
zuerst möchte ich Dir – ich darf doch Du sagen, Ihr seid bei der taz doch bestimmt ganz locker – danken, dass Du Dich in Deinem Artikel so um uns Stuttgarter sorgst. Ist ja auch ne wirklich schlimme Sache, die der Günther, der Wolfgang und die Bahn-Kollegen uns da eingebrockt haben.
Nein, im Ernst – natürlich kann und sollte man dieses Mega-Projekt durchaus kritisch sehen. Aber ich verstehe diese Einleitung irgendwie nicht. “Zara, Pimkie, H&M, Sport-Scheck, Mango, Benetton, MediaMarkt, Karstadt, Kaufhof, C&A, S. Oliver, nochmal H&M, nochmal Zara – das Herz Europas ist so groß, dass mehrere Filialen einzelner Ketten hineinpassen.”
Mensch, das muss Barcelona sein… oder Berlin? Oder Tokio? Oder Leipzig? Ach nein, das gibt’s nur hier in Stuttgart. Unverwechselbar. Aber dann kommst Du wenigstens gleich zur Sache. “Für schlappe 4,03 Milliarden Euro wird unter dem Titel “Stuttgart 21″ der gesamte Bahnhof samt Gleisanlagen in 32 Kilometer lange Tunnel unter die Erde gelegt.”
Ähm – der ganze Bahnhof kommt unter die Erde? Echt? Schütten die einen Berg auf den Bonatz-Bau? Keine schlechte Idee, obwohl es eigentlich schon genug Berge in Stuttgart gibt. Und Trimm-dich-Pfade. Hat Peter Handke 1973 in Stuttgart gesehen, wie Du erzählst, und dass er es damals ganz arg schlimm fand. “Von allen deutschen Städten, die ich kenne, habe ich mich nur in Stuttgart bedingungslos fehl am Platz gefühlt.”
Ja, das nagt bis heute an uns Stuttgartern, dass es der Peter damals so schlimm fand hier. Und Dir gefällt’s irgendwie auch nicht so recht. “… erstickendes Villenleben an den Hügeln über dem engen Talkessel und unten von breiten Straßen durchtriebene Ordnung sowie ratternde Straßenbahnen. Was komplett fehlt, ist der Charme wilden Stadtwirrwars, kaum spontan in vergessenen Ecken wuchernde Natur, nur sortierte Kleingärten und Naherholungspfade.”
Mann, wie mich auch diese sortierten Kleingärten in der Stadt immer nerven. Aber ich will nicht polemisch sein. Das überlasse ich gern Dir. Auch wenn ich Dich nicht immer verstehe. “Da werden riesige, momentan noch mit Gleisen überzogene Flächen mitten in der Stadt frei, die bisher vom Neckar aus die Stadt teilen, bis sie jäh am Kopfbahnhof enden. Eigentlich grandios.”
Äh. Grandios? Riesige mit Gleisen überzogene Flächen? Gut, vielleicht Geschmacksache. Aber bleiben wir bei den Fakten. “Dagegen wird ein gutes Stück Wirrwarr der Stadt abgerissen: die alte Bundesbahndirektion mit spätbarocker Fassade, heute ein Refugium für Künstler, Schriftsteller, Musiker oder Modedesigner und mit einem Club, dem “Rocker 33″.”
Ja, schade um die ganzen Büros und ums Rocker ist es sicher. Aber es wird gar nicht die alte Bundesbahndirektion abgerissen, die unter Denkmalschutz steht. Nur der hintere, hässliche Teil. Hättest Du mit einem Klick auf www.wikipedia.de nachlesen können. Recherchieren kann man. Muss man aber nicht.
Gut, in den folgenden Punkten muss ich Dir Recht geben: Schade um die Röhre, ein bißchen schade um den Landespavillon, sicher auch schade um die Waggons am Nordbahnhof.
Dann wird es aber wieder ein bisschen wirr: Du leitest vom Stuttgarter HipHop in den 90ern irgendwie zum ersten M1 und zum ersten Zapata und erzählst etwas von “ein paar Jungs in Schlabberhosen”. Einer davon, unser Schowi, darf sogar zu Wort kommen: “Keine Ahnung, wer schuld ist. Stuttgart war eben seit je eine entwickelte Stadt, und wenn es irgendwo Brachen gibt, kommt sofort was rein, das der wirtschaftlichen Landschaft hilft”, sagt er.”
Recht hat er. Hättest Du ihn weiter gefragt (oder woher stammt das Zitat?) hätte er Dir vielleicht erzählt, dass sowohl M1 als auch Zapata erst nach dem Abriss des Südmilchgeländes richtig groß, professionell und erfolgreich wurden. Aber nicht so wichtig.
