MC Gringo: The Boy From Ipanema

(DJ Diplo bei einem Set mit MC Gringo im Apple-Store in New York City)

Heute ein Gastbeitrag von einem geschätzten Ex-Kollegen von mir, Guenter Flohrs. Vor einigen Jahren berüchtigter Nightlife- und Gastro-Redakteur bei Prinz Stuttgart und auch als DJ im Nachtleben unterwegs, inzwischen eher im Stillen Buchautor und freier Journalist. Für KTV hat er den Stuttgarter Börnie Weber porträtiert, der in Rio lebt und unter dem Namen MC Gringo in der Baile Funk-Szene bekannte wurde.

Die Verführung lockt, jeden Tag. Das Büro, in dem Börnie Weber Ramos de Lacerda knechtet, liegt mitten in einem der Nuttenviertel von Rio de Janeiro. Er arbeitet als Immobilienmakler, um die vierköpfige Familie durchzubringen. Seine Frau Daniele, sein sechsjähriger Stiefsohn Mauricio, den er immer zum Kicken bringt, seine am 12. Dezember vergangenen Jahres geborene Tochter Liane – es ist der Tag, an dem auch Frank Sinatra auf die Welt kam – für sie alle hat der alte Hallodri, der früher keine Party im Stuttgarter Kessel ausließ, Verantwortung übernommen.

In Wirklichkeit ist Börnie Musiker. Er war es schon 1984, als er mit Basti Schwarz vom heutigen Produzenten- und DJ-Duo „Tiefschwarz“ eine Zwei-Mann-Punk-Kapelle ins Leben rief – „Mick Aldo and the Oldfuckers“. Mit Sombreros und in Schlafanzügen traten sie in schummrigen Schuppen im Schwabenland auf. Damals war seine Homebase noch in Stuttgart-Feuerbach.

Anfang der 90er war Börnie der Leadsänger der Ska-Formation „The Lodgers“, ebenfalls ein Stuttgarter Eigengewächs. Später folgten erste Ausflüge in den Samba-Bereich und als MC („Master of Ceremony“) für DJ Marco Zaffarano, ein Stuttgarter, der etwa in Osteuropa und auch sonst weltweit wesentlich mehr Erfolge hatte als in der Heimat.

VfB-Leibchen sind ein beliebtes Gastgeschenk, wie man weiß (v.li.): Gringo, Miami-Bass- und Funk-Legende Steve B. („Spring Love“) und Bro Binho beim Abfeiern

Anfang 2002 war das Fernweh zu groß. Bei einem ersten Ausflug nach Brasilien verliebte Weber sich in ein einheimisches Mädel namens Lidinea, ein Model. Sie lebten in Divinopolis, einer Industrie-Stadt, in der täglich frühmorgens die Fanfaren der Fabriken die Arbeiter zur Arbeit rufen. Nach einigen Jahren trennten sie sich wieder, er siedelte nach Rio über und lernte Daniele kennen, seine heutige Frau.

Als „MC Gringo“ etablierte er eine eigener Kultmarke in dieser Stadt. Baile Funk war und ist bislang sein Metier – überdrehter, schriller LowFi-Sound, der klingt, als hätten Spielzeugroboter aus Fernost ihn komponiert. Sex, Gewalt und Party-Abstürze sind die Themen; oftmals drastisch ironisch überzeichnet. Der Berliner DJ und Journalist Daniel Haaksman; Jahrgang 1968, ist einer der Protagonisten dieser Szene.

Typisch für Gringo ist, in Rio konsequent VfB-Trikots zu tragen. Mit seiner Begeisterung für Fußball machte er sich schon einige Freunde in der Metropole des Sonnenscheins und des Körperkults.

Vor allem aber weiß er die Medien zu begeistern: MTV, der Rolling Stone Japan, die „Zeit“, der „Spiegel“, und das temporär limitierte, ambitionierte Magazin-Projekt „Human globaler Zufall“ berichteten schon über den Wunderknaben.

Die „Stuttgarter Nachrichten“ leisteten sich Mitte Mai einen kleinen Lapsus: StN-Redakteur Uwe Bogen berichtete, dass der neue „Spaßsong“ von Börnie a.k.a. MC Gringo, „Eu fechei com Monstro DJ“, die „200 000er-Verkaufsmarke geknackt“ habe. In Wahrheit waren es 200 000 YouTube-Clicks, was wiederum einen kleinen Unterschied ausmacht.

