Stuttgart 21 meets Frontal21: Das ZDF-Politmagazin setzt sich heute Abend (Beginn 21:00 Uhr) unter dem Titel “Milliardenloch im Schwabenland” mit Stuttgarts größter Vision auseinander.
“Der Bundesrechnungshof kritisiert eine Finanzierungslücke von fast 2,5 Milliarden Euro. Nach Recherchen von Frontal21 sind die Berechnungen der obersten Rechnungsprüfer den Verantwortlichen von “Stuttgart 21″ bisher unbekannt”, heißt es gleich zu Beginn im Text.
“Laut Bundesrechnungshof fehlen 1,2 Milliarden Euro für die Finanzierung des Bahnhofsprojekts selbst und weitere 1,2 Milliarden für eine angeschlossene Hochgeschwindigkeits-Neubaustrecke über die Schwäbische Alb nach Ulm.”
“Während Bahnspitze und Stuttgarter Prominenz schon den Start feierten, erregen sich viele Stuttgarter gegenüber Frontal21 über den Bau. Angesichts leerer Kassen sei das eine “komplette Verantwortungslosigkeit der Politiker”. Ein anderer Projektgegner sieht die Demokratie mit Füssen getreten. Denn 72 Prozent der Stuttgarter Bürger und über 60 Prozent der Einwohner Baden-Württembergs seien gegen den Neubau.” (Woher sie diese Zahlen haben, weiß ich nicht.)
“Der Bundesrechnungshof kritisiert zudem, dass der Bund den größten Teil der Kosten zu tragen hat. Entscheidungen über “Stuttgart 21″ hätte somit der Bundestag treffen müssen. Beschlossen aber wird über das Projekt in Baden-Württemberg.”
Dann ist noch von einem Netzwerk der Profiteure die Rede, ein Gebräu aus Politik und Wirtschaft, bei dem sich ein paar wenige frisch machen, wie z.B. ein Tunnelbohrmaschinen-Hersteller (Aufsichtsratschef Lothar Späth), der kürzlich 70.000 Euro an die CDU gespendet hat, in der Hoffnung schöne Aufträgle zu bekommen. Aber so läuft das halt nun mal.
Dienstag, 23. Februar 2010 // 9:00 Uhr //
Thorsten W.
Na, wann wart Ihr zum letzten Mal auf dem Stuttgarter Bahnhofsturm? Als Stuttgarter ignoriert man ja gern die klassischen Touri-Ziele – und verpasst dadurch durchaus Lohnenswertes. Ich geh ab und zu mit meinem Kleinen auf den Turm, und war jetzt am Sonntag wieder oben. Super Wetter und Gelegenheit für ein paar Impressionen:
Klassiker: Blick auf die Königstraße
Unser Fernsehtürmle, hinten
Das ist der Teil, der dank Stuttgart 21 bald weg ist – nicht besonders schade, oder?
Schlossgarten, noch bissle braun. Wird Zeit dass es Frühling wird.
Blick zu meiner neuen Arbeitsstelle. Schee.
’s Rogger, da hinten
Als interessierter Bürger der Stadt hab ich mir natürlich auch die Ausstellung zu Stuttgart 21 im Turm angeguckt (wobei da jetzt wirklich überall nur noch “Das neue Herz Europas” steht, Stuttgart 21 will da wohl keiner mehr hören).
War sehr interessant und durchaus gut besucht, für nen Sonntag Nachmittag. Da werden einige Möglichkeiten geboten, sich das ganze Ausmaß mal etwas plastischer anzuschauen – von der Miniaturlandschaft bis zur interaktiven Präsentation.
Zwei Sachen sind mir dabei aufgefallen: In allen Modellen und Schaubildern steht die Alte Bahndirektion (Rogger) noch, und zwar alter und neuer Teil. Und der große Bereich, wo jetzt die Gleise liegen, die ja dann unter die Erde kommen, wird komplett bebaut – ich dachte irgendwie immer, das wird grün, Park und so.
Ansonsten sieht das natürlich nach schöner neuer Welt aus, mit einem so oft zitierten Nutzungsmix aus Büros, Einzelhandel, Gastronomie und Wohnen – allerdings mit dem Zusatz “hochwertiges Wohnen”.
Aber so richtig kann ich mir das immer noch nicht vorstellen, dass da richtig Leben rein kommt – vor allem, wenn ich mir die ersten Vorboten von Stuttgart 21, äh, neuem Herz, so anschaue: Das schreckliche Ghetto um den Ufa-Palast etwa oder den architektonisch zwar reizvollen, aber ebenfalls toten “Pariser Platz”.
