Fahrverbot für Gelb

(Logo-Krieg. So kann ein Briefkopf einer städtischen Pressemitteilung aussehen.)

Über den Sinn und Unsinn von Feinstaubplaketten ist vor Jahren viel diskutiert worden. Größerer Aufreger als Parken im Westen. Am Neckartor wird immer noch der höchste Feinstaubwert Deutschlands gemessen, zumindest war das noch letztes Jahr so, aber jetzt zündet trotzdem die nächste Stufe des Feinstaubminimierungsprogramms.

Ab Januar 2012 kommt das Fahrverbot für Fahrzeuge mit einer gelben Plakate. In Stuttgart betrifft das aktuell 12.000 Fahrzeuge, rund 9.000 können mit Nachrüstsätzen ab 690,20 Euro innercitytauglich gemacht werden. 700 Steine oder mehr muss man erst mal haben. Die Fahrzeughalter werden in diesen Tagen angeschrieben. Bürgermeister für Städtebau und Umwelt Matthias Hahn findet alles total super: „Die Stadt Stuttgart bietet den betroffenen Autofahrer einen großartigen Service. Jeder weiß sofort, woran er ist.“

Genau, halt Kohle ausgeben, verkaufen oder Schrottpresse. Als das Thema 2007 heiß wurde, stand ich damals mit meinem alten Hobel vor derselben Entscheidung und kam aus Angst vor der Verschrottung ziemlich ins Schwitzen. Ging aber alles gut und zugegeben etwas tricky zu meinen Gunsten aus, hab mich aber tief gefreut und das damals in der LIFT Märzausgabe 2008 dokumentieren dürfen:

Seit Wochen feiere ich eine innere Party. Mein geiler Bock hat die grüne Plakette bekommen und darf weiterhin fröhlich durch die City eiern. Mein geiler Bock ist eine Meisterleistung schwäbischer Ingenieurskunst: Daimler, Baujahr 1981, petrolgrün, Typenbezeichnung W123, auf dem Heck steht 280E, unter der Haube steckt ein 6-Zylinder-Motor mit 185 PS, der Innenraum bietet Features wie ein elektrisches Schiebedach, Klimaanlage oder Sitzheizung. Ein einziger Traum, den mir Stuttgart entreißen wollte – Feinstaub-Reduzierung.

In der sogenannten Umweltzone war kein Platz für meinen stinkenden Freund vorgesehen. Die Emissions-Schlüsselnummer im Fahrzeugschein sagte klar und deutlich: Dorfrennen oder Schrottpresse. Mein versierter Mechaniker meinte vergangenen Sommer, da lässt sich wohl nichts machen, wiederum andere Hobby-Schrauber meinten, dass mich eine Umrüstung bis zu 1000 Euro kosten würde. Und Stuttgart machte verstärkt Druck, ab 1. März 2008 soll die Umweltzone definitiv eingeführt werden.

Meine letzte Chance war Paul Wurm, der Erfinder des Wurm-Katalysators. Die Firma in S-Rohracker hat in den 80ern & Früh-90ern etliche Mercedes-Modelle nachgerüstet, auch in meinem Schiff wurde 1992 ein G-Kat der Paul Wurm GmbH eingebaut. Frau Wurm war am Telefon: „Des isch koi Problem. Da schigged mer ihne a Dogumend, da mached se dann a Umschlüsselung im Fahrzoigschoi und dann bäkommed se die Plaggädde. Und gell, wenn’s am Schalda Ärger gibt, rufet se me glei oah!“ Wow, Dienstleistungswüste Deutschland, where you at? Zwei Tage später war eine Mappe da, vollgestopft mit Bescheinigungen, Zahlenkolonnen und Bildern. Kostenpunkt 35 Euro.

Mit diesen Unterlagen bewaffnet ging es Ende Januar zum TÜV nach Feuerbach. Das junge Fräulein schaute zunächst ungläubig meinen Fahrzeugschein an, bis ich den Wurm-Jocker zog. „Ah ha, alles klar“, und fing an ihren Computer zu füttern. Oh Mann, das klappt ja wirklich! „Bitte am Kassenautomat zahlen und dann wieder her kommen.“ 17,40 Euro, sehr gerne. „Hier ist ihre Plakette, bitte sichtbar an der Windschutzscheibe anbringen.“ Mein Herz raste, die Siegerfaust in der Hosentasche ballte sich zusammen – jaahaa!

Es kam noch besser: „Wir übermitteln das dann dem Finanzamt.“ Wie Finanzamt? „Sie rücken ja jetzt in eine neue Steuerklasse, ihr Auto ist ja nun schadstoffärmer.“ Mensch stimmt, voll das Öko-Mobil jetzt, die olle Dreckschleuder! „Das wird dann billiger.“ Ich muss so unglaublich breit gegrinst haben. Sie lächelte zurück und wusste genau, was sie dachte: Das hat der Typ mit seinem alten Bock richtig geschickt eingefädelt. Aber mein alter Bock ist eben der Geilste. Gleich nach Paul Wurm.

LIFT März 2008

Mehr zum Fahrverbot für Gelb nach dem Sprung.

