Zwischenbilanz Vordereinstieg

(Komm nach N-E-U-G, komm nach N-E-U-G)

Ende Februar hat die SSB den konsequenten Vordereinstieg eingeführt. Ich selbst fahre so gut wie nie Bus und kann folglich dazu nichts sagen. Einer unserer Leser nutzt die Gelenkkastenwägen nahezu jeden Tag und hat uns nach vier Monaten von vorne ein persönliches Fazit geschickt. Aus Angst davor ein Leben lang in einer hinteren Doppeltür eingeklemmt durch Stuttgart fahren zu müssen, möchte er anonym bleiben.

Alle täglichen ÖPNV-Nutzer werden es bereits längst gemerkt haben: Vor einigen Monaten erließ die Stuttgarter Straßenbahnen AG den glorreichen Erlass, dass jeder Fahrgast in den Bussen fortan vorne beim Fahrer einsteigen möge. Das galt vorher schon ab 21 Uhr, jetzt also ganztägig. Erklärte Ziele des SSB-2011-Dekrets sind unter anderem:

  • Mehr Sicherheit durch persönlichen Kontakt zwischen Fahrgästen und Fahrern (Hä, der Busfahrer, mein bester Freund, oder wie? Und: Inwiefern gibt das mehr Sicherheit? Verteilt der bei der Notwasserung im Neckar ab jetzt Schwimmwesten?)
  • Bessere Information durch direkte Ansprache („Hamse Ticket? Nicht? Raus!“)

Der Vorderein- und Hinterausstieg sei außerdem gar nütze, Verzögerungen an Haltestellen zu vermeiden. Nachdem sich das jetzt einige Monaten eingependelt hat ist festzuhalten: Das ist für die Fahrgäste großer Quark, die SSB machts allein wegen dem Geld.

Erstens: In jedem Bus gibt es noch zwei hervorragend konzipierte andere Einstiege mit Doppeltüren, die nun ein Leben als reiner Ausstieg fristen müssen, während sich alle Einsteigenden durch die kleine Fahrertür vorne drängeln.

Zweitens: Geschätzte 99 Prozent aller Berufstätigen, Studis oder Schüler, die mit dem Bus rumgurken, haben ein Jahres- oder Monatsticket. Das muss man nicht immer vorzeigen, das gilt ja durchgehend. Gängelei und Kontrollwahn, finden viele.

Drittens: Morgens und abends steigen, etwa am Hauptbahnhof, so viele Leute an der Fahrertür ein, dass da Schlangen wie an der Abendkasse beim Justin-Bieber-Konzert entstehen. Nix Verzögerung vermeiden, eher erzeugen.

Viertens: Marodierende Adoleszentenhorden in der letzten Reihe gibt’s immer noch. Die steigen halt vorne ein und verstecken ihre Wodka-Bull-Buddeln so lange im Rucksack.

Fünftens: Kann man als nicht beabsichtigte Nebenfolge sehen, aber aktuell ist herausgekommen: Dreimal mehr Leute vergessen seitdem ihr Ticket im Bus (Den Punkt verstehen wir nicht, Ausweis zeigen, wieder einpacken, hinsetzen, Anm. KTV.)

Sechstens: Omas fallen wie die Dominosteine, weil die Fahrer losheizen, bevor die Älteren sich hingesetzt haben. Der Weg von ganz vorne nach ganz hinten zum nächsten freien Platz ist eben weit.

Nun zum Vorteil: Mehr Leute kaufen sich ein Ticket, weniger fahren schwarz. Aber muss die große, riesige Mehrzahl der Leute sich jetzt vorne durch die Fahrerschleuse quetschen und alle drei Wochen zum Fundbüro rennen, nur damit die paar Schwarzfahrer ihr Ticket zahlen oder gleich zu Fuß gehen? Oder muss man das als einer der ticketmäßig sowieso schon allerteuersten Verkehrsbetriebe Deutschlands, dem besseren Service geschuldet, hinnehmen, so wie der Supermarkt den Ladendieb?

24 Comments

  • Toni D. sagt:

    Waren das noch Zeiten… N5 Richtung NG. Unzählige Male reingekotzt!

  • Ohne Wertung zum Fronteinstieg.
    Aber was mal eine richtige Sauerei war:
    8:50 Uhr, junge Frau steigt an der Bushaltestelle Hegelplatz in den 43er ein, zeigt ihr Ticket, Busfahrer winkt sie durch. Ihr wisst alle was jetzt kommt. Kaum hat sie sich hingesetzt…”Fahrausweis bitte!” “Aha, damit dürfen Sie erst ab 9 Uhr fahren!”
    Sie war mit 9-Uhr-Umweltticket unterwegs. Der Busfahrer hat es freundlicherweise vermieden, sie darauf hinzuweisen. Und die Kontis haben ihr erstmal ein 40-Euro-Ticket ausgestellt.
    Weiß jetzt nicht, ob sie das bei der SSB noch geradegebogen bekam (die sind ja tatsächlich manchmal kulant), aber da fragt man sich schon, was bringt die Kontrolle durch den Busfahrer? Offensichtlich kontrolliert der ja dann nicht wirklich auf einen >gültigen< Fahrausweis.
    Wäre mir das passiert, ich wäre einigermaßen ausgetickt.

