Rote Wurst

Ich bin fußballmĂ€ĂŸig gesprochen ein Roter. VfB Stuttgart. Keine Ahnung warum das so ist. Ist halt so. Hab trotzdem noch nie eines der 163 Derbys gegen die “Blauen” aufm Sportplatz angeschaut. Dieses Mal, beim 164. – voll dabei. Waldau. GAZi-Stadion mit kleinem “i”. Esse auch gerne KĂ€se.

Kickers-Fan Oli auf den roten Roller gepackt und volle Kanne adrenalinmĂ€ĂŸig mit 15 km/h den Waldfriedof hochgefahren. Wir wurden auch gleich von so einem ENBW-Elektrofahrrad ĂŒberholt. Schon okay, der VfB hat ja nicht mehr ENBW auf dem Trikot stehen, sondern GAZi – und Strom fließt halt schneller als Milch. Besonders den Berg hinauf.

Oben war’s dann verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig super. Ging ab wie Toni Mang seiner Zeit. Bei Thorstens Ausfahrt darf ich trotzdem nicht mitfahren: Automatik-Schaltung. Linkinparkstrumpfhosenkram.

Biergarten vom Bravo Charlie haben wir auch gleich angeschaut. Sind die alten Frischluft-Möbel aus der Stadtmitte, sieht aber gemĂŒtlich aus. Lieblings-Ex-DJane und Sonnenschein Steffi steht am Grill und legt Schnitzel auf. Am Wochenende fahren sich hier die Leute wahrscheinlich gegenseitig mit dem Kinderwagen ĂŒber den Haufen.

Wir hingegen werden fast vom VfB-Bus ĂŒberfahren. Die kamen direkt aus dem Trainingslager in Donaueschingen und standen im Stau. Sehen kann man nix. Busscheiben sind pimpmĂ€ĂŸig verdunkelt. Das Spiel fĂ€ngt mit 15minĂŒtiger VerspĂ€tung an.

Beim “Paule” waren wir vorher auch noch. Das ist der Brunnenwirt fĂŒr Kickers-Fans. Deswegen gibt’s da auch keine Rote Wurst, sondern nur Wurst. Soll aber Ă€hnlich schmecken. Ansonsten alle voll nett, obwohl ich ein Roter bin.

Die RivalitĂ€t verstehe ich eh nicht in vollem Umfang. Die Kickers sind in der Regionalliga, der VfB in der Bundesliga. Gibt’s kaum was, ĂŒber das man ernsthaft streiten könnte. Außer man will halt ums Kaltverrecken Traditionen pflegen.

Und mal ohne jegliche HĂ€me in die blaue Vuvuzela geblasen: VfB gegen Kickers ist auf dem Zettel gerade als ob die KlitschkobrĂŒder einen ĂŒbergewichtigen GrundschĂŒler mit SehschwĂ€che verhauen wĂŒrden. Echte RivlitĂ€t sind anders aus.

Trotzdem: Kickers kommen auf den Platz – VfB-Block muht und buht. Andersrum auch: VfB kommt auf den Rasen – Muhbuh und Mittelfinger. Versteh’ ich nicht. Von mir aus können die Kickers ein paar Mal aufsteigen und wenn’s dann ein Bundesligaderby gibt – brĂŒll ich auch wieder mit. Da geht’s dann um was.

Der alte Chartbreaker von “den Blauen Parasiten” wird freilich auch angestimmt. Ist aber eigentlich nicht nötig: Kickers Fans reden im Normallfall immer weit schlechter ĂŒber ihren Club, als VfB Fans das je tun wĂŒrden. Ja, ja, wehe ich wĂŒrde das aber tun. Muss ich aber gar nicht.

Beide Mannschaften kicken so schlecht, dass man erstmal vor die eigene HaustĂŒre kotzen muss. FehlpĂ€sse, zu doof zum Ballstoppen und Ronaldoblödsinn, der nach hinten losgeht wie Furzen am Lagerfeuer.

Zwei Böller von Timo Gebhart (VfB), einer gegen die Latte. Ein paar Paraden von Kickers-Keeper Daniel Wagner. Sonst nix. Ah, doch: Henni vom Libero erzĂ€hlt, dass sie Frau Pogrebnyak gesehen hat, die Highheels anhatte, so hoch wie der Fernsehturm. Jana, bitte ĂŒbernehmen sie.

Erstes Highlight: ein kleiner Junge blĂ€st in seine Vuvuzela und alle lachen und sagen “Ahhhhh, endlich”. Ansonsten: keine Vuvuzelas. Zweites Highlight: VfB Ersatzkeeper Mark Ziegler verschusselt beinahe einen Ball und verletzt sich fast dabei. Drittes Highlight: Enzo Marchese zieht aus 30 Metern ab als wĂ€re er Giovanni Van Bronkhorst und trifft auch noch. Ziegler sieht witzig aus, wie er am Ball vobeifliegt. Im Gegenzug trifft dann Patrick Funk.

Noch ein Highlight: Endlich Halbzeit: 1:1. Halbzeitanalyse bei “Paule”: Karlheinz Ratzer, bester PlattenhĂ€ndler der Stadt, lacht und winkt nur ab.

Die Auslasskarte im Stadion ist gewagt. Erst draußen bemerkt, dass die Dinger seit Jahren beim VfB im Keller gelegen sein mĂŒssen. Sind aber trotzdem wieder reingelassen worden zur zweiten Halbzeit.

Zweite Halbzeit: Unwetterwarnung ĂŒber  die Stadionstereoanlage. Unwetter, Sturm, Gewitter, Hagel, Regen, ruhig bleiben, dem Wetter entsprechend verhalten. GegenĂŒber auf der HauptbĂŒhne ist dann endlich Leben im Spiel. 20% stehen plötzlich auf und hasten los. “Ah, Cabriofahrer”, sagt Oli.

Das Spiel wird besser.  So wie Fingerbruch manchmal halt besser als Armbruch ist. Kollege Jan von der Stuttgarter Zeitung skandiert derweil “Wir woll’n den Haaagel sehen”. Hinter mir brĂŒllt ein Ă€lterer Herr mit vorbildlicher Oberlippenbehaarung bei jeder Gelegenheit noch “Heiland Mailand” und motzt ĂŒber irgendwas. Kickers und VfB vergeben recht gute Chancen, ein paar schöne SpielzĂŒge gibt’s auch auf beiden Seiten. und dann ist der Kick auch endlich vorbei.

Endstand: 1:1. Klitschko wurde verhauen. Kein Klassenunterschied bemerkbar. Nach dem Spiel auf Olis Facebook iPhone-was-weiß-ich-App: “Jung und Sympathisch trotz Arrogant und Unsympathisch 1:1 ab” schreiben die Kickers. Ich befĂŒrchte, das sollte “trotzt” heißen.

Dann regnet’s und stĂŒrmt’s tatsĂ€chlich etwas. “Paule” lĂ€sst die Leute in sein kleines Zelt. Mir gefĂ€llt’s bei den Blauen. Nette Leute, können mit dem Fahrrad zum AuswĂ€rtsspiel fahren.

Kessel-Verlosung Gewinner Matthias (links) hatte auch bissle Spass. Anm. Setzer: Der Typ rechts hat einen super Musikgeschmack: T-Shirt von ISIS)

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