Best of 2011: Boxen-Nachbericht: Felix im Sturm

Sportfoto des Jahres, Körperdouble: Thorsten Weh

Sorry, Wortspiele mit Namen wie hier in der Überschrift gehen eigentlich gar nicht, ist das dritte Gebot der heiligen zehn journalistischen Weisheiten und kommt direkt hinter „Ja, richtig geschriebener Name ist irgendwie geiler als falscher“ und „Ähem, ja, wir versuchen schon, mit dem Mensch zu reden, bevor wir über ihn schreiben. Zumindest manchmal.“

Auch wichtig ist übrigens ein geiler Einstieg in einen Text, den hier hab ich jetzt schon granatenmäßig versemmelt wie der VfB seinen Ausflug nach Leverkusen, also noch mal von vorne: Willkomen zum unaktuellen Sportstudio, zu Boxerle.tv, dem wichtigsten und unaktuellsten Box-Blog der Welt.

Wie versprochen war ich am Samstag brav in der Porsche-Arena am Ring. Hab mit Papa einen Männerausflug gemacht, erst Weinstube Fröhlich, dann Boxstube Aggro, um Herrn Sturm mal live zu erleben.

Eins vorneweg: Ich hab von Boxen keine Ahnung, gehe aber gerne zu den etwas größeren Kämpfen, weil das Rahmenprogramm besser als Fernsehen ist. Die Mischung im Publikum ist sensationell, meistens trifft man dort Vorbilder und Idole wie René Weller oder Joe Bauer, dazu jede Menge Miezen, wie ich sie mir zum Beispiel im Penthouse vorstelle, also Mini-Rock in Gürtel-Größe und weitere vorteilhafte Charaktereigenschaften.

Samstag war für mich ganz besonders aufregend, weil ich davor noch nie meinen Papa auf eine Veranstaltung mit eingeschmuggelt hatte. Wir hatten absurd gute Plätze, direkt am Ring. Ich war die ganze Zeit voll aufgeregt, weil ich mich für kessel.tv, Deutschlands wichtigsten Box-Blog, akkreditiert hatte und die ganze Zeit vor Angst geschlottert hab, dass der Schwindel auffliegt und wir hochkant aus der Halle fliegen. Papa fand’s dagegen voll normal, mit Karl-Heinz Schwensen zu chillen, bekannt aus dem Song “Dein Herz schlägt schneller” von 5 Sterne Deluxe, und hat die ganze Zeit heimlich die Nummerngirls abgelichtet.

Hab dann ehrlich gesagt auch bissle versagt, weil ich unbedingt ein Foto mit Loddar machen wollte, der seine neue, die künftige 25. Ehefrau im Schlepptau hatte. Dabei war ich top auf den Kampf vorbereitet: Hatte donnerstags beim Bowlen eine astreine 197er-Runde auf die Bahn gelegt und war auch mental extrem stabil. Wollte aber lieber Papi nicht aus den Augen lassen, weil Schiss, dass er von den Gorillas aus der Halle geleitet wird und mich Mutti dann wieder zurecht zur Sau macht.

Angst war aber zum Glück unbegründet, so hatten wir einen duften Abend direkt hinter der amerikanischen Ecke mit herrlichen Sozialstudien rund um ein buntes Publikum. Die Black Jackets waren zum Beispiel da, diese freundliche, christliche Jugendgruppe aus der Region, von denen etliche gerade vor Gericht stehen wegen Schulhofschlägereien und anderem.

Axel Baseballkappe Schulz saß neben dem Sat-1-Live-Reporter direkt an der Ecke des Rings, an dem immer die Nummerngirls einsteigen mussten. Konnte so astrein Axels Kennerblick verfolgen, der die Mädels vom ersten Scan unter den Rock bis zum finalen Ausstieg mit seinem Boxer-Blick bewertet hat.

Schwensen hat sich derbe über zwei so Heinis aus dem Dschungelcamp gefreut, die ich zwar nicht kannte, dafür aber scheinbar jeder andere in der Halle und Thorsten sowieso.

Rechts Schwensen – kennste?, links Dschungel und Camp

Außerdem am Start Julian Schieber im feinen Zwirn mit Einstecktuch. Hab den erst gar nicht erkannt, weil Box-Mode normalerweise aus geschmackvollen Stiefeln bis zum Knie und zum Schnüren, Leoparden-Kleid oder silbernem Hemd besteht.

Dann war noch der unvermeidliche Pocher zu Gange, Prinz Poldi himself, der nach dem Kampf mit der Handkamera im Ring filmte und die schabrackige Andrea Kaiser von Sat1 anbaggerte. Plus jede Menge Box-Prominz von Firat Arslan bis Marco Huck.

Überraschender Weise wurde auch geboxt. Erstes Highlight des Abends der Kickbox-Vorkampf zwischen Dr. Dingsbums Theiss, meiner Hausärztin, und einer Italienerin mit dem schönen Namen Capucci, klang ehrlich gesagt eher so nach Porno-Künstlername.