(Promo und Schutzwall in einem: Dahinter ist der sagenumwobene Prellbock. Zug beklebt by Patze Plakatierung)
Symbolisches Prellbock anheben klingt nach einer Unterhaltung der Spitzenklasse, also Ehrensache, dass auch wir beim Jahrhundertereignis dabei sein müssen. Mit Betonung auf dabei, weil mittendrin waren wir sicherlich nicht, wie z.B. natürlich die StZ, die über den S21 Baubeginn via Live-Ticker informierte.
Wir hielten es olympisch und so trafen sich der Außenreporter und ich um 13:00 Uhr beim Mediamarkt, anschließend gemeinsames Einlaufen in der Bahnhofshalle. Seiltänzer waren auch schon da.
Ich schätz mal in der Bahnhofshalle waren so 500 bis 1000 Protestler (auf der StZ steht 1300) und die waren sehr laut.
Auch Promi-Gegner Hannes Rockenbauch von der SÖS filmte für sein Posie-Album den Protest. Im Fern kommen wir glaub auch heute Abend.
In regelmässigen Intervallen pfiffen und trommelten die überwiegend älteren Herrschaften dir das Ohr ab. Im Wechselspiel dazu ertönten Hörner wie man sie vor großen Kampfszenen aus Herr der Ringe oder auch von einer Beerdigung kennt.
Wir warteten also auf die Delegation aus Schusti, Grubi, Ötti, Ramsi und Co. aber die kam irgendwie nicht. Wir sind von 13:30 Uhr ausgegangen, so besagte es zumindest heute früh das Protokoll.
Also sind wir mal raus auf den Bahnsteig parallel zum Ort des Geschehens gelaufen und haben geguckt wo denn dieser ominöse Prellbock ungefähr sein soll. Dabei haben wir die Schutzkleidung der Promi-Anheber entdeckt.
Außerdem trafen wir auf einzelne Protestler…
…und jede Menge Cops.
Na ja, irgendwie wars da halt ziemlich kalt und vor dem Prellbock stand obiger Zug mit den Wägen. War alles bissle langweilig und wir sind zurück Richtung Bahnhofshalle, weil wir auch was essen wollten. Xinge hatte Bock aufn Backfisch-Brötchen von der Nordsee und hab mich für ein Garnelen-Baguette entschieden.
Und gerade als wir aufgeveschpert haben, kam Stimmung in die Bude und es wurde unsäglich laut. Wir also raus geschossen aus der Nordsee Butze und dann kamen sie. Schusti hat sogar gewunken.
Ich halt wie der Blitz wieder auf den Bahnsteig gerannt und da standen schon die Schutzwestenübergabetösen:
Und da kam schon der Rest vom Schützenfest:
Und dann bin ich halt mitgelaufen. Fett oder?
Tja, das Schützenfest verbarrikadierte sich wie gesagt hinter den Waggons und ich filmte wie ein Fuchs durch den Schlitz durch. Noch fetter oder?
Glückselig über mein Pseudo-Jahrhundertmaterial schlappte ich zum Xinge zurück und wir fielen uns freudig in die Arme. Na ja, wir klatschten halt ab.
Eure rasenden Nordsee-Backfisch-Reporter Aussi und Rami (von rechts nach links).
Donnerstag, 28. Januar 2010 // 13:23 Uhr //
martin
Ich mag diese Flugblätter. The Final Countdown, eine Szenerie wie aus einem Stars Wars Film. Darth “Grube” Vader landet im feindlichen Gebiet und die Rebellen schlagen mit Töpfen, Trommeln und Eimern zurück. Die Ewoks waren bekanntlich auch nicht besser bewaffnet – und haben trotzdem gewonnen. Ist Grubes Sohn ein Jedi?
On the way to münich to the octoberfescht… Zwischenstopp Kopfbahnhof. “It´s so green.” Bald auch mit gelben Baggern.
“September 2008…on the way to Munich…we flew into Karlsruhe airport and attempted to find a way to Munich…after much confusion and many train connections, and meeting some new people, we made it.”
Donnerstag, 10. Dezember 2009 // 15:16 Uhr //
martin
Wundern tut es wohl kaum einen mehr, aber die wohl größte städtebauliche Veränderung aller Zeiten ist beschlossene Sache. Auch wenn man im Vorfeld schon das Sparschwein schlachtet, haben Bahnaufsichtsrat und die anderen Geldgeber dem Großprojekt zu stimmt.
