Bodenständig & naturtrüb: Die fabelhaften Abenteuer des Pierluigi Cau

pigi

(CIAO! Pigi nach der Zubereitung von Fritada, der Underground-Version von Tortilla)

Nachdem unser Außenreporter für uns bereits in London und in Berlin war und im Jahr 2011 die Maik-Franz-Lounge eröffnet, eröffnet er vorerst die WG International Inc. im Lehenviertel und holt die Welt zu sich nach Hause. Erster Wohni: Pierluigi Cau aus Italien.

Alle Wege führen nach Rom, sagt ein Sprichwort, das ich nie verstanden habe. Wenn ich etwa den Ram im Tonstudio besuche, hat mich mein Weg weder über, noch nach und schon gar nicht an Rom vorbeigeführt, nachdem ich im Lehenviertel losgejoggt bin.

Rom ist aber dennoch immer eine Reise wert. Manchmal führt der Weg aber auch andersherum. Dem Internet sei Dank hatte ich die vergangenen sechs Wochen den tollsten Römer der Welt als Mitbewohner: Pierluigi Cau aka Pigi aka Chefkoch.

Als Mensch voller Vorurteile wurde ich von Pigi quasi täglich eines Besseren belehrt. Mein bisheriger Horizont: Italiener können gut kochen, lieben Fußball, haben keinen Musikgeschmack und können alles, nur kein Englisch.

Mein jetziger Horizont: Pigi spricht besser Englisch, als manche Anglistik-Dozenten an der Uni Stuttgart, Fußball ist ihm Schnuppe, er hat richtig Ahnung von Musik – nur Kochen kann er tatsächlich. Zum Glück.

Pigi ist hier, um sein Deutsch zu verbessern, weil er bald an der Uni in Rom Deutsch-Prüfung hat. Dabei kann er unsere tolle Heimatsprache eigentlich schon besser als die meisten Bild-Leser. Weil hip Kids in unserem Alter leider alle so gut Englisch können und das auch gerne zeigen, spricht nur kaum einer Deutsch mit Pigi. Wenn er aber mal loslegt, haut es das geneigte Publikum immer um.

Einer unserer ersten gemeinsamen Ausflüge führte uns zu Rewe. Gemeinsamer Konsum von Klopapier, Bio-Tomaten und Waschmittel schweißt zusammen, vor allem wenn man zwischen Toastbrot und Butter Englisch radebrecht. Auf dem Weg zum Auto hat mich Pigi dann plötzlich angegrinst und verschwörerisch geflüstert: „Rewe, jeden Tag ein bisschen besser.“ Innerhalb von Sekunden deutsche Konsumkultur analysiert, das ist Pigi.

Einige Tage später führte ich ihm stolz meinen Wochenmarkt-Apfelsaft vor, hab ihn auf Englisch angepriesen, mich als A-Saft-Connaisseur aufgespielt, den Vitamin-Gehalt gelobt und fast Schnappatmung vor Euphorie bekommen. Pigi gurgelte ein Schlückchen, blickte mich anerkennend an und meinte mit seinem trockensten Römerlächeln nur „Ah, naturtrüb“.

Gleiches Spiel, als ich versucht habe, ihm den Römerhof von Innen zu erklären: Hässlich, geiler Kartoffelsalat, gutes Bier und Schnitzel. Dauert auf Englisch halt ein bisschen länger. Nach zehnminütigem geduldigen Zuhören meinte Pigi nur: „ah, bodenständig!“

Diese Sprachtaktik ist gewieft und muss ich mir merken. Ausgefallene Begriffe und Sätze memorieren und sie dann an passender Stelle trocken ins Gefecht werfen. Das hat Style.

Auch das war eine wichtige Erkenntnis: einen Mitbewohner zu haben, der viel mehr Style hat, als man selber. Was hatte ich mich gefreut, dem Pigi Stuttgart zu zeigen, ihn in die Clubs zu bringen, die schönsten Seiten der Stadt vorzuführen.

Nur um zu merken, dass Pigi Stuttgart im Herzen hat: Im Schüleraustausch lernte er hier Homies fürs Leben kennen, Tracky Birthday und Co. sind bis heute seine besten Freunde, in Stuttgart war er schon gefühlte 100 Mal. Klar, dass er freitags lässig fragte, ob wir auch zu den Waggons kommen wollen, er mache da ein Live-Set. Kurz danach legte er bei Inschis „Tischlein deck dich“ auf.

Als er bei mir eingezogen ist, war ich zu faul, meinen Gast bei unserem Vermieter anzumelden. Ich trichterte ihm ein, bei Fragen der Nachbarn einfach zu sagen, dass wir alte Buddys seien und er nur kurz zu Besuch da wäre.

Klar, dass am nächsten Morgen, an Pigis drittem Tag in Deutschland, die Bullen bei uns Sturm klingen mussten. Auf der Suche nach einem Verkehrssünder bimmelten sie alle Leute bei uns im Hause aus der morgendlichen Piccolo-Chill-Phase.

Pigi stand verdattert an der Tür und war sich ganz sicher, dass er sofort erschossen wird, weil er sich nicht rechtzeitig im Führerhauptquartier als Gast angemeldet hat. Hat dann verdattert immer nur „ja“, „nein“, „weiß ich nicht“ gesagt. Bevor ihn die Cops abführen konnten, haben die Nachbarn ihn aus der Situation gerettet. Seitdem macht er nicht mehr auf, wenn es an der Tür Sturm klingelt.

Auch sehr schön sein erstes Erlebnis mit den DB-Leihrädern. Die Dinger entriegelt man mit dem Handy und sperrt sie so auch wieder ab. Dumm nur, dass Pigis Handy nachts ausging, just als er sein Radel am Wilhelmsplatz wieder verankern wollte.

Was macht man in solch einer Situation, wenn keine Menschenseele weit und breit ist, man keinen Stift hat, sich den acht Kilometer langen Code aber unmöglich merken kann? McGyver-Pigi brüllte den Code kurzerhand in seinen iPod, lief damit zur nächsten Telefonzelle und verriegelte so sein Fahrrad per Telefon multimedial.

Gestern ist Pigi mit einem Stuttgarter Musiker in eine andere Wohnung gezogen, weil größer, günstiger und er dort in Ruhe sein erstes Album fertig produzieren kann.

Jetzt habe ich den Blues, bin aber auf den Geschmack gekommen und lasse in meine Wohni nur noch Ausländer, WG International Inc.: Heute Abend kommt Pigis Nachfolger, Christoph aus Wien, der am Telefon zum Abschied „baba“ sagt. Ich freu mich auf Schmäh, vermisse meinen Römer und seine naturtrüben und bodenständigen Abenteuer aber schon jetzt.

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