Doktor Theiss ist anscheinend auch ein kleines Medienphänomen, sieht bisschen aus wie direkt von einem FDP-Plakat gecastet, hat angeblich Humanmedizin studiert und bestimmt hat der von und zu Copy Paste Guttenberg für seine Ex-Doktorarbeit auch von der Theiss abgeschrieben.

Frauen-Kickboxen wird glaub weniger meine Lieblingssportart, fand das eher so mittelerotisch, wie sich die Theiss im Mini-Rock mit der knuffigen Italienerin geprügelt hat. Das sportliche Vorprogramm bei so nem WM-Kampf ist aber sowieso immer volle Möhre Nebensache, weil halt alle auf den Main-Act des Abends warten.

Der war dann auch wirklich amtlich. Zumindest in Sachen Inszenierung haben die Privaten gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen immer die Nase vorn. Als ich das letzte Mal bei einem ZDF-Kampf war, bestand das Unterhaltungshighlight darin, dass die Fans immer „Waldi, ausziehen, ausziehen“ skandiert haben, sobald sie Waldemar Hartmann in der Kommentatoren-Box entdeckt hatten.

Als Box-Legastheniker freue ich mich fast mehr auf die Songs, zu denen die Jungs einlaufen, als anschließend zu beobachten, wie sie sich gegenseitig vermöbeln. Die Sound-Auswahl sagt ja auch immer was über das Kämpferle aus, Arthur Abraham ist zum Beispiel früher tatsächlich mit dem Lied der Schlümpfe, gesungen von Vader Abraham eingelaufen. Ansonsten hört man meistens Gangster-HipHop oder geilen Melodic-Rock.

Sturms Gegner Ronald Hearns war in der Hinsicht sehr enttäuschend, lief nämlich mit so weichgespültem R&B ein. Musste zur Strafe dann zehn Minuten im Ring auf Sturm warten, weil dessen Selbstinszenierung so lang dauerte. Erst Herzschlag in voller Lautstärke durch die Halle gejagt, passend dazu Licht aufgehellt und abgedunkelt. Dann haben Linkin Park für Sturm den boxtechnisch fast schon poetischen Song „Bleedin out“ performt, allerdings nicht in Stuttgart, sondern irgendwo in der amerikanischen Pampa vor Publikum, live und direkt auf die Leinwand der Porsche-Arena übertragen.

Dann wurde der Felix überlebensgroß auf der Leinwand gezeigt, schließlich gab es die fetteste Pyrotechnik seit Silvester und schwuppdiwupp stand Felix himself vor der Leinwand, leider mit seltsamem Stirnband, hab aber dennoch Gänsehaut und Schnappatmung gleichzeitig gehabt, weil es so geil gemacht war. War die konsequenteste Selbstüberhöhung durch Leinwand und Feuerwerk, die ich seit Jahren, seit Puff Daddy in der Schleyerhalle gesehen habe.

Der Kampf selber war dann recht schnell rum. War schnell klar, dass Felix Sturm, bürgerlich Adnan Catic, den jungen Hearns platt machen würde – sehr zur Freude der viele Bosnier in der Halle, die laut meiner Jugoexpertenfreundin Mascha übrigens die ganze Zeit sehr friedfertig „Bring ihn um, Adnan“ auf Bosnisch skandierten.

Schöne Box-Experten-Geschichte am Rande: Der Vater vom Sturm-Gegner Ronald Hearns war selber in den 80ern einer der fettesten Boxer der Welt und gewann unter seinem Kampfnamen The Hitman ungefähr 800 WM-Gürtel. Selbiger Hitman saß Samstag dann direkt vor meinem Papa und machte seinen armen Sohnemann durch übereifriges Anfeuern ganz schalu. Hat mich ein bisschen an die geilen Eltern erinnert, die schon in der C-Jugend im Fußballverein an der Seitenlinie stehen und den Filius antreiben: „Steh auf, Marvin, und kämpfe, sonst wirst du nie ein zweiter Ballack.“

In der siebten Runde hat Sturm den Hitman Jr. dann k.o. geschlagen. Hätte er bestimmt schon früher gekonnt, boxt jetzt aber auf eigene Rechnung und hatte wahrscheinlich Sat 1 versprechen müssen, dass sie mindestens sieben Werbepausen lang Geld verdienen dürfen.

Konfetti für Felix, Abgang für den kleinen Hitman

Alles in allem war’s ein spitzen Abend. Hatte nach dem Kampf zwar Schwierigkeiten, Papa nach Hause zu bringen, weil der lieber noch mit zwei von den Nummern-Girls auf die VIP-Party gehen wollte. Poldi stand aber schon bereit und wollte noch Strachi im Perkins Park besuchen. Da kannste natürlich nicht Nein sagen. Zurück ins Studio.

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