Good School. 4 Tage Camp Digital.

Die gute Nachricht zuerst: wenn Ihr es bis hierher auf den Blog geschafft habt, dann seid Ihr zumindest mal in der Lage, das Internet an und vermutlich auch wieder aus zu machen. Keine schlechte Grundvoraussetzung für die Digitalisierung, die uns allen bevorsteht. Ob das reicht? Ich weiß es nicht. Wollte es aber wissen – und hab mich für vier Tage „digitale Druckbetankung“ in der Good School in Hamburg angemeldet.

Denn „in der Good School werden Führungskräfte für die digitale Zukunft fit gemacht.“

Unsicher, ob ich in meinem 1-Mann-Unternehmen überhaupt die Führungskraft bin, wollte ich da trotzdem hin. Denn nur, weil ich Instagram- und Twitter-, Netflix- und airbnb-Nutzer bin, heißt das ja noch lange nicht, dass ich „fit für die Zukunft bin“. Digital durchtrainiert sieht glaube ich nochmal anders aus.

Das Camp Digital der Good School ist in diesem Punkt so etwas wie das Gegenteil vom Social-Media-Fasten: statt alle Kanäle mal ein paar Tage abzuschalten, dreht man sie vier Tage lang voll auf und wird betankt. Von richtig guten Köpfen und Pionieren der digitalen Branche. In interaktiven Workshops, ziemlich spannenden Simulationen, in sehr guten Vorträgen und durch Live-Experimente.

Gut für mich. Denn ich habe eine ausgeprägte Messehallen-Allergie und finde Veranstaltungen, bei denen alle nach Berlin oder Köln reisen, nur um dann nach Hause zu twittern, dass sie in Berlin oder Köln sind und Leute aus Stuttgart getroffen haben, ehrlich gesagt ein bisschen doof.

Ich bin kein guter Lerner und wenn ich in einem schlecht klimatisierten Konferenzsaal sitze und jemandem zuhören muss, der vor einer Leinwand, auf die er selber für die hinteren Reihen nochmals projiziert wird wie Dave Gahan, in ein Headset-Mikro spricht, dann kann es sein, dass ich wegnicke. Oder meine Mails checke. Oder dass ich mich danach nur noch an das austauschbare Zitat auf der Leinwand erinnere. Irgendwas von wegen „Wir kaufen nicht, was wir haben wollen, wir konsumieren, was wir sein möchten“ – John Hegarty.

Für einen wie mich, der überhaupt kein Konferenz-Typ ist, war die Good School ideal. Das Prinzip Schule. Mit Klassenzimmer und Stundenplan, Schulglocke und Pausenbrot – und mit einem ziemlich konsequenten Direx: Erdacht wurde das Konzept von Simone Ashoff, die mal eine der ersten „New-Media-Konzeptionerinnen“ in Deutschland war – als Internet noch New Media hieß.

Als Ihr alle noch kein W-LAN hattet, hat sie schon Websites für VH-1, MTV, BMW oder Mini konzipiert. Zu Zeiten, in denen VH-1, MTV, BMW und Mini wahrscheinlich selbst gar nicht wussten, warum sie in dieses Internet müssen – nur „dass man da jetzt halt ist.“

Dann hat Simone Ashoff eine der ersten Interactive-Agenturen überhaupt aufgebaut, crossmediales und mobiles Zeug gemacht, als alle noch dachten, das geht wieder weg – und als Kreativ-Chefin bei Jung/von Matt das Internet angeknipst. Nach 150 Kreativ-Awards war dann im Regal kein Platz mehr – also hat sie 2009 begonnen, die Good School aufzubauen.

Das Lehren und Lernen findet in der Good School formal schön oldschool statt: in einem Klassenzimmer, das mal der Hörsaal der Veterinäre am Schlachthof Hamburg war. Jetzt geht’s an gleicher Stelle nicht mehr um Innereien, sondern ums Eingemachte. Nach der kurzen Einschulung und Begrüßung und überhaupt geht’s in einem ziemlich hohen Tempo los und vier Tage so weiter und das ist gut so.

Die Good School lehrt nach dem Prinzip, nicht das Bestehende zu optimieren – wie es klassische Weiterbildung tut – sondern radikal Neues zu vermitteln. So, dass es einen nicht erschöpft sondern ein bisschen erleuchtet. Und so, dass es nicht frustriert sondern inspiriert.

Dass das ziemlich gut gelingt, liegt nicht zuletzt an dem 1a Umfeld, der top-funktionierenden Infrastruktur und dem immer wieder überraschenden Programm.

Das liegt aber vor allem auch gerade beim Thema digital an den analogen Menschen: dem superfreundlichen Team der Good School, den spannenden Referenten, aber auch an den bunt gemischten Mitschülern, die alle was gemeinsam haben: die Lust, Neues zu lernen. Die Neugier, auch Nerdiges zu verstehen. Und den Heldenmut, bei Unverständlichkeiten auch mal eine doofe Frage zu stellen, die dann schlau beantwortet wird.

Obendrauf gibts ein konsequent fantastisches Catering – vom täglichen Frühstück bis zum Grauburgunder am Abend (immerhin haben wir 20.30 Uhr und es ist schließlich für alle die 6. Stunde). Vom abgeschrabbelten Schanzenviertel vor der Tür und dem next door neighbour Tim Mälzer mit seiner Bullerei kriegt man wenig mit. Nur einmal, am Freitagabend hört man in der Ferne die St.Pauli Fans die Gegner aus Lautern in die 3.Liga schreien. Ansonsten steht aber Lernen auf dem Lehrplan.