Vorhin erreichte mich die Pressemitteilung der Stadt Stuttgart mit einem Statement von unserem Häuptling, bestimmt schon seit April fertig. Schusti ist natürlich total glücklich.
„Die von der Bahn in vertiefter Entwurfsplanung ermittelten Kosten bestätigen, dass die bisherigen baulichen und finanziellen Planungen tragfähig waren und sind.
Es ist aus der inneren Logik der Finanzierungsvereinbarung nachvollziehbar, dass die Deutsche Bahn AG in den letzten Wochen versucht hat, alle plausibel erscheinenden Risiken der kommenden Jahre hochzurechnen.
Auch diese Methode hat bestätigt, dass der von den Partnern 2007 vereinbarte Rahmen für Kosten und Risiken ausreichend ist.
Der bereits durch Rücklagen abgesicherte Beitrag der Stadt bleibt daher unverändert. Er wird in den nächsten Jahren nach detaillierter Prüfung der tatsächlich anfallenden Kosten entsprechend der vertraglichen Regelungen bezahlt.
Stuttgart knüpft sich ein ins Netz der europäischen Hochgeschwindigkeitsstrecken. Stuttgart 21 ist leistungsfähiger und vorteilhafter als alle schon vor vielen Jahren eingehend geprüften Alternativen der Ertüchtigung des Stuttgarter Hauptbahnhofs und des Bahnknotens Stuttgart. Das ist nicht zuletzt Ergebnis des Planfeststellungsverfahrens, in dem auch die Belange des Denkmalschutzes stets eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Es wird Aufgabe der Stadt sein, sich während der Bauzeit im Dialog mit dem Bauherrn Deutsche Bahn AG für eine geringstmögliche Belastung der Bürgerinnen und Bürger einzusetzen.
Der Sicherung der Grundwassers und des Stuttgarter Mineralwassers werden wir während der Bauzeit jedes andere Interesse kompromisslos unterordnen.
Mit dem Verkehrsprojekt eröffnen sich einzigartige städtebauliche Entwicklungschancen, vor allem aber die Möglichkeit, die dramatischen Eingriffe in die Stadtökologie vor 100 Jahren rückgängig zu machen. Stuttgart 21 ist das wichtigste grüne Projekt der nächsten Jahrzehnte in Stuttgart und in der Region Stuttgart.
Wo heute Schienen, Weichen, Schotter und Betonmauern unsere Innenstadt zerschneiden, wird urbanes Leben, Wohnen, Arbeiten des 21. Jahrhunderts Raum finden.
Alle Stuttgarterinnen und Stuttgarter sind eingeladen, ab dem kommenden Jahr an die gute Erfahrung der Bürgerbeteiligung anzuknüpfen, die wir wegen der Verzögerungen des Projekts von über 10 Jahren unterbrochen haben.“
Bow! Kennt noch einer den Rave-Hit von Awex? Hat glaub Tom Wax damals verbrochen. Ging so:
Jedenfalls musste ich spontan an diesen Track denken, denn heute und morgen, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, da wir das Thema doch auch etwas begleitet haben, geht es um die Zukunft dieser Stadt, die wohl am ehesten unsere Generation betrifft.
Die Finanzierungsvereinbarung vom Anfang April machte dafür den Weg fast frei. Lustigerweise waren der Außenreporter und ich am Nachmittag danach im Gemeinderat. Ging gut zur Sache. “Abwählen! Abwählen!” war noch das harmloseste was von der Tribüne dem Schusti entgegen geschmettert wurde.
Na ja, die Entscheidung wird wohl pro S21 fallen, die Kosten sind mit 4,1 Milliarden zwar höher als ursprünglich geplant (3,076 Milliarden Euro), bleiben aber unter der sogenannten “Sollbruchstelle” von 4,5 Milliarden Euro.
Die entstandene Differenz holt man schon vorab aus dem Risikofond, der sozusagen als Sparschwein gedacht war, falls das Projekt während der Bauzeit teurer wird als geplant. Hier geht es zum Artikel in der STZ.
Knapp 10 Jahre Bauzeit – ich bin dann fast 43. Damn! Vielleicht dürfen die Ramilios ja bei der Opening-Party spielen. Ich starte mal eine Booking-Anfrage.
Mittwoch, 25. November 2009 // 11:09 Uhr //
martin
Nach einem Online-Bericht des SWR soll der Stuttgarter Hauptbahnhof Weltkulturerbe der UNESCO werden. Günther Oettinger und Wolfgang Schuster befürworten den Teilabriss des Bonatz-Bau zugunsten von Stuttgart 21.
