Stuttgart 2009 – So könnte es werden

Das ist gestern von mir in den Stuttgarter Nachrichten erschienen – ich glaube ich verletze mein eigenes Urheberrecht, wenn ich das hier poste, aber ich hab nen guten Anwalt.

Zunächst einmal steigen die Preise für Flüge nach Ibiza im neuen Jahr wegen der Energie- und Finanzkrise um 350 Prozent, was einen Feierurlaub auf der Feierinsel unerschwinglich macht. Das Ergebnis: Als südlichste ernstzunehmende Stadt in Deutschland wird deshalb Stuttgart zum neuen bundesweiten Partymekka–und rüstet entsprechend auf. Die Theodor-Heuss-Straße wird beidseitig geflutet, so dass die anliegenden Bars endlich zu echten Beachclubs mutieren können. In den Sommermonaten ist der durchgehende Strand schon nachmittags überfüllt, auch wochentags. Praktisch: Die Promotoren mit Freikarten für die Clubs können auch gleich auf der Königstraße um Besucher werben. Der neu gegründete Veranstalter Crush-Cruise bietet den „Crush-Cruise-Party-Cruise“ auf einer 18-Meter-Yacht an, vom Hauptbahnhof bis zum Rotebühlplatz und zurück, inklusive
Superstar-DJs, „Playboy“-Bunnys und Champagner-Flatrate.

Die größten Clubs von Ibiza haben sich auf die größten Clubs von Stuttgart verteilt, wofür sie allerdings heimische DJs als neue Stars amPlattenteller akzeptieren mussten. Im Pacha (ehemals Zapata) legtDJ Goldfinger nur noch mit diamantbesetzten Plattennadeln auf, im El Divino (ehemals N-Pir) lässt sich Star-DJ Pate No. 1 nur noch von gecasteten Oben-ohne-Models feiern, und im Space (ehemals Penthouse) hat David Puentez den Grammy für sein Lebenswerk an die DJ-Kanzel nageln lassen.
Doch den besten Deal hat die Stadt selbst gemacht: Der aufgrund von Sparmaßnahmen beim komplett neu geplanten Projekt Stuttgart 21 leerstehende Hauptbahnhof wird an Sven Väths Cocoon Club vermietet – inklusive Vip-Lounges in der Klett-Passage und DJ-Kanzel auf dem Bahnhofsturm.

Leidtragender dieser Entwicklungen ist ausgerechnet die Hauptstadt Berlin: Seit Stuttgart von der Cosmopolitan zur hipsten Stadt der Welt, noch vor New York, Moskau und Tokio, gewählt wurde, zieht es immer mehr hippe Berliner in die schwäbische Stadt. Die Preise für unrenovierte Altbauwohnungen im Stuttgarter Westen, der von Einheimischen schon hämisch „Berliner Ghetto“ genannt wird, sind um das Vierfache gestiegen, es gibt wieder mehr Werbeagenturen als Architekturbüros, Kita-Plätze werden bei Ebay versteigert, und bei Gravis ist das Einsteiger-Macbook von Apple für 1000 Euro auf zwölf Monate ausverkauft.

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