Mit ‚Schulfächern‘ wie digitale Strategieentwicklung, Social Media Status Quo, Influencer Marketing, Performance Marketing, SEO-Strategien oder Kommunikation & Organisation von digitalen Projekten.

Dazu gibt es Techniktrends und Innovations-Themen wie Internet of Things, mobile Zukunftstechnologien, Sprach- und Gestensteuerung, künstliche Intelligenz  – und das vor allem alles zum anfassen, ausprobieren und bloss-nicht-kaputt-machen. Weder die Mini-Drohne, noch das Hoverboard und bitte auch nicht den Tesla. Fliegen, Schweben und Fahren sind aber ausdrücklich erwünscht – und vermitteln auch ein ganz neues Gefühl für die Sache.

Vermitteln ist ohnehin das Stichwort: Dinge so darstellen, dass sie sich nicht gleich wieder verflüchtigen. So, dass sie etwas auslösen. Und so, dass man sie auch in der eigenen Praxis gleich anwenden kann – und nicht nur einen 200 Millionen Dollar Case beklatscht, bei dem Pepsi mit Justin Timberlake einen Likestorm in den USA ausgelöst hat.

Dafür sind die Referenten auch zu praxisnah. So wie der Gründer und GF von „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“. Der spricht viel und schnell und im richtigen Leben spricht er mit Angela Merkel und richtet ihr das W-LAN ein, quatsch, er berät die Bundesregierung in Sachen Digitalisierung. Mit uns spricht er an diesem Tag über die Uberisierung der Gesellschaft und über die nicht ganz unberechtigte Angst, mit Europa nicht mehr das allerbeste Geschäftsmodell zu haben.

In vier Tagen, die mitgefilmt, fotografisch festgehalten und im visual recorder Stil mitgezeichnet werden, lernen wir Keywords mit 37.000.000 Einträge kennen und erfahren, was passiert, wenn man Google googelt. Wir hören einem super spannenden Datenjournalisten zu, der uns in den Datenstrom seines smarten Schlafzimmers mitnimmt und wir begreifen, dass die „Zeit des blöden App-Aufspielens“ sich jetzt langsam aber sicher wirklich dem Ende nähert.

Wir diskutieren mit 13-Jährigen über den Sinn und Unsinn von facebook, und mit zwei mega-erfolgreichen Reise- und Modebloggern darüber, was denn bitte nach dem Influencen kommt. Wir brausen mit dem Tesla durchs Schanzenviertel und mit dem alten Schulbus zur Digitalagentur elbdudler in ihre ziemlich coole Location, eine alte Kirche.

Wir hören die Geschichte von dem Blogger, der für sein Studium ein Praktikum gebraucht hat – und das der Einfachheit halber bei sich selber gemacht hat. Und wir erfahren viel Neues über das Selbstverständnis der kommenden Generation und welche Kanäle sie wie nutzen.

Irgendwo dazwischen gibt es eine Street Yoga Session. Am Hafen mit Blick auf die Elphi machen wir uns mit dem herabschauenden Hund zum Affen.

Am Tag 3 ist das dann auch irgendwie egal. Es herrscht beste Schullandheimstimmung unter den  Teilnehmern: den Kreativen, den Marketingleitern, den Agenturchefs, den Human Ressources Verantwortlichen und der Good Schoolleitung. Dazu gibt es ein Fischbrötchen und die recht undigitale Erkenntnis, dass Hamburg derzeit eine Krabbenkrise hat.

Und dann ist Tech-Tag. Gadgetday. So wie früher Sportunterricht. Nur ohne Turnhose. Wir schaukeln virtuell über Berlin, fahren elektrisch, schaffen mit 3-D Painting begehbare Kunst, schauen einem Ex-Texter dabei zu, wie er Texte von einem Roboter erstellen lässt und lassen mittels ‚brain computer interface‘ ein Objekt nur mittels Gedankenströmen über den Bildschirm wandern.

Ein Creative Technologist, der aussieht wie aus der Big Bang Theory ins richtige Leben gesprungen, hält einen Bombenvortrag über Prozessmethoden und wir alle kriegen eine wertvolle Coaching-Lektion in Selbstoptimierung.

Der nächste Dozent spricht über den Gipfel der überzogenen Erwartungen und das Plateau der Produktivität. Über Neuphormic Hardware und Digital Twins. Über Smart Dust und 4-D Printing (denn 3D ist wohl schon wieder oll.)

Zum Abschluss kommt schließlich noch Christian von der UDK in Berlin. „Unser Quotenprofessor“ wie Simone Ashoff ihn ankündigt. Er erklärt auf begeisternde Weise in seiner Lektion zum Thema ‚Future Management’ nicht nur, wie Pep Guardiola Fußball zum digitalen Spiel gemacht hat, sondern auch, warum die Tierart Pfau überlebt hat, obwohl laut Darwin wirklich alles dagegen spricht. Und er macht Lust aufs Neumachen.

Fazit: in den 4 Tagen haben wir glaube ich alle mehr mitbekommen als in all den Jahren Schule. Also zumindest, wenn es um das Thema Digitalisierung geht. Und eine digitale Transformation hat auf jeden Fall auch stattgefunden: wir wurden von Ahnungslosen zu Halbwissenden, die jetzt wieder richtig Bock auf Neues haben. Danke, Good School.

Weitere Infos zum Camp Digital gibt es hier:
www.good-school.de/programme/camp-digital

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