Es liegt in meiner Natur, dass ich bislang noch nicht als Demonstrant aufgefallen bin. Wiederum liegt es in meiner Natur, dass ich mir alles mal anschauen muss, um mir selbst meine Meinung zu bilden, in diesem Fall eben, wie es auf einer S21-Protestveranstaltung zu geht. Okay, ich war ja schon beim Prellbock anheben. Da war es in erster Linie sehr laut.
Montagabend 18:00 Uhr ist aber überhaupt nicht meine Zeit, Samstagmittag, schönes Wetter, bissle im Park mit Krupa und Co. rumhängen sind da schon eher mein Ding. Also hab ich mir mal die wirklich sehr groß angekündigte Demo im Schlossgarten angeschaut. Außerdem ist ja Max Herre da. Dem kann man auch mal wieder ein Chance geben.
Also mit den Rädern durch die City und an der Flashmob-Wasserschlacht vorbei, wo sich ein paar Hansel nassgemacht haben. War kein Bild wert. Aber ey, ist diese Hitze nicht abartig fett? Wie es runter drückt? Wie so eine Wand? Ich bin voll der Hitzetyp mittlerweile.
In der Nähe des Staatstheaters haben wir die Bikes abgeschlossen, sind dann über die Brücke gelaufen und konnten von dort aus schon das Szenario betrachten.
Mein erster Gedanke war: Ui, dachte da sind jetzt etwas mehr Leute, Hitze hin oder her, womit wir wiederum schon beim Thema des vergangenen Wochenendes sind.
Im Laufe der Veranstaltung gaben die Organisatoren eine Zahl von circa 20.000 Besucher durch. Wir schauten uns dabei leicht ungläubig an. Am Abend stand dann in der StZ, dass die werte Polizei circa 5000 Leute geschätzt hat. Krasse Abweichung, hä? Meine Meinung dazu:
1. Das waren keine 20.000 Leute. 20.000 Menschen sind wirklich sehr viel. Etwas weniger als anderthalb mal Schleyerhalle. Oder der halbe Startblock des Berlin Marathons.
Das Bild ist nur ein Auszug des Geländes, klar, überall und vor allem unter den Bäumen sassen Menschen und drum herum war ziemlich Bewegung. Trotzdem, never ever 20.000.
2. Die Wahrheit liegt für mich persönlich nicht mal in der Mitte, wie man so schön sagt, sondern eher, auch wenn das jetzt manche nicht hören wollen, näher bei der Zahl der Polizei.
Thorsten und Krupa spekulierten auf circa 10, Elmar auf 8. Bin ich halt der Pessimist oder einfach ein schlechter Schätzer, mir egal. Kann damit leben.
Interessant fand ich dann die Diskussion beim StZ-Artikel, in der viele S21-Gegner prompt wieder eine Verschwörung des Staates rochen, die Polizei habe doch “von oben” den Befehl bekommen, die Anzahl möglichst low zu halten. I like Verschwörungstheorien.
Auf der anderen Seite machten sich in derselben Diskussion die Befürworter bissle lächerlich, welche die scheinbar niedrige Beteiligung wiederum als riesige Akzeptanz für S21 in der Bevölkerung uminterpretierten. Auch das glaube ich nicht, Tim.
Kurz nachdem wir das Gelände betraten, folgte der nächste Schock. Ein Rapper namens Borna betrat die Bühne und performte den “Oben Bleiben”-Rap (oder so ähnlich), angeblich die Hymne der Bewegung. Sorry, dass ich das sagen muss, aber auch der Krupa ist definitiv bei mir: Rein musikalisch und rap-technisch war das wirklich nicht gut. Mir hat es leicht den Magen verdreht. Krupa hat nen Clip gefunden.
Dann macht wir uns auf die Suche nach dem Krupa, vorbei an Ständen und Protestplakaten. Am offiziellen K21 Merchandise-Stand wurde der Stern-Artikel freudig ausgelegt…
…ein paar Schritte weiter Aktionstrainingsablauf erläutert…
…oder Ötti geärgert.
Kurz darauf dann den Krupa und Ben getroffen, mit den halt abgehangen und dem Spektakel gelauscht. Atmo war allgemein entspannt – und friedlich (muss man immer dazu schreiben, wenn Prostestveranstaltungen friedlich bleiben).
