Wollny-Geiss-Montag

Gestern Abend schwierige Entscheidung: Lege ich jetzt die “Recomposed”-CD von Carl Craig und Moritz von Oswald ein und lasse mich zu ihren Versionen von Maurice Ravel und Modest Mussorgsky fallen oder schalte ich die Glotze an und geb mir wieder den neuen RTL2-Schockprogramm-Montag aka Wollny-Geiss-Doppelpack. Ach komm, dachte ich mir, liesst ja gerne das Feuilleton der Zeit, dann passt RTL2 ganz gut zu dir. Und wenn Thorsten schon Dschungelcamp guckt… mithalten lautet da die Devise!

Der Hintergedanke der RTL2-Planer ist ja nicht ganz dämlich: Lass uns zuerst das scheinbare Rumvegetieren einer armen 10köpfigen Familie aus Gladbach dokumentieren und dann das feudale Leben der Geissens in, ähm, Monaco? Macht irgendwo Sinn. Wer nicht mehr weiß, wer die Wollnys waren, kurze Stütze:

Falls jemand gerade in der Kinderplanung steckt sicherlich eine nette Inspirationsquelle für einen passenden Mädchennamen. Der einzige Junge der Familie, der wiederum aussieht wie ein Mädchen, heißt übrigens Jeremy (glaub ich zumindest, komm da etwas durcheinander) und hat es, wie man sich vorstellen kann, unter lauter Mädchen und einer dominanten Mutter nicht ganz einfach.

Das Problem an beiden Sendungen (die Geissens sehe ich in diesen Tagen übrigens zum ersten Mal), und da wären wir wieder bei Maurice Ravel: Carl Craig und Moritz von Oswald lauschen ist wesentlich spannender. Das liegt daran, dass letztendlich beide Clans nicht viel hergeben, bzw. um es auf den Punkt zu bringen: Die Wollnys haben halt unfassbar viele Kinder und die Geissens eben unfassbar viel Geld. Punkt. Mehr ist da nicht.

Schämt man sich z.B. bei den Auswanderern manchmal aufgrund ihrer unglaublichen Dummheit (“Wir haben 1500 Euro gespart, lass uns in Paraquay einen Modelleisenbahnladen aufmachen.”) etwas fremd  oder sitzt man bei DSDS fassungslos vor lauter Gesichtsverlust der Kandidaten vor der Glotze, steuert Mama Wollny zwar sehr laut, aber grundsolide und streng den riesigen Haushalt mit wenig zu Verfügung stehenden Mitteln durch den Alltag.

Die gute Frau ist erst 45, zwar vom Leben etwas gekennzeichnet, die ersten drei Kinder sind schon aus dem Haus (wann hat man bitte angefangen zu zeugen?), aber hat gemeinsam mit ihrem liebenswerten Mann auf 320 Quadratmetern mittels Einkommensquellen namens Frührente, Hartz4 und Kindergeld alles im Griff. Auch wenn sie etwas nervig ist, muss man da fast schon sagen: Respekt. Kein Peter Zwegat in Sicht.

Ihre Kinder zieht Mama Wollny ordentlich und sparsam groß, bitte nicht zu sexy anziehen und um 22:00 Uhr daheim sein, Pommes an der Autobahnraststätte für alle sind eigentlich zu teuer (aber der Papa drückt ein Auge zu), der Campingurlaub in Holland kostet die ganze Familie 1500 Euro, die Schultüte für das Nesthäkchen basteln alle zusammen und prinzipiell leben alle gerne in der Großfamilie. Man will die Wollnys fast schon knuddeln und für sie spenden. Ich könnte mir vorstellen, RTL2 hat sich das anders vorgestellt.

Für die Geissens empfindet man ebenfalls recht schnell Sympathien, auch wenn man die natürlich nicht unterstützen muss. Denn zunächst fragt man sich die ganze Zeit: Für wie viele Millionen hat der Robert seine Firma verkauft bzw. wie gut hat er die Kohle angelegt? War Uncle Sam echt so der Bringer? Also allen Anschein nach sind die Geissens wirklich unermesslich reich.

Bleiben aber gerne auf dem Teppich, zumindest mal der Robert. “Wir sind ne ganz normale Familie, leben nicht auf einem anderen Planeten oder so und frühstücken auch zusammen und unsere Kinder gehen zur Schule.” Sehr löblich.

Allgemein ist der Robert ein sehr einfacher wie pragmatischer Mensch (“Wenn man den Heli nimmt, fährt man die Reifen vom Auto nicht so ab.”) und, das macht diese Sendung wiederum etwas langweilig, ich hab das Gefühl, dass er auf überhaupt nichts Bock hat, außer in der Sonne zu liegen und in Ruhe seinen Lebensabend zu genießen. Und wenn der Ober-Geiss da so genervt wie stoisch in die Kamera mosert, fragt man sich, warum so ein Typ wie der Robert überhaupt diesen ganzen Fernsehzirkus mitmacht.

Ich schätze mal, das liegt alles an ihr. Carmen braucht Rampenlicht. Muss ihre unglaublich riesigen Möpse durchs Bild schieben. Will mit Jürgen Drews singen, wofür sie wiederum Robert auslacht (“Steh ja auch nicht morgens auf und sag heute bin ich Astronaut.”) und falls Langeweile aufkommt geht sie halt shoppen. Aber Robert wird den Teufel tun und ihr beim Tragen helfen, darüber müsse sie sich ja im Vorfeld klar sein, dass man den ganzen Krempel auch heimschleppen muss, meint er dazu nur.

Ich kenn zwar die Quoten nicht, aber ob beide Dynastien nochmals mehrwöchige Slots bekommen bezweifle ich etwas. Da fehlt das Drama, die Sensation. Monotonie wohin man schaut, sowohl in Gladbach als auch in Monaco. Zwar sind beide auf ihre Art reich, aber ob das auf Dauer fürs TV ausreicht?

Fazit: Vielleicht sollte ich doch noch ins Dschungelcamp einsteigen, scheint ja laut den Comments hier recht unterhaltsam zu sein. Oder doch lieber Carl Craig hören.

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