Bibliothek gaffen

Stadtbibliothek Stuttgart
Stadtbibliothek Stuttgart

Sybille Berg meinte einmal via Twitter: “Es ist nicht der Montag, sondern euer Leben.” Ich twitterte vorhin: “Montag ist so schön. Geh mir jetzt die Bibliothek anschauen und guck ob die 50 Cent Biographie da ist.” Nach dem vielen Gelaber darüber musste mich mir das Ding sofort anschauen. Passiert ja auch nicht alle Tage, dass ein neues, dazu kontrovers diskutiertes Gebäude, für das Volk eröffnet, außer halt, ja, ähm, ein Einkaufszentrum.

Außer gaffen gibt es für mich keinen weiteren Grund eine Bibliothek aufzusuchen. Mein Verhältnis zu Büchern: Keines. Liegt nicht daran, dass Bücher doof oder langweilig wären, ganz im Gegenteil, meine Zeitprioritäten sind schlicht und einfach anders verteilt. So hat es, ich wiederhole es immer wieder gerne, in den letzten zehn, elf, zwölf Jahren für dreikommafünf Bücher gereicht: Zweimal Hans Nieswandt, einmal Jörg Rohleder und die besagte 50 Cent Biographie bis Seite 68. Ausstieg jetzt!, dachte ich mir nach dem Fitty zum X-Ten wieder extrem hustlen musste.

Da ich am Wochenende einen neuen Zahlenfreund kennen gelernt habe, ein paar harte Dinger für viele andere Zahlenfreunde: 1999 hat der Architekt Eun Yong Yi den Wettbwerb gewonnen, Baubeschluss des Gemeinderates im Jahr 2008, Spatenstich im selben Jahr, Grundsteinlegung 2009, Richtfest Mai 2010, 40 Meter hoch, 11.500 Quadratmeter Nutzfläche, also circa halb so groß wie der neue Conrad oder das Wohnzimmer vom Thorsten, 500.000 Bücher, 80.000 mehr als zuvor. Und, jaja, 79 Millionen Euro. OB Schuster dankt dem Gemeinderat. Mehr Sachlichkeit auf der nächsten Seite.

Die Anreise erfolgt über den Pariser Platz oder die Türlenstraße. Hat man kurzerhand noch eine Brücke rübergeklatscht, sonst hätten sich die Bib-Besucher noch Gummistiefel anziehen müssen. Das Gebäude liegt ja aktuell noch im Brachland.

Brachland, hast du nicht…

Man weiß nicht genau ob aus dem Areal wirklich eines Tages ein lebendiges Viertel wird, momentan ist die Lage – natürlich – nicht mit der alten zu vergleichen. So gesehen ist die neue Library am oft zitierten Arsch der Welt. Und es wird viel an der Bibliothek selbst liegen, wie sich diese Ecke entwickelt. Der Besucherandrang war heute jedenfalls, ich würde sagen, schon recht groß für die Mittagszeit. Das Interesse scheint da zu sein.

Zugang über alle vier Seiten (zumindest später mal) und zur Orientierung das Touchscreen fettfingern.

Danach ab ins jetzt schon berühmte Herz, der Raum zum Innehalten, Kraft tanken…

…oder in der Pfütze planschen:

Dieses wunderschöne Warmwasserbecken ist, wenn ich das richtig verstanden habe, eine Hommage an den aus Kostengründen eingesparten Teich vor der Bibliothek. Schon am Freitag beim Die-da-oben-Treffen sind laut StZ viele einfach durchgedackelt, als sie staunend durch den Raum gelaufen sind. Bitte Socken zum Wechseln selbst mitbringen.

Die ersten vier Etagen sind um das Herz herum gebaut, beginnend mit der Musikabteilung im 1. OG, CDs, Bildbände, Biographien, mal weniger bedeutend…

…und mal mehr.

Die Etagen sind allesamt mit schicken Sitzmöglichkeiten bestückt. Okay, vorausgesetzt man findet den Stil schick.

Überall Steckdosen dran. Ausgefuchst.

Bei Leben hab ich ein Buch für Aussi entdeckt und eines für mich…

…und von ganzem Herzen widme ich Mutti dieses Bild, der nächste Frühling kommt bestimmt:

Und bitte immer dran denken:

(!!!!)

Ab Etage 5 steht man dann auf dem Herz und bekommt diesen Eindruck, hatten wir ja schon mal hier.

Und jetzt ein unfassbares Atmosphären-Video, MAZ ab.

Funktioniert übrigens noch nicht nicht alles, wie z.B. die Büchertransportanlage.

