The Art of Sessellift

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=t4CUNVYxxZM [/youtube]

Im Fr√ľhjahr denke ich mir seit Jahren, kauf dir doch mal wieder ein Skateboard. Im Herbst denke ich mir, fahr doch mal wieder Snowboard. So geht das seit √ľber einem Jahrzehnt.¬†Meine Jungs fragen immer, wann ich endlich mal mitkomme, all¬īn¬ītogether, so wie fr√ľher, als man noch abends den widerlichen franz√∂sischen Rotwein aus dem Kanister (!) f√ľr f√ľnf Franc vernichtet hat, dabei¬†Gang Starr oder DJ Honda h√∂rte, und morgens trotzdem p√ľnktlich zum Lift-Opening stramm stand. Logisch, der Skipass ist/war teuer. Muss man voll ausnutzen. Bis zur letzten Fahrt. Und immer schnell dahin wo die Sonne scheint.

Auch wenn der letzte bald zwölf Jahre her ist Рhat sich einfach nicht mehr ergeben mit meiner Posse Рbin nach ich wie vor der Meinung, dass eine Woche Wintersporturlaub die Lebensqualität erhöht. Danach ist man neu aufgesetzt. Refreshed.

Kam lange Jahre nie in den Genuss eines Winterurlaubs. Stamme n√§mlich aus einer Nicht-Wintersport-Familie. Nicht-Wintersport-Kinder, so waren wir zumindest fr√ľher, sind immer ganz traurig und bisschen neidisch, wenn an Weihnachten, Fasching oder Ostern oder in allen drei Ferien, abh√§ngig von der Einkommensklasse der Eltern, ihre Wintersport-Familien-Freunde in die Berge abhauen. Wie gerne w√§re man auch mal. Meine Eltern sind nie Ski gefahren. Deswegen war das kein Thema bei uns. Berge im Sommer okay, wandern voll geil, im Winter aber viel zu teuer. Und die ganze Ausr√ľstung! Menno. Dabei wollte ich so arg. Und als der Snowboard-Hype Anfang der 90er nach Deutschland schwappte erst recht.

Ich habe 1989/90 “aktiv”, sagen wir leidenschaftlich, angefangen Skateboard zu fahren. Ich war nicht schlecht f√ľr meine Zeit. Ehrlich. Konnte zwar keinen Impossible wie der Helge vor dem Wittwer, daf√ľr f√ľr √ľber sieben bis acht nebenaneinanderliegende Decks ollien, einen 540¬į Shove It und einen 180¬į Kick-Flip. Klingt heute grandios l√§cherlich, damals konnte man zumindest seine Kumpels bisschen beeindrucken. Die M√§dchen selten. Hab es versucht. Dass M√§dchen auf Skater stehen bleibt zumindest in meinem Leben eine Legende. War wahrscheinlich nicht richtig rough genug mit 14/15. Bart wuchs auch keiner. Bier schmeckte schon damals nicht. Laut r√ľlpsen brachte mich den Zielobjekten ebenfalls keinen Schritt n√§her.

Ich war schon wieder Skater a.D., weil die Dreifach-Kickflip-to-Bluntslide-to-Frontfood-Doubleflip-off-Welle meinen 540¬į Shove It abartig verblassen lie√üen wie heutzutage mein Outfit neben einem Herrn Thorsten W. oder Moritz E., als ich 1994 ich mein Snowboard-Deb√ľt hatte. Die befreundete Wintersport-Familie P. hatte einen Platz frei im roten Panzsat ohne Servolenkung, den sp√§ter mein Kindergartenfreund Robbe √ľbernehmen sollte.

Es ging nach Balderschwang in Bayern. Im Kombi: Mutti P. und ihre drei famosen Söhne, genannter Robbe, Matze und Bernie. Drei völlig unterschiedliche Charaktere mit einer gemeinsamen Eigenschaft: Beim Sport muss es absolut selbstlos in eine Richtung gehen. Nach vorne. Vollgas. Lebensmotto: No risk no fun. Die meinten das ernst. Ich kenne heute niemanden, der no risk no fun sagt. Folgerichtig holte sich Robbe irgendwann auf dem Skateboard seinen Kreuzbandriss ab.

