Max Herre “Ein geschenkter Tag”

maxherre_cover

Natürlich muss ein Künstler seinen Weg gehen. Natürlich muss bzw. sollte sich ein Künstler weiterentwickeln, sich verändern und nicht vom Ruhm vergangener Tage zerren.

Natürlich kann man Max Herre verstehen, wenn er mit seinem zweiten Album endgültig das Image als “Max vom Freundeskreis” abschütteln möchte, auch wenn “Max vom Freundeskreis” zu sein sicherlich nicht so uncool ist. Immerhin war Freundeskreis keine so schlechte Band.

Auch wenn ich mich gerade nur dunkel daran erinnern kann, muss ich sagen, dass ich sein selbstbetiteltes Solo-Debüt von 2004 mochte, auch abseits der Singles “Zu Elektrisch” (inklusive des tollen Smallboy Remix) und natürlich “1st Liebe”, heute gerne bzw. wieder ein schöner Abbinder eines runden Disko-Abends.

Vier Jahre später greift Herre also zur Gitarre, versucht mehr zu singen als zu rappen und macht einen, nimmt man auch mal die Pressebilder als Referenz, auf wahlweise Lagerfeuer-Barde oder schluffiger Lebenskünstler im Anzug und Stiefel (wollte gerade Edel-Penner schreiben, aber das wäre fies).

Ich habe mir die Mühe gemacht und “Ein geschenkter Tag” zweimal komplett durchgehört, also auf CD (der Sub Culture Redaktion sei Dank, die haben mir freundlicherweise die Promo überlassen, wahrscheinlich auch sehr gerne) und nicht nur die 30 Sekunden Skits auf iTunes.

Kurz gesagt: Mein Gesamturteil schwankt irgendwo zwischen einer 4 plus und einer Höllenqual.

Ich öffne mich als bekennender Albumfan gerne für einen Longplayer, will wissen, was macht er denn nun, der gute Künstler, versuche ihn und seine Intention zu verstehen, mich für sein Werk zu begeistern, aber mit diesem säuselnden “straight-from-the-heart” (Akustik)-Soul-Folk-Pop-Scheiß kann man mich einfach im Viereck jagen, bzw. foltern. Da rollt es mir die Fußnägel hoch. Und zwar bis zum Kinn.

Folglich hatte ich beim Durchhören von “Geschenkter Tag” auch über weite Strecken hochgerollte Fußnägel. Über die im Vorfeld verschenkte Depri-Nummer “Blick nach vorn” haben wir ja schon bissle gelästert, wie wir bereits auch schon über die erste Single, dem Titeltrack, diskutierten. “Geschenkter Tag” hat wenigstens noch ein bisschen Drive und ist definitiv mit der stärkste Tune auf dem Album.

Danach folgen fast ausschließlich ein paar verschmuste Soul-Nummern, bei denen man sich fragt, was der gute Mann eigentlich alles gerade so verarbeiten muss. Er leidet ganz offensichtlich, was besonders deutlich bei der Nummer “Staub” wird, bei der man das Gefühl bekommt wie Uma Thurman in “Kill Bill” lebendig begraben zu werden.

Auch textlich, und ich achte wirklich in den seltensten Fällen auf die Texte, hat das für mich manchmal mehr vom Weltschmerz eines Pupertierenden als von einem vermeintlich gestandenen deutschen Texter oder erinnert an Abi-Prosa bzw. Oberstufen-Philosophie (“Menschen rennen auf die Arbeit und rennen auf die letzte Bahn”, aus dem besseren Song “Wo rennen wir hin”).

Aber ich glaub so arty farty Satzfetzen-mässig textet man in der deutschen Neo-Soul-Szene, hab ich auch schon mal bei Manumatei gehört. Meine Lieblingszeile ist übrigens die hier: “Ihr merkt, dass ihr gerne zusammen seid und träumt von einem Rockfestival auf dem Alexanderplatz, mit den Rolling Stones und einer Band aus Moskau.” Ich glaube Herre meint das Ernst.

Unter dem Strich bleibt ein absolut humorloses, depressives Werk, das man gerade in schwierigen Lebenssituation nicht hören sollte – sonst wird “Ein geschenkter Tag” zum Suizid-Soundtrack. Hoffen wir das Herre in den nächsten Jahren aus seinem Loch wieder raus kriecht und neue Lebensfreude findet.

Max Herre – Ein geschenkter Tag (Nesola / Four Music) ist am 18. September erschienen.

www.maxherre.com

Diesen Artikel hat Ram, fleißig wie er ist, vor seinem Urlaub vorbereitet. Und für ganz kurzfristige: Heute um 23.05 Uhr ist Max Herre bei Stefan Raabs TV Total auf Pro 7 zu Gast.

13 Comments

  • strax sagt:

    ha, passt perfekt, in 10 minuten fängt tv total an^^
    so schlecht fand ich aber die paar schnipsel, die man bei mtv ‘all eyes on…’ hören konnte, ganz interessant. naja, ich werds mir mal beim media markt anhören, aber 2mal überlegen, ob ich mirs kaufen soll.
    danke für die albumkritik!