Diese Beschriftung zieht sich übrigens durch das ganze Haus, fand ich ein wenig IKEA-mässig. An den Scheiben der obigen LesBar steht dann halt “köstlich”, “verlockend” etc. Die Auswahl war recht limitiert, bisschen Muffins, Cupcakes, Müsli…

…und Achtung, kein Bier bislang, also falls sich gerade jemand denkt, komm lass ma da ein Bier trinken gehen. Die Genehmigung für den Ausschank alkoholischer Getränke steht noch aus, meinte der Barmann zu mir. Ach so, die zwei Herrschaften vor mir wollten eines zischeln, file under Mittagsbierchen, nicht ich. Hab mir zur Feier des Tages ein Müsli, eine Butterbrezel, einen Kaffee und ein Mineralwasser gegönnt, dafür bekam ich ein Tischgespräch über moderne Hüft-OPs umsonst.

Wäre ich ein Bücherwurm, eine Leseratte oder ein Biertrinker, würde ich glaub nur noch dort abhängen. Innen ist das schon ganz gut geworden. Nur das mit der Pfütze checken die Leute noch nicht ganz und war beim Gehen schon umzingelt.

Ist meines Wissens nach nicht im Sinne des Architekten, in dem Raum soll ja wirklich absolut gar nichts sein, da war der See schon bestimmt ein riesiger Kompromiss. Aber muss man dem auch nicht erzählen.

 

P.S.: Noch ein besseres Video vom Samstag:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Uuw4lCtPAd4[/youtube]

Neues kulturelles Zentrum: Die Stadtbibliothek am Mailänder Platz ist eingeweiht

Die Stadtbibliothek am Mailänder Platz ist nach drei Jahren Bauzeit eröffnet worden. Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster, die Leiterin der Stadtbibliothek, Ingrid Bussmann, und Architekt Eun Young Yi haben den Neubau am Freitag, 21. Oktober, eingeweiht. Der Bibliotheksbetrieb startet am Montag, 24. Oktober, um 9 Uhr. Die Besucher werden in dem 40 Meter hohen Gebäude großzügige, moderne Räume und ein deutlich erweitertes Angebot vorfinden.

Bei der Einweihungsfeier sagte Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster: „Der Neubau ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit der Stadt. Die Bibliothek ermöglicht allen Bürgern lebenslanges Lernen. Das von Eun Young Yi entworfene Gebäude bietet hervorragende Voraussetzungen für moderne Bibliotheksarbeit. Ich bin dem Gemeinderat dankbar, dass er von Beginn an die Notwendigkeit des Neubaus gesehen und die benötigten Mittel bereitgestellt hat.“ Der OB hob hervor, dass das Gebäude eine städtebauliche Bereicherung sei: „Als Haus des Wissens und der Kultur wird die Bibliothek kulturelles Zentrum und attraktiver Treffpunkt mitten im neuen Europaviertel sein.“

Für Ingrid Bussmann erfüllt sich mit dem Neubau ein Traum: „Hier ist ein Haus entstanden für die Menschen in dieser Stadt – egal welcher Herkunft und welcher Generation. Alle können nun eine neue Erlebniswelt der Medien und des Wissens entdecken. Wir freuen uns auf den Betriebsbeginn, aber es ist für uns in gewisser Weise auch ein Abenteuer, denn wir konnten die neue Technik noch nicht umfassend erproben und bitten schon jetzt um Verständnis falls noch nicht alles auf Anhieb funktioniert.“

Architekt Professor Eun Young Yi freut sich, dass es endlich soweit ist und die Bibliothek nach der langen Planungsphase Wirklichkeit geworden ist. „In einer modernen Gesellschaft rückt die Bedeutung eines Ortes für individuelle Wissensvertiefung in den Mittelpunkt. Der monolithischen Baukörper vermittelt ein homogenes, absolut ruhiges Bild. Die Glasbausteinhülle sorgt dafür, dass die Gebäudeoberfläche weich und elegant wirkt.“

Die beengte räumliche Situation der Bibliothek gehört in dem von Eun Young Yi entworfenem Neubau der Vergangenheit an. Die neue Zentralbibliothek bietet mit einer Nutzfläche von über 11 500 Quadratmetern fast doppelt so viel Raum wie im Wilhelmspalais. In dem neun Stockwerke hohen Gebäude gibt es eine Vielzahl ruhiger Lese-, Schreib- und Lernplätze, viele gemütliche Ecken zum Schmökern und umfangreiche Zugänge ins Internet. Darüber hinaus stehen den Nutzern fünf Gruppenräume für gemeinsames Lernen und für den Wissensaustausch zur Verfügung.