  • Synapsenbrei sagt:

    @ Toni D bah n5… das vermiss ich so gar nicht ! schlechte chart mukke… überfüllter bus + fahrgäste….. und dann fährt das ding eben auch noch nach neugereut…. den ort vermiss ich einfach so gar nicht ebenso wie das nachhtbusfahren im allgemeinen 😉

    aber b2t es kam wie es kommen musste….

  • Dome sagt:

    Bei mir wars der N7.. Das Prozedere war das gleiche 🙂

  • Niko sagt:

    Das Ding ist zwar kauttgegangen, habs dann aber einfach neugereut.

  • MCBuhl sagt:

    Ja, diese seltsame Begründung der SSB habe ich auch mit Verwunderung gelesen 🙂

    Meine ich das nur oder ist der Durchgang bei der 4er vorne schon recht eng? Kann das sein, dass die die Busse mal so gekauft haben, da ja eh 90% hinten einsteigen? Die neuren mit der schmalen Sitzreihe auf der rechten Seite sind geeigneter und es hat auch mehr Sitzplätze mit Blick nach hinten – ich fahre gerne “falsch” rum, weil ich mich da sicherer fühle und ich kann mich auf mein Scheiß konzentrieren, fahren kann der Fahrer idR auch alleine ganz gut!

    Gibt’s beim Bürgerhaushalt eigentlich den Vorschlag, dass Vordereinstieg wieder abgeschafft werden soll? Wenn nicht, stell ich den rein. Freie Fahrt für freie Bürger!

  • Fidi sagt:

    @MCBuhl: Den Vorschlag gibt es schon 🙂

  • Jogi sagt:

    Kommt man vorne eigentlich mit Kinderwagen durch?

  • MCBuhl sagt:

    Dann ist’s ja nur ein Klick… 😀

  • martin sagt:

    kinderwägen sind von der regel ausgenommen, wenn ich die broschüre gerade richtig überflogen habe

  • Martin Sp. sagt:

    Niko: 😀

    Und @all: Bloß dr Finfer bringt mi hoim. Gut, war mal, inzwischen ist es die 1.

  • Dee Kay sagt:

    Also letztens bin ich mal wieder an einer der letzten Haltestellen des N3 eingestiegen, wollte mir eine 1 -Zonen Karte kaufen, da meinte der Fahrer nur “Passt scho”.
    Fand ich dann nicht so schlecht 😛

  • Leo sagt:

    Obwohl ich hier keine ernsthaften Argumentationen erwarte –
    aber dieses ewige gebashe langweilt mich irgendwie.
    “Dont like”

  • Flo sagt:

    Hab bisher kein Busfahrer erlebt, der protestiert hat, wenn man doch hinten einsteigt…

    @kasperlcurtis: Wissen die Fahrer überhaupt immer, wann Kontrolleure am Start sind (auch wenn sie jeder Nichtblinde auf 100m erkennt)? Denn dass die Busfahrer die Tickets nur seeeeeehr flüchtig begutachten ist ja nicht neues und kein Faktor, auf den ich mich verlassen würde.

  • martinez sagt:

    ich hatte vor kurzem im 42er erlebt, dass wenn man doch hinten einsteigt eine Tonbandansage abgespielt wird bez. vorne Karte kaufen und so…

  • @Flo: Ich würde mich auch nicht drauf verlassen. Aber die Frage ist doch was das dann überhaupt bringen soll? Dann kann sich ja jeder auch am heimischen Computer was ausdrucken oder mit Buntstiften zusammenmalen, wenn der Busfahrer gar nicht wirklich hinschaut. Im Ernst, als brav zahlender Jahresticket-Abonnent finde ich das schon irgendwie gut (jaja, das Alter), dass das Schwarzfahren einigermaßen kurz gehalten wird. Aber wenn es dann überhaupt nix bringt, dass ich wegen der Begutachtung der Tickets durch den Busfahrer länger vor der Tür im Regen stehen muss und die Busse noch unpünktlicher fahren, dann ist das für mich doch irgendwie kontraproduktiv. Wenn schon, dann gscheid.

    @martinez: Ich habe schon erlebt, dass, als jemand dieser Aufforderung nicht nachgekommen ist, ernsthaft der Busfahrer aufgestanden und durch den ganzen Bus nach hinten gelaufen ist, um die Tickets zu kontrollieren. Scheiß auf die Fahrgäste die deswegen Anschlussbusse oder -Züge verpassen, oder Termine nicht einhalten können.

    Fazit für mich ist, dem zahlenden Kunden bringt’s eigentlich nix, ist für ihn im Normalfall aber auch kein Beinbruch.
    Am meisten geht’s glaub’ ich den Busfahrern auf den Keks.