Gemeinsame Presseerklärung der Stadt Stuttgart, des Regierungspräsidiums Stuttgart, der Innung des Kraftfahrzeuggewerbes Region Stuttgart und des ADAC

Ab 2012 Fahrverbot für Gelbe Plakette – 9.000 Fahrzeuge können nachgerüstet werden

Der Luftreinhalteplan des Regierungspräsidiums untersagt Fahrzeugen mit gelber Umweltplakette das Fahren in der Landeshauptstadt ab Januar 2012. Dieses Fahrverbot betrifft allein in Stuttgart über 12.000 Fahrzeuge. 75 Prozent davon haben die Chance auf eine grüne Umweltplakette, wenn sie nachgerüstet werden. Daher hat die Landeshauptstadt zusammen mit dem Regierungspräsidium Stuttgart, der Innung des Verbands des Kraftfahrzeuggewerbes Region Stuttgart und dem ADAC eine Informations-Aktion gestartet.

Die Stadt schreibt in den nächsten Tagen die Autobesitzer an. Neben dem Hinweis auf das Verbot werden die Möglichkeiten zur Nachrüstung und die damit verbundenen Kosten benannt. Der Brieftext lautet dann beispielsweise: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass es für Ihr Fahrzeug nach dem Stand unserer Informationen mehrere Nachrüstmöglichkeiten gibt. Die Kosten der Nachrüstsätze beginnen bei 690,20 Euro zuzüglich der Kosten für den Einbau. Ein konkretes Angebot mit weiteren Angaben erhalten Sie unter http://vitkus.einspeiser.de/abfrage/. Geben Sie dort die Abfragenummer 305006090 ein. Sie erhalten dann Informationen über alle verfügbaren Nachrüstsätze.“

Der Bürgermeister für Städtebau und Umwelt, Matthias Hahn: „Die Stadt Stuttgart bietet den betroffenen Autofahrer einen großartigen Service. Jeder weiß sofort, woran er ist.“

Jeder dritte Autobesitzer wird gebeten, sich mit der Innung bzw. seiner Werkstatt in Verbindung zu setzen, um Nachrüstungsmöglichkeiten zu prüfen. „Abhängig von einer bestimmten Produktionswoche ist es manchmal schwer zu sagen, ob nachgerüstet werden kann“, sagt Obermeister Klaus-Dieter Schaal von der Kraftfahrzeuginnung. Klärung kann die Vorlage des Fahrzeugscheines bringen. Dazu kann der Autobesitzer in die Fachwerkstatt gehen. Oder er sendet eine Kopie seines Fahrzeugscheines im PDF-Format per Email an die folgende Adresse: service@katundfiltersuche.de. „Wir brauchen dafür allerdings eine elektronische Vorlage, weil sonst der Auswertungsaufwand zu hoch würde“, so Schaal.

KatundFiltersuche.de ist ein Internetangebot, das Kraftfahrzeuginnung und ADAC seit Beginn der Umweltzonen gemeinsam betreiben: „Über dieses Portal sind inzwischen viele tausend Nachrüstungsfragen gelaufen“, sagt Harry Kellner vom ADAC. „Mit der jetzigen Aktion setzen die Beteiligten nochmal ein Zeichen für die Umwelt, denn nach dem 31.12.2011 sind die Verhältnisse in Stuttgart klar, dann sind nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette erlaubt.“

„Mit dem Fahrverbot für Gelb setzen wir den vom Regierungspräsidium Stuttgart für die Landeshauptstadt erstellten Luftreinhalte- bzw. Aktionsplan um“, sagt der Bürgermeister für Recht, Sicherheit und Ordnung, Dr. Martin Schairer. Er warnt davor, sich allzu viele Hoffnungen auf Ausnahmeregelungen zu machen: „Im Interesse der Wirksamkeit für die Luftreinhaltung sind die Behörden zu einer restriktiven Ausnahmegenehmigungspraxis angehalten. Vom zuständigen Ministerium werden entsprechende Vorgaben im Herbst 2011 kommen, die die Stadt dann beachten muss.“

Bürgermeister Dr. Schairer rät Autobesitzern, umgehend zu handeln: „Je früher sich die Betroffenen um eine Nachrüstung kümmern, desto sicherer werden sie von dem ab 1. Januar 2012 geltenden Fahrverbot für Fahrzeuge mit gelber Umweltplakette nicht betroffen sein. Erfahrungsgemäß kommt es in den Wochen vor dem Ablauf der Frist zu Wartefristen in den Werkstätten und eventuell auch wieder zu Lieferengpässen bei den Nachrüstsätzen. Wer für sein Fahrzeug kein Nachrüstungsangebot findet, hat noch bis zum 31. Dezember 2011 Gelegenheit, sich um die Beschaffung eines Ersatzfahrzeugs zu bemühen.“

Das sieht auch Klaus-Dieter Schaal so: „Es ist in vielen Fällen auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit, ob sich eine Nachrüstung noch lohnt oder ob es günstiger ist, sich einen Neuwagen oder einen moderneren Gebrauchten zu beschaffen. Bis zu 9.000 Fahrzeuge nachzurüsten, können die Werkstätten in Stuttgart schaffen, aber das heißt, sie müssen jetzt damit anfangen.“

Die Stuttgarter Briefaktion ist für Schaal Auftakt für weitere Aktionen in der Region: „Da nicht nur Stuttgarter Autobesitzer betroffen sind, sondern auch die Pendler, die heute noch mit Autos mit gelben Plaketten zur Arbeit fahren, werden wir aufgrund der Stuttgarter Erfahrungen an die Landkreise herantreten und ihnen eine ähnliche Aktion für ihre Bereiche vorschlagen.“ Mit Bannern an den Zufahrtsstraßen nach Stuttgart, „wird die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt, aber der direkte Brief mit den persönlichen Informationen ist der beste Weg. Deswegen freue ich mich, dass wir das zusammen mit der Stadt und dem Regierungspräsidium umsetzen könnten.“

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