Im Zentrum des Gebäudes befindet sich das Herz, ein 14 Meter hoher Raum, der als Ruhepol dient und den Besuchern ermöglicht, von der hektischen Außenwelt Abstand zu gewinnen. Direkt darüber – vom vierten bis zum achten Stockwerk – erstreckt sich der Galeriesaal, ein Lesesalon der die Form einer umgekehrten Stufenpyramide hat. Eine weitere Attraktion ist die große Dachterrasse, von der aus die Besucher den Blick auf die Stadt genießen können und auf die sie sich im Sommer mit einen Buch zurückziehen können. Das vom Caritasverband betriebene Café LesBar im achten Obergeschoss mit 40 Sitzplätzen und Selbstbedienungsservice bietet Kaffee, Tee, Kaltgetränke und Snacks an.

Im Max- Bense-Forum im ersten Untergeschoss haben bis zu 300 Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, Kulturprogramme zu genießen.

Die Gebäudehülle ist als Doppelfassade konzipiert. Die Außenwand besteht aus Glasbausteinen und Sichtbeton. Die dahinter liegende eigentliche Gebäudewand ist aus Glas. Auf diese Weise sind auf allen neun Stockwerken Wandelgänge entstanden, die um das gesamte Gebäude herumführen und von den Besuchern genutzt werden können. Die Außenfassade ist bei Nacht blau beleuchtet

In dem lichtdurchfluteten Gebäude stehen den Besuchern künftig insgesamt 500 000 Bücher und elektronische Medien zur Verfügung – 80 000 mehr als bislang. Klassische Buchkultur wird mit den neuesten digitalen Entwicklungen verbunden. Neben dem traditionellen Bibliothekssortiment gibt es 112 Notebooks und 28 fest installierte Computer, jeweils mit Internetzugang, sowie 60 Recherche-PCs. Außerdem steht ein mit hochwertigen Computern ausgestatteter Showroom zur Verfügung, der als digitale Experimentierstätte dient.

Die Kinderbibliothek verfügt mit 860 Quadratmetern über eine drei Mal so große Publikumsfläche, wie bislang. Es gibt dort einen Vorlesebereich und zahlreiche Attraktionen wie beispielsweise eine „Technikbox“ zum Experimentieren und Tüfteln oder eine „Naturbrücke“ mit Einblicken in den Mikrokosmos.

Auch die bislang ausgelagerte Musikbücherei ist wieder in die Zentralbibliothek integriert. Auf 800 Quadratmetern finden sich Noten, CDs, DVDs, ein erweiterter Literaturbereich sowie ein Klangstudio. Außerdem gibt es attraktive Hörplätze zur Nutzung des Audioangebots.

Neue Wege beschreitet die Stadtbibliothek auch, um ihren Nutzern die Orientierung im Haus zu erleichtern: An den Zugängen im Erdgeschoss sowie auf allen weiteren Ebenen stehen interaktive Stelen, die über Touchscreens Informationen zu Medien und Veranstaltungen bieten.

Die Besucher können die entliehenen Medien auf allen Ebenen selbst verbuchen. Die Rückgabe ist rund um die Uhr möglich. Neu ist, dass auch in der Graphothek, die ihre Kunstwerke im achten Obergeschoss frei zugänglich präsentiert, ausgewählte Bilder ohne Mithilfe des Personals entliehen werden können.

Eine moderne Sortieranlage transportiert alle zurückgegebenen Bücher, CDs und DVDs in elektromotorgetriebenen kleinen Wagen auf die richtige Ebene und lädt den Inhalt behutsam in bereitstehende Transportwagen ab. Sobald ein solcher Wagen gefüllt ist, wird automatisch eine E-Mail an das zuständige Team versandt. Die Rücksortierung der Medien in die Regale übernehmen die Mitarbeiter, unterstützt von dem rückenschonenden Kipp- und Federmechanismus der neuen Buchwagen.

Eine weitere Neuerung ist die Bibliothek für Schlaflose, die sich beim Osteingang befindet. Inhaber eines Leseausweises haben damit auch nachts oder an Feiertagen Zugang zu einer kleinen aber feinen Auswahl an Büchern.

Auch energetisch ist der Neubau auf dem neuesten Stand: 94 Geothermiesonden ermöglichen die Nutzung von Erdwärme. Hinzu kommen Photovoltaikanlagen auf dem Dach.

Die Kosten für den Neubau belaufen sich auf 79 Millionen Euro. Bereits 1999 hat der koreanische Architekt Eun Yong Yi den Architektenwettbewerb für die neue Bibliothek gewonnen. Im September 2008 fasste der Gemeinderat den Baubeschluss, Anfang November desselben Jahres wurde der erste Spatenstich gesetzt. Im Juni 2009 war Grundsteinlegung und nur elf Monate später, am 12. Mai 2010, wurde das Richtfest gefeiert.

Die Öffnungszeiten der neuen Stadtbibliothek am Mailänderplatz, Mailänder Platz 1, 70173 Stuttgart, sind von 51 auf 72 Stunden pro Woche ausgeweitet worden. Das Haus ist montags bis samstags von 9 bis 21 Uhr geöffnet.

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