  • TG sagt:

    Punkt 6 ist mir als ganz großer Nachteil schon mehrfach aufgefallen. In anderen Städten wartet der Fahrer, bis ältere Fahrgäste sich hingesetzt haben – in Stuttgart fährt man einfach los. Der Fahrplan ist heilig, alte Fahrgäste sind nur ein Verzögerungsfaktor, der lästig ist.

    Dieser gesamte Mist wurde mal wieder in Lügen verpackt und eingeführt, um die Einnahmen zu maximieren – zum Nachteil der zahlenden Kundschaft und natürlich mal wieder durch Reduzierung des Services.

  • Frau Doktor sagt:

    Anonymus’ Text deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich füge als weiteren Punkt hinzu: Seit der Einführung des Vorne-Only-Prinzips ist die Pünktlichkeit der Linie 42 in der Rush Hour zwischen 8 und 9 Uhr komplett am Arsch. Wer irgendwelche Anschlussbusse oder -bahnen bekommen muss, fährt besser mindestens zwei Bustakte vorher. Als Reaktion auf die massiven Verspätungen lässt die SSB auch gerne mal einen ganzen Takt ausfallen. Keine Ahnung, ob sie damit Geld sparen, die Kundenzufriedenheit erhöht sich damit aber ungemein.
    Ob der unmögliche Fahrstil und die Unerzogenheit, die einige der Fahrer an den Tag legen, mit denen ich schon das Vergbügen hatte, durch die Stadt zu gondeln, mit der neuen Regelung aufgetaucht ist, glaube ich eher nicht. Das hat sich nur verschärft, weil jetzt der Scheißlaune-Faktor (aka Berufzufriedenheit) der Fahrer etwas höher zu liegen scheint.
    Und jetzt das Positive: Es gibt sehr viele Fahrer, die haben eine so coole und lässige Art, das Vorne-einsteig-Gebot zu sabotieren, für die würde ich gerne eine eigene Hall of Fame einrichten (wenn sie das nicht wahrscheinlich eine Abmahnung kosten würde). Meine Lieblingsmethoden:
    1. Super nett mit einem alten Herrn oder einer alten Dame ein Schwätzchen darüber halten, wie früher doch alles… und dabei mit einer geschmeidigen Handbewegung alle anderen durchwinken (mit und ohne Karte).
    2. Wenn ein Erwachsener mit Kinderwagen oder Kind auf irgendeiner Sorte fahrbarem Untersatz hinten einsteigt, die fünf anderen, die dann noch einsteigen, einfach als Familie akzeptieren. (Da zeigt sich, was für sozial unglaublich progressive Menschen manchen Busfahrer sind, denen man das garnicht ansieht.)

  • pg sagt:

    @kasperlcurtis: die Busfahrer haben nur Sichtkontrolle … sie prüfen nciht, ob dein Ticket gültig ist – sie prüfen nur, ob du eines hast!

  • Funky Detlef sagt:

    wenn man ein viererticket vorzeigt kann man stempeln wie man lust hat und die zonen selbst bestimmen. irgendwie fallen mir jetzt vor allem die 42er auf, die hintereinander herfahren, obwohl sie im 7 minuten takt unterwegs sein müssten….

  • Daniela sagt:

    So wild find ich das alles nicht, pünktlich waren die Busse eigentlich noch nie, was zur Zeit auch durch diverse Baustellen noch eklatanter zum Vorschein kommt.

    Was echt gar nicht geht ist das Omi- Mobbing. Ist mir jetzt auch schön öfter in S- Bahnen passiert. Die kippen da um oder kommen nicht rechtzeitig raus, weil Klappe auf, Klappe zu. Omi zum Glück nicht tot.

    Was ich aber noch gerne hinzufügen möchte, an alle lieben Busfahrers:
    IHR SEID JA SO NETT!
    In keiner anderen Stadt, in der Mann vorne einsteigen muss (Berlin…) oder in der Mann mit Leuten aus den Öffentlichen zu tun hat, sie die Fahrer so nett wie in Stuttgarter Bussen. Die bedanken sich regelmäßig bei mir, dass ich denen meine Karte vorzeige.
    Da mache ich das gern auch weiterhin 🙂
    Einfach nett lächeln.

  • Philgrooves sagt:

    Mir fällt auch grade keine Stadt ein wo es keinen Vordereinstieg gibt (teilweise nur abends). Allerdings sind da imo auch die Busse darauf ausgelegt, also vorne viel Platz usw.

  • @pg: Das ist ja genau der Punkt. Was bringt’s denn dann?

  • kutmaster sagt:

    Gott, bin ich froh (noch) zwei U-Bahn Haltestellen vor der Haustüre zu haben. Leider sollen die bald “tiefergelegt” werden und dann gibt’s wohl ein paar Jahre Schienenersatzverkehr zwischen Neckartor und Charlottenplatz/ Hbf.

    Ich könnte bei dem Gedanken daran jetzt schon kotzen.

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