Krimiautor Wolfgang Schorlau hat eine Vision vorgelesen, wie im Jahr 2025 alle S21-Initiatoren wie Schusti, Ötti, Grube, Drexler etc. verhaftet und zu kuriosen Strafen verurteilt werden. War nen bissle witzig, hab ein, zwei mal geschmunzelt. Richtig gekickt hat es nicht. Bei den Namen Schuster und Drexler wurde gepfiffen was das Zeug hält. Der Feind ist klar definiert.
Ansonsten haben mich die Redner allgemein relativ wenig berührt. Rhetorisch auch oftmals eher schwach, eine löbliche Ausnahme bildete da der Putte, der hier auch schon zu Wort kam und sachlich-nüchtern und verständlich gesprochen hat. Das war nicht an diesem Nachmittag nicht die Regel, hat man z.B. die Pfarrerin Müller-Enßlin (keine Ahnung ob sie mit der Gudrun verwandt ist) oder die gefühlt 12jährige quäkende Studentenabgesandte im Ohr.
Ganz schlimm war der Horscht von den Linken aus München, wobei wiederum Stammtisch-Klassenkampf auf bayrisch sehr lustig klingt. Trotzdem dachte ich mir, dass man sich auch im größten Widerstand nicht mit allen Parteien solidarisieren muss. Witziger Kommentar bezüglich des Linken auf der Stz: “Ich bin sofort gegangen.”
Dann doch lieber der Herr von den Grünen, der ein paar Beispiele dafür gab, was man mit 10 Milliarden (das ist so die propagierte Zahl der Protestbewegung, also Bahnhof plus Neubaustrecke, wurde mehrere Male erwähnt) im deutschen Schienennetz alles anstellen kann, so damit mehrere Regionen was davon haben und nicht nur wir nen schönen neuen Bahnhof. Das klang für mich schlüssig.
Irgendwann schallten Kettensägen auf, quasi eine künstlerische Performance. “An diesen Sound wollen wir uns nicht gewöhnen!”, rief der Moderator Hannes Rockenbauch von der SÖS ins Publikum. 282 Bäume sollen wegen S21 im Schlossgarten gefällt werden, eines der Hauptthemen am Samstagnachmittag.
Zwischendurch stieß Thorsten in einem astreinen Blogger-Freizeit-Look zu uns und außerdem gab es ne Rote. Ich bin voll auf Wurscht diesen Sommer. Thorsten meinte, so Leute-mässig werden schon alle Klischees erfüllt, Krupa und ich hingegen fanden es eher buntgemischt. Gut, eine alternative Schlagseite lässt sich definitiv ausmachen, außerdem leichter Überschuss an älteren Menschen.
Zwischendurch trappten aber z.B. auch MC B vorbei…
…oder eine, ähm, wie nennt man das jetzt?
Auf jeden Fall hat sie sich es schön leicht gemacht, wie meine Mutter im Sommer zu sagen pflegt. Wusste gar nicht mehr, dass es so Schuhe mit Metall hinten dran noch gibt.
Rapper Tobias Borke und sein Beatboxer, beide sonst bei der Urban Session im Bix aktiv, kompensierten den Auftritt von Borna mit knackig-sitzenden Reimen und feiner Beatbox-Action. Respekt, war echt cool. Kam auch bei den Leuten gut an.
Nach Gangolf Stocker, sozusagen das Gesicht der Bewegung, der auch nur ein paar kurze warme Phrasen servierte, hab da irgendwie mehr erwartet, aber der muss ja bestimmt oft genug schlau argumentieren, kam noch so ein schrägsingender Gitarrenvogel und dann endlich Max Herre. Erstes Lied ging mehr oder weniger um Berlin, zweites war A-N-N-A, drittes kein Plan, beim vierten sind wir dann gegangen. War aber bestimmt gut.
Der Megacoup der Veranstaltung folgte dann um 20:00 Uhr: S21, die Demo inkl. Sternenmarsch war erstes Thema in der Tagesschau. Hat man wieder was erreicht. Und da ist dann fast egal ob eben 5.000 oder 20.000 Leute da waren.































