Best of 2011: Es gibt kein Bier auf Hawaii

Cannstatter Wasen. Der Ort, an dem sich die Generationen n√§her kommen. Ein √§lterer Herr legt fast beil√§ufig seiner sehr jungen Begleitung die Hand auf den Hintern, allerdings so wie Leute das tun, die nicht “Hintern”, sondern “Arsch” denken.

Wir Jungs erkennen solche Momente. Der Kerl ist on fire, die wenigen Haare, die er hat, tr√§gt er grau ‚Äď Styler. Eine Frau mit blondgrauen Haaren und be√§ngstigender Vorderauslage am Dirndl fragt mich auf dem Weg zur Toilette unverbl√ľmt, was ich denn bitte f√ľr einer sei. Als ob ich das w√ľsste.

Meine Cheffin Sabine sagt: “Benimm’ Dich bitte, nicht dass ich Dich bei der Polizeiwache ausl√∂sen muss”. Dabei f√§nde ich das sehr spannend. “Setzer, kannst gehen. Jemand hat Kaution f√ľr dich gestellt”. Aber ich sehe ein, dass das den Abend unn√∂tig komplizieren w√ľrde.

Au√üerdem sollte man hier ganz andere Leute verhaften: Mungo Jerry zum Beispiel. Der steht auf der B√ľhne und hat au√üer “In The Summertime” nur recht d√ľrftiges Material anzubieten. Das hinderte einen Musikmanager aus Winnenden trotzdem nicht, sein Comeback als Sensation zu verkaufen, in der Rangordnung noch vor den Ramones in Originalbesetzung. Mungo Jerry und seine Statisten machen sich nicht einmal die M√ľhe, so zu tun als w√ľrden sie live spielen. Irgendjemand wird’s schon fressen.

Hunger hab ich keinen bei der offiziellen Wasen-Er√∂ffnung. Bin zum ersten mal da und wollte eh schon immer mal sehen, wie unser Oberb√ľrgermeister Wolfgang Schuster etwas mit Substanz macht. Einen Zapf in ein Bierfass zu kloppen, scheint mir da ein guter Anlass.

Die Tatsache, dass die Menschen hier schon Bier trinken, bevor er den Stunt macht, sollte ihm allerdings zu denken geben. Nachhaltig ist auch was anderes: Bei der Trinkerlaune im Zelt, ist das Fass in nullkommanix leer. So bleibt f√ľr Schuster wieder nur ein symbolischer Akt ‚Ästwahrscheinlich wird er bald Bundespr√§sident.

Reden h√§lt er auch wie einer: Er strapaziert Schwabenklischees, rechnet die Kosten f√ľr Stuttgart 21 in Freibier um und kalauert sich um den Verstand. √úberboten wird er nur von Christoph Sonntag. Aber der ist da schlie√ülich Profi.

Viele Leute klatschen, einige hauen sich die eigene Hand gegen die Stirn. Der Moderator vom SWR ist dagegen sehr witzig: Er nennt CDU Kreisvorsitzer Michael F√∂ll, den Wasenb√ľrgermeister. Das klingt wie Spa√üminister, Joy Division.

Die nette Frau, die uns mit Getr√§nken versorgt tr√§gt eine W√§scheklammer am Revers auf der “Can D” steht ‚Äst“Candy”, sagt sie. Frauen, die so hei√üen, kenne ich nur aus Filmen, in denen Robert De Niro nie mitspielt. Und ich frage mich, wie ich wohl in Leder-Hot-Pants und Karohemd aussehen w√ľrde.

Stefan Mross prescht derweil durch die Reihen und singt ein ulkiges Lied. Ich dachte immer,¬† der w√ľrde nur eine hei√üe Trompete blasen. Er scheint doch Multiinstrumenatlist, fast so wie Prince. Die Kastelruther Spatzen (vielleicht auch Zillertaler Sch√ľrzenj√§ger, kurz nicht aufgepasst) rocken auch das Haus. Der SWR √ľbertr√§gt die Party trotzdem live und nebenan f√ľhrt der VfB noch 1:0 gegen Hamburg.

