Die Martina und der Veuve

WĂ€hrend sich unser Außenreporter gern mal mit Erfolg in die Untiefen mittelstĂ€ndischen Unternehmertums begibt, zieht es mich ja mehr nach oben – sowohl gesellschaftlich als auch geographisch.

Deshalb konnte ich es mir nicht nehmen lassen, am Samstag die “Boa meets Porsche Museum Roof-Top-Party” zu besuchen. Der Flyer war schon mal vielversprechend – eine Boa, die sich ins Porsche Museum verbeißt. Die Veranstalter schienen Humor zu haben.

Auf dem Parkplatz beim Porsche Museum angekommen wurden die ersten Erwartungen voll erfĂŒllt – zahlreiche Chef-Cayennes mit Esslinger oder Ludwigsburger Kennzeichen neben ChefsekretĂ€rinnen-SLKs.

Vor dem Museum die erste Überraschung – Wolke 7 gibt es tatsĂ€chlich… wer hĂ€tte das damals gedacht?

Dann am Eingang schwĂ€bisch-ordentliches Schlangestehen, die Party ist ausverkauft, der Weißhemdenanteil ist schon angemessen hoch, Bussi links und Bussi rechts und kurze Kleider.

Stilgerecht im verspiegelten Aufzug nach oben und erst mal ein Fashion-Blogger-iPhone-Foto gemacht. Ram hat gemeint, wir mĂŒssen hier jetzt mehr auf Fashionblog machen, deshalb wird es solche Fotos jetzt öfter geben. Mein Outfit besteht aus H&M und Topman nebst Blogger-Frisur. Ich hoffe so klappt das auch mit der Akkreditierung fĂŒr die Fashionweek nĂ€chstes Jahr.

Oben angekommen erst mal mad Props fĂŒr die Architektur. Ich war ja schon zwei Mal im Museum und hab meiner Begeisterung schon Ausdruck verliehen, aber auch dieser Veranstaltungsraum ganz oben ist fantastisch, vor allem mit riesiger Außenterrasse. Da wird man doch leicht neidisch.

Ansonsten hatte man sich nicht allzu viel MĂŒhe gemacht, eine durch ein paar Traversen mit Beleuchtung ausgewiesene TanzflĂ€che, ein angemessenes DJ-Pult mit Boa-Schild und das Highlight, die VIP-Area. Hat mich irgendwie an die Reiser-Perfect Lovers-Hoch-Zeit Ende der 90er erinnert.

In einer Ecke des riesigen Raumes war nĂ€mlich einfach mittels Kordeln ein Bereich abgetrennt, zu dem man nur mit rotem BĂ€ndchen Zutritt hatte. Dort drin gab es dann neben einem Porsche-Schild und ein paar Stehtischen vermutlich FreigetrĂ€nke und den Gratis Blick auf die anderen draußen, die allerdings ebenfalls Gratis auf die drinnen blicken konnten. Das Schild “Bitte nicht fĂŒttern” konnte ich nicht finden.

Nach einer ersten Begehung der LokalitĂ€t mit Terrasse samt Blick ĂŒber die DĂ€cher von Zuffenhausen und Gourmet-Essensstand mit erstaunlich moderaten Preisen aber trotzdem bescheidenem Zuspruch…

… suchten wir uns einen strategisch wertvollen Platz direkt an der TanzflĂ€che, um uns mit den ersten Milieustudien zu beschĂ€ftigen. Und es war – wieder einmal – wie erwartet, und alle waren sie da.

Die Fitnessstudio-Betreiber und Immobilienmakler mit La Martina-Hemd aus Gerlingen, die RechtsanwĂ€lte und Ärzte mit Polo Ralph Lauren-Polo vom Killesberg, die VorstandssekretĂ€rinnen mit 5000-Euro-Hupen (noch 12 Raten, dann gehören sie mir), die MillionĂ€rsgattinnen mit tiefem Ausschnitt aus dem Breuninger Exquisit (heut geh mer wieder mal richtig abhotte), die gelangweilten MerzschĂŒlerinnen mit sehr kurzen Röcken, die im Zweierpack auftretenden Berufssöhne mit Papas PorscheschlĂŒssel und Einstecktuch, die Arzthelferinnen Ende 30 mit knappem H&M-Kleid auf der Suche nach einem Mann mit Geld, die ausgeflippten Versicherungsangestellten mit Salsakurs, frechem Hut und neckischem Kinnbart, die stinklangweiligen Doppelverdiener-PĂ€rchen mit den Kindern bei der Oma beim verzweifelten Versuch, die klĂ€glichen Ergebnisse des Hochzeits-Vorbereitungs-Tanzkurses vor 8 Jahren wieder ins GedĂ€chtnis zu rufen, die Pseudo-Hipster, die nur da sind, um ĂŒber andere zu lĂ€stern.

Es gibt ja selten einen grĂ¶ĂŸeren FremdschĂ€mfaktor, als wenn man Leuten beim Tanzen zusieht. Vor allem bei Veranstaltungen, wo ein Großteil des Publikums sich mehr der 50 nĂ€hert als der 40 noch nahe ist. Da gibt es die AusdrĂŒckstĂ€nzer, die Vor-Sich-Hin-Tribbler, die BalzhĂ€hne, die angegrauten Latinas, die Woodstock-Veteranen – ein herrliches Schauspiel.

Wichtig war ĂŒbrigens, immer einen Eimer mit ner Flasche Veuve auf dem Stehtisch parat zu haben. Falls zufĂ€llig der Kumpel aus dem Fitnesstudio, der GeschĂ€ftspartner aus Sindelfingen oder der alte Schulfreund aus Korntal vorbeikommt (Meeeensch, Hanneeeeees, jetzt kommsch mal da her).

DJ Nikos gab alles, von “I Am What I Am” ĂŒber “Lady” bis “Conga” und zurĂŒck, so manche Mitt-40erin konnte einen erfreuten Juchzer in Erinnerung an die Schuldisco nicht unterdrĂŒcken, und alle hatten einen Mords Spaß. Zugegeben.

Ein ehemaliger Partyveranstalter und jetziger Agenturinhaber meinte zu uns, er wĂ€re zu alt fĂŒr das alles. Wir konnten ihn beruhigen – er ist nicht zu alt, er ist zu jung.

Update:
Weil wahrscheinlich nicht alle alle Kommentare lesen – hier gibt’s ne Menge schöner Fotos von dem Abend.

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