  • Luis sagt:

    Ganz heftiges Album nach den ganzen wunderbaren Freundeskreis Alben. Leider für mich absolut verschwendetes Potential und einfach nur banal.

  • micha sagt:

    ich kann mich dem artikel nur anschließen, mit diesem album hat er sich meiner meinung selber ein bein gestellt…G.R.A.U.E.N.H.A.F.T

    ich mein die beastie boys machen auch easy,funky tracks aber das von max ist einfach nur ..(mir fällt kein wort dafür ein)

    aber aus fehler lernt man und ich glaub ein 2. album in der richtung wird von ihm nicht mehr erscheinen nach all der schlechten kritik und ich habe schon diverse artikel gelesen in dem das album zerissen wird..

    dann doch lieber die alten fk sachen..

  • Björn B. sagt:

    Alles, was ich bereits aus dem Album gehört habe, war für mich ein Grund, weiterzuskippen…30 Sekunden – wie bei iTunes möglich – hab ich kein Lied ausgehalten.

  • NO 2da RA sagt:

    Also ich glaube ja, dass hat alles ein bissle was mit dem Clueso zu tun…der da ja seine Finger im Spiel hatte…nicht falsch verstehen: Ich mag Clueso, meistens….aber Max ist schon so ein bissle auf diese Weichspül-Welle eingestiegen. Dann noch die vielleicht bissle Depri Phase vom Max – bam haben wir “EIn geschenkter Tag”.
    Ich sehs genauso, dass das Album leider keine Glanzleistung ist….aber wenn mans mal positiv sieht: Es kann nur besser werden….

  • strax sagt:

    “Es kann nur besser werden…”
    Er könnte ein Album mit David Guetta aufnehmen 😀

  • alx sagt:

    es macht einen Traurig. Es scheint sein “neues Ding” zu sein und ich respektiere das sehr. Aber es gefällt mir gar nicht….leider. Auch das Zeug von Dennis List ist gar nicht mein Ding. Auf der anderen Seite ist das neue Blueprint ja auch nur Dreqq..

  • mogge sagt:

    schlechte Kritik mehr muss man zu diesem artikel nicht sagen.

  • Le Mischi sagt:

    @ mogge: meinst du “schlecht” im Sinne von “das album vom maxe hat von kessel.tv eine schlechte kritik bekommen” oder die kritik an sich (also der text) ist schlecht? wenn letzteres zutrifft, warum?
    PS: ich find das album auch ziemlich, äh, schlecht.

  • Goldi sagt:

    …das traurige ist, dass ich nach dem letzten album und konzertbesuch in stuggi sehnsüchtig dieses erwartet habe. schade eigentlich

  • Melanie sagt:

    Ich möchte gar nicht viel über diesen Artikel sagen, außer das es sich anscheinend um einen bekennenden Hip Hop Fan handeln muss 😉

    Nur das kann ich mir nicht verkneifen:

    ”Ihr merkt, dass ihr gerne zusammen seid und träumt von einem Rockfestival auf dem Alexanderplatz, mit den Rolling Stones und einer Band aus Moskau.” Ich glaube Herre meint das Ernst.
    ….Hmmm lass es uns so formulieren…sagt dir der Name “Udo Lindenberg” etwas, na dann schau mal nach “Mädchen aus Ostberlin”, so und jetzt Blätter noch einmal im Geschichtsbuch rum, und versuche heraus zu finden was für ein Jubiläum dieses Jahr ansteht,… und du hast den Hauch einer Ahnung wieso dieses Lied auf der Platte ist ;)))

    Soviel zu dem, ich habe wirklich versucht in die Texte zu gehen und zu verstehen Ding 🙂

    Ansonsten ist Kritik einfach mal ganz nach dem Geschmack des Einzelnen gerichtet und wird aus diesem Grund auch akzeptiert. 🙂

  • martin sagt:

    hallo melanie,

    vielen dank für den aufschlussreichen hinweis. da ich absolut kein kenner von udo lindenbergs songs bin und das in diesem leben auch nicht mehr werde, lag mir dieser querverweis fern, darum bitte ich um entschuldigung.

    allerdings habe ich auch ein keiner stelle geschrieben, “ich habe wirklich versucht in die Texte zu gehen und zu verstehen” sondern, “Ich habe mir die Mühe gemacht und “Ein geschenkter Tag” zweimal komplett durchgehört…. und nicht nur die 30 Sekunden Skits auf iTunes.”

    ich hab mich also ohne exakte textanalyse von diesem bleiernden werk erschlagen lassen und mich einfach über ein paar zeilen gewundert, das ist alles.

    und ja, ich bin ein bekennender hiphop fan, wie auch ein bekennender house und techno fan, wie ich auch ein fan überhaupt von musik und somit von guten alben. die gitarre grenze ich dabei meistens etwas aus.

    Viele Grüsse

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