Speckgürtel nicht nur um die Hüfte: Plattform für re.flect

LPB war wahrscheinlich massiv auf der Suche nach guten Nachrichten und hatte deswegen keine Zeit für seine re.flect-Kolumne in der Dezember/Januar-Ausgabe. Deswegen bat mich die Redaktion um einen Text für die Plattform auf der letzten Seite. Sagte ich danke, bin gerne Ersatz und sowieso Feuerwehrmann im Herzen. Also auf nach Paris! Sogar ins Echte! 

Ich bin ein Landei und werde es immer bleiben. Provinz im Herzen, Speckgürtel nicht nur um die Hüften und das Hirn ein einziger Vorort. Gerade deshalb muss ich regelmäßig in eine richtige Stadt reisen, um die eigene Bedeutungslosigkeit bei jedem Schritt, in jedem Club, in jedem Laden zu inhalieren.

Mit richtiger Stadt meine ich kein Frankfurt und kein München, Verzeihung, Freunde, Ihr seid auch nur Stuttgart mit mehr Fluss aber weniger Herz. Nein, Paris sollte es dieses Mal sein, mit dem TGV von Kopfbahnhof zu Kopfbahnhof und dann den Kopf an einem langen Wochenende durchpusten. Hat gut geklappt dank astreiner Tipps von Hippstern aus dem Freundeskreis. Architekten, Fashiondealer und Gastronomen im Inner Circle zu haben, ist von elementarer Bedeutung, gerade wenn du selber wie ich ein Dorfdepp bist. Brauchste keinen Reiseführer und keine iPhone-App mehr. 

Erste Erkenntnis: Amerika muss derzeit leer sein, weil alle Amis in Paris herumhängen. Erster Abend Couscous bei Chez Omar, der Tisch so groß wie ein Macbook, Laden voll wie Harald Juhnke zu seinen besten Zeiten, links ein Pärchen aus Italien, rechts die größte Nerdbrille der Welt mit Panzerglas-Glasstärke auf der Nase einer Hippsterin, ihr Gegenüber der schönste Junge der Welt: Hippster-Alarm aus Brooklyn, New York, das hätte man sogar aus dem Elsass noch erkennen können.

Wir mussten unsere Getränke mangels Platz auf ihrem Tisch abstellen, hab ihnen zum Dank die ganze Zeit von unserem Wein nachgeschenkt. Sagt die große Brille plötzlich: „We just met Sofia Coppola, Paris is so tiny.“ Ich so: „Nimmer ganz sauber, oder was. Ich komm aus Stuttgart, das ist tiny.“ Sie wieder: „Stutt-what?“ Ich so: „Egal, aber kennste Casper: ,Und im Radio lief Jay Z immer wieder mit seinem Lied von der großen Stadt erinnert uns wieder wie klein wir sind.‘“ Sie wieder: „Sorry, wir müssen los, der Jetlag.“

Erkenntnis zwei: Es tut gut, auch mal wieder in einen Laden nicht reinzukommen. Eine versteckte Bar hinter einem mexikanischen Imbiss. Erst der Imbiss, dann eine Tür, hinter der man eine Küche vermutet. Gibt es an der Stelle aber nicht, sondern eben eine Styler-Bar, süper cool, le dernier crie.

Wir Touristenhorsts checken es nicht, glotzen rein, laufen außen rum, wollen uns dann reintrauen, als uns an der Tür der zweitschönste Junge der Welt den Weg versperrt. Dachte erst, das wäre ein genauso planloser Gast wie wir. War aber der Bouncer in der schicken Pariser Ausgabe. Er so: „Sucht Ihr was?“ Wir: „Ja, Glück, unendliche Jugend und entweder Ketamin oder Amphetamin oder beides in einem Cocktail. Momentan würde uns aber auch die versteckte Bar reichen.“ Er: „Sorry, heute Abend ist privat.“

Da war es sofort wieder, dieses herrliche Gefühl von Provinz. Hab mich erkannt gefühlt und bin in eine Kleinstadtschockstarre gefallen. Meine Begleitung nicht. Hat dem Türsteher le plus cool erklärt, dass wir nur wegen seiner Bar extra aus Stuttgart gekommen sind (Lüge Nr. 1), dass wir wichtig sind (größte Lüge der Welt) und Journalisten (halbe Lüge) und dass „sorry, heute ist privat“ voll 90er und uninspiriert sei, außerdem seien wir auch privat und nicht geschäftlich unterwegs, müsste also passen. Nach langem Palaver dann der Kompromiss: Wir gehen in eine andere Bar und kommen dann wieder.

Wir waren in einer anderen Bar und kamen dann wieder. Der Bouncer tat, als hätte es die Situation zuvor nie gegeben und wünscht uns auf Deutsch einen schönen Abend. Der Laden ist der Hit, klein, fein, ambitionierte Barkeeper. Gin Tonic mit Monkey 47 für 14 Euro, dann bitte gleich drei, danke, bitte, schönen Abend noch.

Erkenntnis drei: Die wichtigste Währung der Nacht, die Gästeliste, funktioniert Länder übergreifend. Die Jungs vom Rocker 33 sind in einer Fanfreundschaft mit dem Social Club in Paris verbunden und haben netterweise für mich Wicht Plätzchen auf der Liste geschnorrt. Kleinstadt meets also Großstadt, Riesenschlange vor dem Laden, wir dran vorbei, ich zum Bouncer: „I am the Horst from your Nachbarland and I think that I am on the list de la Liberté, Egalité und Fraternité.” Die so: „WTF, verarsché oder was?“ Pause und französisches Stirnrunzeln. „Oh lala, du stehst tatsächlich auf der Listé, dann aber rein mit dir, du kleine, süße Kartoffel.“ Drinnen dann junge Menschen, Tanzen, Gin Tonic, Exzess und blinkende Lichter. Fast wie daheim. Schön.

Zum Abschluss noch in einem jüdischen Feinkostgeschäft mit dem eigenwilligen Namen Panzer gefillte Fische gekauft, tatsächlich dem Pärchen aus Brooklyn wieder über den Weg gelaufen because Paris is so tiny und am Grab von Jim Morrison eine Schweigeminute eingelegt. Bis ein Depp neben mir auf seinem Handy „Stairway to heaven“ abgespielt hat. Hab das Scherzkeks ganz sanft in den Arm genommen und ihm ins Ohr geflüstert: „Na, mein Lieber, kommste auch vom Land?“

Provinz ist halt doch immer da, wo ich bin. 

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