“Savoir-vivre auf echt Schwäbisch” – Bülow Carré & Century

Im Eifer des Gefechts ging gestern ein interessanter Artikel in der Stuttgarter Zeitung mit dem Titel “Quartierumbau verdrängt Szenewirte” unter. Die Bilder verrieten sofort, ah ha, es geht um den Block Bolz-, Stephan-, Lautenschlagerstraße. Erste Frage war natürlich, wo sind bitte schön die “Szenewirte”, mal abgesehen vom Palast-Fähnchen im Wind.

Unter anderem kam der kürzlich aus dem Eck “vertriebene” Marshall-Chef Volker Wunder zu Wort, der, wie auch schon mal mir gegenüber, erwähnte, dass sein Vermieter, die Bülow AG (remember Bülow Tower?), irgendwann die fünffache Miete aufrief.

Wunder ist deswegen zwischenzeitlich bekanntlich abgewandert und hat in der Eberhardtstraße einen schönen neuen Laden eröffnet, wie ich finde. Und nach 10 Jahren kann so ein Ortswechsel ja auch mal durchaus revitalisierend sein.

Stichwort Revitalisierung: Das hat die Bülow AG nun mit dem 10.000 Quadratmeter großen Century und dem angedockten Bülow Carré mit 26.000 Quadratmeter mit dem Barrio zwischen den drei Straßen vor. So soll sich die Neubau-Achse bis zum HBF erschließen.

Tut auf der einen Seite gerade der recht leblosen Stephanstraße sicherlich ganz gut. Dem längst geschlossenen Club Move, einst offizieller Parkplatztreff der Alle-Kastenwägen-dieser-Erde-vereinigt-Euch e.V. heult sowieso kaum jemand eine Träne hinterher.

Auf der anderen Seite muss bei diesem Revitalisierungsprogramm z.B. das Restaurant Salvini weichen. Schade. War da wiederum aber fast nie essen, weil die Ecke längst (nächtens) nicht mehr meine ist. Wir Ewiggestrigen jammern, heulen, flennen ja schon seit der Schließung des Tiers hemmungslos durch die Gegend.

Aight, bei aller Revitalisierung wissen wir natürlich was da passiert, Mischnutzung galore – Thorsten würde wieder sagen, man kann ja auch keine Fachwerkhäuschen bauen. Schaltet man auf Durchzug, ist obiges Video sogar recht lustig.

“Das ist savoir-vivre auf echt Schwäbisch” heißt es da, dass “der Stefan-Straße und der Lautenschlager-Straße ihre ursprüngliche Bedeutung” zurückgegeben wird (Dreh und Angelpunkt zu Zeiten des alten Bahnhofs), außerdem ist von “interessanten gastronomische Einheiten” die Rede und man sich doch bei der luftigen Architektur “an idyllische Orte versetzt fühlt, die gut und gerne 1000 Kilometer südlich gelegen sind”. Hossa!

Nun denn, das Eck war eh längst verloren, freuen wir uns auf die Plaza de Stephan, und hoffen, dass die Lautenschlager mit Palast, Flashgib und roten Bänken noch ne Weile leicht neben der Spur bleibt. Und ab Ende September gibts dann auch wieder etwas neue “Subkultur”, zwar minimalst außerhalb des Cityrings, aber mit dem Fahrrad und vom HBF zu Fuss immer noch locker zu erreichen.

8 Comments

  • Moritz Esyot sagt:

    Die Typo lässt schon ahnen was der Film dann unterstreicht. Ich hasse es wenn Stadtplaner so überheblich sind und meinen man könnte Kultur mit einem Glaskasten irgendwo hinplanen.

  • busyasabee sagt:

    die haben schon irgenwann ende 70er/ anfang 80er in vaihingen ein “bülow-center” gebaut, das bis heute NICHT das zentrum wurde sondern seitem mehrfach vergeblichen revitaliseirungsversuchen standgehalten hat… manche lernens nie

  • Volker sagt:

    Auja. Noch mehr Büroflächen. Vielleicht sollten wir einfach alle 24 h am Tag im Büro sitzen, dann können wir endlich mal die leeren Büroflächen füllen und haben das Wohnungsproblem gelöst 😉

  • Tobi Tobsen sagt:

    die century typo und farbwahl erinnert mich irgendwie an ein circus…

  • Whiskydrinker sagt:

    Witzig, dass hier sich gleich jemand an das Bülow-Center in Vaihingen erinnert fühlt. Ich hab da zwar schon seit ein paar Jahren nicht mehr auf die Läden geachtet, aber schon beim letzten Mal war es da grausam. Da hat neben dem Nagelstudio eigentlich nur noch was Richtung Chic-y-micci gefehlt.

    Mittlerweile finde ich eigentlich, dass alles was nicht direkt an der Königstrasse oder rund um den Marktplatz ist, zum scheitern verurteilt ist.

  • alini sagt:

    “Für alle, die nicht nur eine erste Adressen sind”… haha! hach ja. mein germanistik-studium hat mich – wenn schon zu nichts nützlichem – wenigstens zum erstklassigen klugscheißer ausgebildet.

  • max sagt:

    “inspirativ” ist auch nicht ohne.

  • Martin Sch. sagt:

    “Und ab Ende September gibts dann auch wieder etwas neue “Subkultur”, zwar minimalst außerhalb des Cityrings, aber mit dem Fahrrad und vom HBF zu Fuss immer noch locker zu erreichen.”
    Öhm ich steh grad auf dem Schlauch… welche Location meinst Du damit?

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