Ein Balkonkasten der Liebe

(So sehen Sieger aus: die Gewinner des schönsten Balkonkasten der Stadt mit OB-Pflanze, Foto: Frank Eppler)

Letzte Woche hat der OB den schönsten Blumenkasten der Stadt ausgezeichnet. Der Preis wurde im von Kessel.tv prĂ€sentierten Wettbewerb „NatĂŒrlich Stuttgart“ vergeben. „Was ist denn das fĂŒr ein MĂŒll, die haben wohl nichts Besseres zu tun“, beschwerte sich Martin per Mail beim Aussi. Der musste daraufhin zugeben, beim stĂ€dtischen Blumenschmuck- und Natur-in-die Stadt-Wettbewerb schon einmal teilgenommen zu haben. Die traurige Geschichte eines Scheiterns.

Unter uns: Ich bin der personifizierte Durchschnitt. Hab keine geilen Tattoos wie Thorsten, kann nicht toll auflegen wie der Ram, weil unmusikalische Kartoffel, und von einem Bartwuchs wie der Setzer trÀume ich schon seit Jahren.

Meine bisherigen 33 Lebensjahre waren an Highlights so arm wie Ostdeutschland ohne den Soli. Kindheit in Pforzheim ĂŒberlebt, die architektonische Tiefgarage Deutschlands fĂ€rbt aber bis heute styletechnisch auf mich ab.

Bisherige Lebenshöhepunkte in der Außenreporter-Bilanz: Eine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen 1993. Und ein sagenhafter erster Platz beim Vorlesewettbewerb am Hebel-Gymnasium in der Sechsten Klasse. Beim schulĂŒbergreifenden Wettbewerb war ich dann leider trotz des neuen Strickpullis von meiner Oma so aufgeregt, dass ich derbe abgelost habe.

Vielleicht erklĂ€rt diese schon so lange anhaltende MittelmĂ€ĂŸigkeit meinen heutigen Drang, in den wirklich wichtigen Disziplinen zu glĂ€nzen – zum Beispiel im Wettbewerb „NatĂŒrlich Stuttgart“, in dem unser OBle seit Jahren den schönsten Blumenkasten, den geilsten Balkon und die freshste Yucca-Palme prĂ€miert.

Vor drei Jahren hatte ich die geile Idee, mit LIFT an dem Wettbewerb teilzunehmen. Also fett mit Fotografin Angelika Großmann ein florales Konzept erarbeitet. Lasst Blumen sprechen, schon klar, aber sollten wir unsere Typo mit Geranien darstellen, das Logo mit Rosen nachstellen oder gleich einen ganzen Schriftzug nachgĂ€rtnern?

Wir entschieden uns fĂŒr eine nicht ganz so aufwendige Variante. Das Ergebnis war frischer als ein Rapsfeld im Mai, wurde direkt fotografisch dokumentiert, an das Garten- und Friedhofsamt der Stadt Stuttgart geflankt und in LIFT abgedruckt.

An den Wettbewerb haben wir dann nicht mehr groß gedacht, bis ich plötzlich eine Mail vom Amt bekam: „Danke fĂŒr die Teilnahme, schaut ja echt ganz frĂŒhlingshaft aus, die Jury will sich euer GehĂ€nge jetzt aber noch live an der Redaktion anschauen.“

Super Idee, keine Frage, nur hatten wir unser Kunstwerk im Garten der Fotografin angelegt und bis die Schnarchnasen vom Amt am Start waren, war das Setting schon den Weg des Irdischen gegangen – bis auf einen kĂŒmmerlichen Rest, den ich auf meinem Balkon zweitverwertete. Ich also schnell nach Hause gerannt und die letzten zwei Töpfchen fĂŒr die Redaktion geholt. Sah richtig traurig aus.

Zum vereinbarten Termin standen dann sechs (!) Mitarbeiter vom Friedhofsamt bei mir im Zimmer, kamen glaub direkt aus der Kantine, alle super gemĂŒtlich und haben sich angesichts der Geranie nur etwas irritiert angeschaut.

Hab ihnen dann irgendwas von SchĂ€dlingsbefall, Hagel und bösen Geistern erzĂ€hlt, eine grundsolide LĂŒgengeschichte halt, worauf mich die Kumpel weinend in den Arm genommen und getröstet haben. Stimmt natĂŒrlich nicht, das mit dem Heulen, aufgemuntert haben sie mich aber trotzdem. Vor lauter Scham hat die Digicam dann gestreikt, deshalb habe ich leider kein Beweisfoto, dass die Hirbel bei uns waren.

Hab den Besuch dann wiederum schnell vergessen, bis ich Post bekam vom OBle. Kommt auch nicht so oft vor, ich also gleich aufgerissen – und bin dann vor Lachen aus den Schuhen gefallen. Wir hatten tatsĂ€chlich einen Preis gewonnen beim Wettbewerb, scheinbar bekommt jeder KleingĂ€rtner eine Urkunde.

Hab mich natĂŒrlich super gefreut, war dann auch eine ultrafette Party, die Preisvergabe, eine Mayday der SchrebergĂ€rtner, das Rocker 33 der BalkonkĂ€sten, ein Floristenrave der Extraklasse in der Liederhalle. Durchschnittsalter 86, super Sound, geile Reden, starke Preise, nĂ€mlich – wer hĂ€tte das gedacht – Pflanzen, Pflanzen und noch einmal Pflanzen. Junger Spitz, war ich stolz, als ich dort meine Urkunde abholen durfte. Teil der BalkonbegrĂŒnungselite dieser Stadt sein zu dĂŒrfen erfĂŒllt meinen grĂŒnen Daumen bis heute mit Freude.

NĂ€chstes Jahr mach ich beim Wettbewerb wieder mit und begrĂŒne dafĂŒr die komplette Corso mit WeidekĂ€tzchen, Sonneblumen und Stangenpflanzen.

Der Wettbewerb 2011 lÀuft noch bis Ende Juni, fette Preisvergabe dann im Oktober, mehr Infos hier.

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