Die internationalen Denkmalschützer hingegen stufen unseren HBF als eines der bedeutendsten Bauwerke der Welt ein und neben den drei anderen Bahnhöfen des Orient-Express (Gare de l’Est / Paris, Bahnhof Istanbul und Budapest) als schützenswert. Mehr Infos hierzu auch in der STZ.
Wer mehr zur Geschichte des Stuttgarter Bahnhofs wissen will: Anfang des Jahres haben wir ein schönes Buch empfohlen.
Dienstag, 17. November 2009 // 15:31 Uhr //
martin
Ob dieses Faltblatt schnell gedruckt wurde, nachdem Bahnchef Grube am Sonntag vor einer Woche in einem Interview in der Stuttgarter Zeitung erstmals einräumte, dass das Projekt mehr kostet als geplant, weiß ich nicht. Vergangenen Samstag lag der Zettel lag jedenfalls in meinem Haus.
Egal wie man dazu steht oder nicht, ich für meinen Teil weiß es selbst nicht so genau, anhand dieses Beispieles erkennt man, finde ich zumindest, was diesem Projekt schon immer fehlte: Die Kommunikation mit der Bevölkerung.
Daran können wohl auch die Profis von Scholz & Friends nicht mehr viel ändern, die sich für die bescheidene Kampagne “Das neue Herz Europas” verantwortlich zeichnen.
Als ich den Zettel am Samstag in der Hand hielt, fiel mein Blick zunächst auf die Subline “Die Wahrheit über Stuttgart 21″ und mein erster Gedanke war: Ui, jetzt machen die Gegner aber ordentlich mobil und haben ihre letzte Kohle für ein schönes Faltblättle zusammengekratzt.
Also: Ausgehend davon, dass man den Standpunkt vertritt, dass Stuttgart 21 das Beste, das Tollste, das Schönste und sowieso das Gelbe vom Ei ist, kann ich doch nicht als verantwortlicher (Werber) dem Publikum wie ein Verschwörungstheoretiker kommen, der irgendjemanden “die Wahrheit” erklären will? Wie klingt denn das? 9/11 oder was? Oder seh ich das falsch?
Da schreibt man doch drüber: Stuttgart 21 – einfach die geilste Scheiße überhaupt. Geiler als Jay-Z. Oder so ähnlich. (Ey, wenn ihr das jetzt schreibt, möchte ich eine Beteiligung!)
Erst als ich den Folder aufklappte samt dem Vorher-Nachher Blick auf das Schloss Rosenstein, der ja wirklich verlockend aussieht, dämmerte es mir langsam, dass es sich um ein Pro-S21 Heft handelt.
Die glückliche Familie, die auf dem Cover über den neuen Linien zum schnellen Glück liegt, ging ebenfalls an mir vorbei, wie auch das bescheuerte Herz rechts unten. Na ja, vielleicht war auch nur mein Hirn nach der Nacht im Transit noch auf Standby.
Aufgeklappt dann so Sätze wie: “Fehlende Informationen und vielfach verbreitete Halbwahrheiten haben das Projekt Stuttgart 21 in ein schlechtes Licht gerückt. Dieses Informationsblatt beleuchtet die Kritik am Projekt und räumt auf mit falschen Behauptungen.”
Wo bleibt da das Selbstbewusstsein? Das klingt wie: Der Lahm hat gesagt, dass der Hoeneß voll doof ist und der Hoeneß sagt jetzt, dass der Lahm eigentlich ein guter Verteidiger bei Wacker Burghausen wäre. Der Thorsten hat mir mein Lego weggenommen. Sein Sohn räumt auf mit den falschen Behauptungen. Menno.
Gut. Der Rest ist in schöner großer Typo geschrieben, damit es auch noch diejenigen lesen können, die es am meisten betrifft, und stellt nochmals alle Fakten zusammen.
Das Gegenprojekt Kopfbahnhof 21 wird wie ein trotziges Kind kurz als K21 genannt, mit einem Einschub den man sich sowieso hätte auch sparen können. Warum die vermeintliche Konkurrenz überhaupt erwähnen? Meine Güte. Wenn der Papa nicht alles selbst macht.
Abschließend noch sei erwähnt, dass seit kurzem jeden Montag ab 18:00 Uhr Montagsdemonstrationen am HBF gegen S21 stattfinden. Always remember wir sind das Volk. Haben wir neulich eine Info-Mail bekommen, mit der folgender Bitte: “Vielleicht wäre ein entsprechender Informationsaushang im Haus möglich.” Äh, ja.