Ich war vor meinem ersten Schneebrett-Erlebnis selbstbewusst und tief √ľberzeugt, dass das mit dem Boarden v√∂llig easy ist, t√∂nte im Vorfeld rum, jaja, ich bin ja schon Skateboard gefahren. Voll easy!

Ich bin in den letzten zw√∂lf Jahren mehrere Tausend Kilometer gelaufen. Grob √ľberschlagen zwischen 25 bis 30.000. Darunter waren unter anderem drei Marathons plus das dazugeh√∂rige sehr intensive Training. Nach einem Marathon l√§uft man etwas breitbeinig, und es schmerzt ein, zwei Tage ein bisschen – aber ich war noch nie in meinen Leben so fertig wie nach meinen ersten Boardertag in Balderschwang. Gut, 1994 war ich eben auch einfach alles andere als fit.

Pfeifendeckel war es mit easy. Paar Meter geradeaus gefahren, im Tiefschnee-Feld gelandet. M√ľhselig und keuchend wieder ausgegraben, wie aus einem Sumpf. Am Ufer drei lachende Br√ľder. Und Stress haben sie gemacht. Wir m√ľssen hier runter, wow, da 10 Meter Tiefschnee, da dr√ľben ist die Sonne, lass uns schnell dahin fahren. Ich kam nat√ľrlich kaum hinterher. Nach zwei, drei Stunden konnte ich so bisschen den Berg runter, √§hm, auf der Kante rutschen.

Gegen Mittag wartete ich mit Bernie am Sessellift. Er hat sich aufopferungsvoll um mich gek√ľmmert hat, Robbe und Matze war ich zu lahm. Es war ein sonniger Tag, Balderschwang war ausgebucht wie die Schr√§glage am Wochenende, circa 200 bis 300 Menschen warteten auf ihren Transport nach oben. Wir kamen an die Reihe, er, goofy, links, ich, regular, rechts. Der Zweisitzer rauschte an, ich stand wohl zu weit aussen, verpasste den optimalen Draufspringpunkt, wurde von dem Lift mitgerissen, hielt mich an dem Stahlger√ľst fest und lie√ü mich John McLane-m√§ssig noch circa 20, 30 Meter lang mitschleifen. Vor meiner Nase tobte vor Lachen der Bernie. Ich lie√ü schlie√ülich los und versank im Schnee, der Lift-W√§chter bl√∂ckte mich wie bl√∂d auf bayrisch an, hinter mir 300 Menschen, die sich in der Mittagssonne an meinem Stunt erfreuten. Guck dir den geilen Depp an. Ja sorry.

Den restlichen Tag brachte ich solide herum, hatte das Board gegen Ende okay im Griff und Robbe beruhigte mich, dass ich nicht der erste sei, der den Einsatz am Lift verpasst. Ich merkte schon auf der R√ľckfahrt, dass ich v√∂llig am Ende bin. Jedes K√∂rperteil brannte. Knochen wie Muskeln. Keine Kraft f√ľr nichts. Zu oft aus dem Tiefschnee gebudelt. Daheim erst mal Badewanne. Soll gut tun. Ich war nicht mal mehr f√§hig meine damals langen Haare zu waschen und musste Mutti rufen. Ehrlich. Meine Finger waren taub. War peinlich Part 2 an diesem Tag. Sie hat es aber gerne gemacht. Mutti halt.

Hat √ľbrigens danach dann immer gut geklappt, konnte sogar irgendwann paar Moves, und die Snowboard-Urlaube z√§hlen zu meinen sch√∂nsten Erlebnissen. Wenn sich jetzt im Winter die Snowboardpremieren h√§ufen, wie am kommenden Samstag im Delphi mit dem Ma√üst√§besetzer-Streifen “The Art Of Flight”, dann denke ich nicht nur an die Wochen in Frankreich sondern zu allererst an Balderschwang, Home of Muskelkater.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=kh29_SERH0Y [/youtube]
The Art of Flight Premiere
Delphi Kino
Samstag, 19. November, Beginn 22:30 Uhr 
Afterparty im Speakeasy
Karten im VK gibt es f√ľr 7 Euro in der Funbox

Artofflightmovie.com

12 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.