Best of 2011: Mit Cosimo zu Bushido nach Berlin – Teil 1

Jetzt wird’s heftig. Mein Ex-Lieblings-Praktikant bei LIFT, Moritz Drung, hat kürzlich die Autofahrt seines Lebens mitgemacht: Mit der Mitfahrzentrale von Stuttgart nach Berlin. Das klingt an sich jetzt vielleicht nicht nach super heavy funk. Höchstens für Ram und Thorsten, die beide gar nicht wissen, was eine Mitfahrzentrale ist – Thorsten fährt ja immer einen BMW aus seinem Fuhrpark spazieren und Ram hat schon lange aufgehört, irgendwo hinzufahren, der joggt zur Not auch von S-West bis Barcelona.

Für alle Bahncard-100-Besitzer: Mitfahrzentrale ist ein bisschen wie Lotto spielen. Man weiß nie, was bei der Ziehung des Fahrers und der anderen Nasen im Auto bei rumkommt. Moritz hat bei der Fahrt seines Lebens den Hauptgewinn abgeräumt. Er düste mit Cosimo und weiteren Künstlern mit 240 Sachen nach Berlin. Klar, dass mein liebster Freizeit-Poet, Indie-Musiker und Neuköllner Lebenskünstler diese Erfahrung mit uns teilen muss.

Ich mag Mitfahrgelegenheiten nicht besonders: Die Enge, das leise Pop-Radio, das Versetzt-Werden, die Unsicherheit über den Fahrstil. Das einzige, was mir an der Reise über die Mitfahrzentrale gefällt, ist die nicht vorhersehbare Zusammenwürfelung von unterschiedlichsten Menschen auf kleinstem Raum.

Voller Zweifel also kürzlich nach Böblingen, ein schwarzer BMW wartet. Ziemlich miese Stimmung. Und dann: Dann wird die Strecke Stuttgart – Berlin die abgedrehteste, surrealste, tiefgängigste, versauteste und eindrucksvollste Reise seit langem – am Schluss haben wir uns alle umarmt. Was für ein unglaublicher Moment am S-Bahnhof Wannsee, als Cosimo aussteigt, um zu Bushido zu fahren.

Cosimo kannte ich zuvor nicht, nicht aus dem Fernsehen, nicht aus der Zeitung und auch nicht aus Stuttgart. Erst nach der Fahrt habe ich verstanden, wer der nicht nur hier oft belächelte ist. Meiner Meinung nach zu unrecht. Allein die letzte Szene im Bushido-Trailer – über 200.000 Aufrufe!

Mit wie viel Überzeugung Cosimo die Heimat-Frage mit „Hallschlag, Stuttgart!“ beantwortet – das finde ich einprägsamer, cooler und urbaner als sämtliche Hipster-Versuche rund um den Hans-im-Glück-Brunnen. Danach: „Wenn jemand weiß, wo Hallschlag ist, der weiß genau, wo das ist“: Ist das nicht Poesie auf eine moderne, kaputte Weise?

Total überzogen, werden viele denken, aber so habe ich ihn an dem Tag erlebt und in Erinnerung behalten, und genau deshalb will ich jetzt endlich anfangen zu erzählen.

Die Hammer-Fahrt geht los

Der Fahrer ein 25-jähriger gebürtiger Ossi, in Böblingen aufgewachsen, nach Berlin umgesiedelt, jetzt in Barcelona – guter Start. Meine Stimmung hellt sich endgültig auf, als wir nach Vaihingen rein fahren (wo ich mich wieder wundere, wie man auf die Idee kommen kann, Vaihingen gehöre ernsthaft zu Stuttgart) und Cosimo unter einer Industriebrücke am Straßenrand steht. Ultra-Typ, der Typ. Enge Jeansjacke und Hose, Tolle – ein Rockabilly, denke ich.

Während er einsteigt, verwundern dann die gezupften Augenbrauen und der Sonnenstudio-Teint, aber sein weiches Gesicht mit den schweren Liedern über wachen Augen gefällt mir von Anfang an. Definitiv eine Künstlervisage. Der zweite Satz, den ich von ihm höre: „Ich glaube, ein Song kann die Welt verändern! Guck dir Elvis an!“ Erfrischend, so eine Ansage, auf dem Weg ins nihilistische Berlin.

Wir fahren bei Ludwigsburg raus, letzten Fahrgast abholen. Am McDonalds-Schalter, McFlurry in der linken, im Augenwinkel: Der Typ aus dem Auto gibt Autogramme? Verdammter Kater, denke ich, Einbildung, aber tatsächlich: Er gibt Autogramme! Und zwar jede Menge.

Verwundert laufe ich zum Auto zurück: „Was geht denn bei dir ab? Du hast gerade Autogramme gegeben?“ – Und Cosimo, halb stolz, halb noch daran zweifelnd: „Ich hab’s bei DSDS in die letzte Runde geschafft!“ – Und das ganze Auto: „WAAAAS?!!?“

Wir stellen uns vor. Auf der Rückbank, neben mir, ein Heilbronner mit Heilbronner Akzent, großer Schlacks mit großer Sonnenbrille. Er ist Makler für Luxus-Immobilien in Berlin: Was für ein Klischee. „Na, da biste ja bestimmt beliebt dort“, schmeiße ich ihm wenig begeistert entgegen – und muss später feststellen, dass er neben Cosimo der zweite in diesem Auto ist, in dem man sich total täuschen kann.

Druckreife Biografie: Mit den Eltern aus der DDR geflohen (Helmut Schmidt steckte seinem Vater in der Wittenberger Kirche Ausweisdokumente ins Revers), von der Drogenbande bis zur Depression alles mitgemacht, gerissen und witzig („Stuttgarter kommen mit dem Heilbronner Humor nicht klar“) und hasst „Leute, die sich ihr Wissen aus Büchern holen und sich beim Rezitieren schlau vorkommen“. Ist mit einer Millionärstochter genau so zusammen gewesen wie mit einem Mädchen, deren bettelarmer Mutter er heimlich Geld zusteckte. Jetzt halt Makler für millionenschwere Immobilien in den Topvierteln von Berlin.

Ich erwähne es, weil er sich extrem gut mit Cosimo verstanden hat: Sie waren sich verblüffend ähnlich. Ich habe beide nicht einen einzigen unaufrichtigen Satz sagen gehört. Nur Überzeugung, Ehrlichkeit, Präsenz. Zudem waren sie krass unterhaltsam und hatten eine beeindruckende, positive Ausstrahlung.

Die Mittelstreifen auf der Autobahn sind flüssig, mit 240 gen Hauptstadt, und zumindest ich komme gedankenmäßig bei dem Tempo nicht mehr klar. Gesprächsmauern längst durchbrochen, es wird kreuz und quer geredet. Fahrer: „He, deine Sitzheizung ist voll aufgedreht.“ Cosimo: „Ich brauch des!“ Der Heilbronner erkundigt sich, was Cosimo in Berlin vorhat. „Bushido besuchen!“. Bushido?! „Ja, ich mach Beats für den! Und Frisör.“ Ich beginne zu verstehen: Die Fahrt wird witzig.

Lest morgen in Moritz zweitem Teil: Darauf muss man laut Cosimo beim Porno-Dreh achten.

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