekonferenz ab, wird begleitet von seinem Arzt und verkündet vor rund 100 Journalisten und 20 TV-Kameras, dasss er zum EffZäh zurückkehrt. Er wird gefeiert wie ein Messias, das erste Training wird von 9000 Zuschauern besucht. Doch wieder wird es in Tränen enden („Ich habe diesen Klub mit meinen eigenen Händen aufgebaut.“). Nach knapp zwei durchwachsenen Jahren mit immerhin einem Bundesligaaufstieg geht er abermals in die Türkei, schafft aber keine vierte Meisterschaft mehr. Dafür schafft er es im Frühjahr 2011 bei Eintracht Frankfurt in sieben Spielen drei Punkte zu holen, genug für den Abstieg, dafür mein Dank!

Ich hätte persönlich damit gerechnet, das Daum keinen Job mehr annimmt und mit seiner Frau, einer Opernsängerin, zwischen Mallorca und Köln pendelt und vielleicht mal eine Karnevalssingle aufnimmt, schön wärs.

Oder er erfindet eine neue Frisur mit Mittelscheitel. Aber er geht nochmal einen Schritt tiefer und fängt in der belgischen Liga an, beim FC Brügge. Da läufts derzeit ein wenig durchwachsen, Platz drei und 9 Punkte Rückstand auf den ersten Platz, aber beim Daum ist alles drin.

Zum Abschluss gibt´s diesmal nur Zitate von Christoph Daum selbst:  „Ich habe viele Indianer-Bücher gelesen und darin einige Dinge erfahren, die wichtig sind für uns heute. Zum Beispiel: Urteile erst über einen Menschen, wenn du einen Tag seine Mokassins getragen hast.“

„Der österreichische Fußball ist sukzessive in eine schwierige Situation geschlittert, weil sehr viele durchschnittliche Ausländer gekauft worden sind. Da fahren Vereinspräsidenten an den Plattensee auf Urlaub und bringen sich dann vier Kellner mit.“

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