Bahia Blues:“Ich habe denen irre Auftritte in den Favelas besorgt“ – Stuttgarts Vorzeige-DJ-Duo Schowi und Passion zu Gast in Brasilien bei Grandmaster Gringo (v.li.)

Aktuell peilt Börnie eine Karriere als Samba-Musiker an, Projektname: Bernardo. “Es läuft. Mit zwei Kindern und festem Job findet das Projekt aber leider derzeit zumeist im eigenen Heim statt”, berichtet er. Und: “Bis ich wieder besser bei Kasse bin oder einen Hit landen werde, mit dem ich „sofort“ Geld verdiene, muss ich es entspannter angehen.”

Gringo alias Bernardo zehrte nie vom Exoten-Bonus; er prügelte sich die Sprache innerhalb von wenigen Monaten ein und lernte schnell dazu. Inzwischen hält er auf Brasilianisch Vorträge in Hörsälen. Seine weitere Perspektive schätzt er nüchtern ein: “Bin in Hochform und singe hier ab und zu an den Kiosken. Mache nach wie vor sehr viele Sambaübersetzungen, vor allem von Cartola.” (gemeint ist der brasilianische Komponist Angenor de Oliveira, der 1980 mit 72 Jahren starb und einen Teil seines Lebens in bitterer Armut verbrachte – Anm. d. Red.)

Live für MTV an der Copacabana (v.li.): Preta Gil, die Tochter des brasilianischen Kulturministers und Ausnahmemusikers Gilberto Gil, mit Brasiliens MTV-Guru Gordo und MC Gringo

“Cartola war der Mitbegründer der Sambaschule Mangueira”, erzählt Börnie, der Junge von Ipanema, “und ich hatte als einer der wenigen Ausländer jemals die Chance, bei der heiligen Feijoada, dem monatlichen Samstagmittagtreffen mit Bohneneintopf, für die Mitglieder der Schule einen Samba in ihrer heiligen Halle singen zu dürfen.”

Gringo blieb in all der Zeit immer dankbar. Ein streitlustiger, aber dankbarer Christ, der auch seine spirituelle Seite hat: “Als ich abgefuckt allein und pleite in der Favela gewohnt habe, habe ich nachts aus sem nahegelegenen Wald manchmal Cartolas Stimme gehört und er sagte mir, dass alles gute wird, ich solle nicht aufgeben.”

Die Schattenseite eines Schwellenlands erlebte er, als er eines Tages einen Leistenbruch hatte. “Man kommt nur mit Beziehungen in ein öffentliches Krankenhaus, mit Beziehungen und Geld – vor den Eingangstüren ist bewaffnete Security positioniert, die die Armen davon abhält, in das Krankenhaus zu drängen.”

Immer wieder erzählt er von den „Pistolenmännern“, den Agenten der Drogen-Mafia, die sich in den Favelas heiße Gefechte mit den Rauschgiftfahndern liefert. Mit Silvester-Böllern wird deren Ankunft meist verraten. Aber man arrangiert sich mit allem; der Exil-Stuttgarter hätte nur dann wirklich schlechte Karten, wenn er ein Weißer wärer und keinen Brocken der Sprache beherrschen würde.

Börnie Weber zieht sein ganz persönliches „Goodbye, Deutschland“-Ding durch, seit neun Jahren. Neben den VfB-Heimspielen vermisst er vor allem die Kult-Pizzeria „Vesuvio“ in Feuerbach – ein Verschlag für die Essensausgabe, drei Stehtische und wer aufs Klo will, muss durch die Küche latschen.

Zuletzt übersetzte der 41-Jährige „O sol nascerá“ ins Deutsche, ein Evergreen von Cartola und seinem Partner Elton Medeiros, der im Rahmen einer Wette innerhalb von 40 Minuten komponiert wurde. “Es handelt davon, dass man immer lachend das Leben genießen soll”, meint Weber Ramos de Lacerda, “egal, wie die Lage ist und dass die Sonne jeden Tag immer wieder aufgehen wird – sie steht in diesem Fall als Sinnbild für die Hoffnung.”

Von Börnie Weber ins Deutsche übersetzter Samba-Song:
OS SOL NASCERÁ MASTER

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=PzTVIF9WKE0[/youtube] Dokumentation über MC Gringo

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=jOwW9jz_fHo[/youtube] MC Gringo – Monstro DJ

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