Schnell ein alkoholfreies Bier bestellt, f√ľr den Fall dass Thorsten vorbeikommt. Gibt’s hier im astreinen Stigma-Krug. Der Aussenreporter hat sich schon entschuldigt, er schaut nebenan dem VfB zu. Karlsruher sollten das √∂fter tun, Leid sind sie eh gewohnt.

Bier macht beweglich. Ich lerne das auf dem Wasen, weil ich sonst kaum Bier trinke. Aber der Toilettenmann gibt mir die High Five, ich ihm schon wieder 50 Cent. Aber das ist gut angelegtes Kapital, denn es macht durchaus Spaß, sich auf der Wasentoilette umzuhören.

Zwei Typen unterhalten sich derart angeregt √ľber die Geschlechtsteile von Frauen, mit denen sie nicht verheiratet sind, dass einer in der Kabine spontan und sehr laut kotzen muss. Kurze Analyse der M√∂pse-Taskforce: “Naus damit, wenn’s koi Miete zahlt”. Schockschwerenot, der Kerl evakuiert den Wohnblock. Mein Freund, der Toilettenmann singt.

Trotzdem: Wenn man das alles hier will, gibt’s wahrscheinlich keinen besseren Ort auf der Welt. Da ist Spa√ü drin. Klar, organisiert bis ins letzte Detail, aber lieber so als gar nicht. Die Rheinl√§nder haben Karneval, wir hier im S√ľden wiesnwasen uns ein paar Tage im Jahr blitzsauber dem Wahnsinn entgegen.

Dirndl, Lederhosen, Karohemden ‚Äď vollgepackt mit Leuten, die einem noch mit einem Auge zuzwinkern, Frauen die sehr viel Bier tragen k√∂nnen, Betrunkenen, Ausgelassenen, Sympathischen, ein paar Idioten, Grapschern, einigen Arschl√∂chern auch und hohen Tieren, die so tun, als ob sie mal vom Pferd gestiegen w√§ren ‚Äď bestens besch√ľtzt und eingerahmt von Zeltsecurities mit Nerven wie Drahtseilen, abgrundtief guter Stimmung und frivoler Partymusik weit unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner. √Ąpfel und Birnen in einem Zelt, nur Zwangszyniker w√ľrden da Mathematik draus machen wollen.

Gelernt haben wir auch was: Auf den B√§nken tanzen ist okay, auf dem Tisch ist’s verboten. Liegt wahrscheinlich an der Fallh√∂he und daran, dass es sich mit drei Ma√ü im Blut schlecht balancieren l√§sst. Zwei vergn√ľgliche Kerle aus Esslingen Zell werfen uns Witze an den Kopf, wir nehmen die Flanken an. Doppelpass, Viererkette, die Null steht, wir sitzen. Auf der B√ľhne rennt derweil ein sehr gro√üer Hase herum ‚Ästwirklich. Nicht so wie bei “Donnie Darko” aber trotzdem irre.

Dann wird’s wirklich irre: Ich glaube, Diego Armando Maradona sitzt ein paar B√§nke weiter. Sabine sagt “Neeehh”, der freundliche Mann von den Stuttgarter Nachrichten, schaut mich kurz an als ob ich zu viel Bier getrunken h√§tte und ignoriert mich dann. “Dieegooohh”, sag ich nochmal mit Nachdruck und zeige unauff√§llig auff√§llig in seine Richtung. Keiner glaubt mir ‚Äď beziehungsweise niemand beachtet mich. Das ist ein sehr gro√üer Unterschied.

Ich bleib’ dabei: Die Hand Gottes war da. Und die H√∂lle erkennt man daran, dass Bier in Literkr√ľgen ausgeschenkt wird. Wir Metaller haben eine gef√§hrliche Faszination f√ľr solche Orte.

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