Aber dann legst Du richtig los – dann kommt nämlich mein Lieblingsteil in Deinem Artikel. Ich hoffe Du hast nichts dagegen, wenn ich zitiere:
“Abends auf der Königstraße, nach Ladenschluss, kaum auszuhalten: Junge Menschen tragen den Inhalt ihrer Einkaufstaschen am Körper spazieren, sie riechen nach CK One, unterhalten sich über Handyverträge, Fitnessstudios und Solarien. Da! Ein Hundehaufen auf dem Gehweg – endlich ein klein wenig Anarchie.
Ein schüchternes Graffito auf einem Umspannungskasten: möglicherweise eine aufkeimende Jugendrevolution. Ein rülpsender Punk vorm Hauptbahnhof, man möchte ihn spontan herzen: Rebellion gegen die Etikette! Und dann hat doch Papi die teure Nietenjacke bezahlt. Also gut, auf dem Dornhaldenfriedhof liegen Gudrun Ensslin und Andreas Baader beerdigt. Das rockt irgendwie. Wenn sie es nicht so furchtbar übertrieben hätten.”
Alter! (sagt man bei uns so). Erst mal in einem Artikel über Stuttgart 21 Peter Handke und Andreas Baader einbauen – das muss Dir erst mal einer nachmachen. Und dann Deine Entdeckungen – Hammer! Du hast ein Graffiti gesehen. Und einen Punk! In Stuttgart!!!EinsElf111. Das hätte ich nicht in unserem schönen Städtle erwartet. Nicht bei uns. Ich bin entsetzt. Ich werde schon wieder polemisch, sorry.
Und dann bricht es endgültig aus Dir raus, und langsam rieche ich den Braten (einen Zwiebelrostbraten, natürlich): “Deshalb, liebe Berliner, wird der Zustrom schwäbischer Lebensgefühlflüchtlinge nicht abreißen.” Aha! Darum geht’s! Die ganzen armen Stuttgarter müssen nach Berlin auswandern, weil sie es hier einfach nicht mehr aushalten. Es ist eine Katastrophe! Ehrlich!
Und dann kommt der krönende Abschluss. Ich hatte beim ersten Lesen Tränen in den Augen. Wirklich.
“Und wir fordern ein klein wenig Toleranz. Bitte. Es ist erniedrigend, wie man als Schwabe in der gesamten Republik seine Wurzeln verleugnen muss. Einen Logopäden aufsuchen und Weinkorken in den Mund stecken, um nicht anhand der Aussprache enttarnt zu werden. Sonst drohen Ausgrenzung, Verachtung, Gelächter.”
Mit diesem Abschnitt hast Du mir wirklich einen Stich ins Herz versetzt. Ich bin mir meines ganzen jämmerlichen und erbarmungswüdigen Daseins als armer Stuttgarter Schwabe bewusst geworden, und ich habe bitterlich geweint.
Aber zurück zum Ernst, auch wenn es schwerfällt, und ich musste mit leichtem Entsetzen etwas feststellen: Wenn irgendjemand sich für seine schwäbische Herkunft schämen muss, oder seine Wurzeln verleugnen, wie Du es nennst, dann wegen solch bescheuerter, von Vorurteilen und Klischées nur so tropfenden Artikeln wie Deinem.
Oder bist Du auch einer dieser bemitleidenswerten Exil-Schwaben, die vor der hiesigen, unerträglichen Trostlosigkeit und Engstirnigkeit ins hippe Berlin flüchten mussten, wo es endlich coole Clubs in coolen Abbruchhäusern und einen coolen OB und coole Punks und coole Graffitis gibt?
Oder warst Du zum letzten mal 1973 mit dem Peter in Stuttgart und hast gedacht, komm, meine Polaroids von damals und der aktuelle Prinz reichen schon für ein umfassendes Bild, wird sich schon nicht so viel verändert haben im Kessel seit damals?
Dass es in Stuttgart vielleicht alles ein bisschen anders läuft, dass die Subkultur hier vielleicht weniger an Orten und mehr an Personen hängt, dass Subkultur, die kaputt renoviert wurde, immer wieder neu und noch frischer wiederaufersteht, dass es immer wieder spannende temporäre Einrichtungen gibt und dass die hässlichsten Teile der Stadt, wie der alte Kleine Schlossplatz (auch kaputt renoviert) oder die Theodor-Heuss-Straße, einfach “von unten” belebt werden – woher sollst Du es auch wissen?
Aber zum versöhnlichen Schluss hier noch ein Angebot, dass unser tapferer Mitstreiter Krupa schon in einem Kommentar gemacht hat: Wir, die Jungs von kessel.tv, laden Dich recht herzlich nach Stuttgart ein. Mit Schlafplatz im Hallschlag, Fahrradwanderung am Neckar, Kässpätzle mit Blick auf die Hauptbahnhofgleise und einer extra Portion Hundekacke im Tütchen. Wegen der Subkultur, weisch.