DJ für Jim Avignon: Make Auflegen schnarchig again

(Foto Max Kovalenko)

Ingmar „Aussi“ Volkmann ist Autor bei der Stuttgarter Zeitung. Folgender Text ist eine Extended Version seiner Kolumne „5 Minuten Pop“, die regelmässig im Kulturteil der StZ erscheint. 

Insgeheim wollte ich immer DJ sein. 55 Euro pro Stunde, Rum und Ehre: genau meins. Leider musste ich meine Ausbildung bei DJ Emilio wieder abbrechen, oder, präziser ausgedrückt, hat er mich rausgeworfen wegen Talentlosigkeit.

Letzten Sonntag erhielt ich aber eine zweite Chance: Als Teil der Kunstperformance 24 hour arty people durfte ich den Sidekick von Pop-Art-Künstler Jim Avignon in der Galerie von Marko Schacher geben. Jim sollte 24 Stunden am Stück malen, alle zwei Stunden begleitet von einem anderen Superstarschmalspur-DJ.

Mein Marktwert wurde mir dezent klargemacht durch den Rockstar-Slot am frühen Sonntagmorgen: von 8 bis 10 Uhr eine Bassbestrafung initiieren, alle Druffis von der After Hour und Milfs mit Kidis im Schlepptau zum Durchdrehen bringen wie Noa Becker die Trüffel-Tänzer im Victor H’u’g’o’s‘. Easy. Eine meiner leichtesten Aufgaben.

Um Punkt 8 Uhr starte ich sonntäglich zurückhaltend mit Fanfaren, Radio Siberia, Westbam trifft auf Kanye West, was für ein fetter Einstieg. Was für eine fette Crowd: vier Gäste plus Galerist plus Künstler sind anwesend.

Ein Gast tanzt 15 Sekunden aus Höflichkeit, holt sich dann aber doch lieber eine Tasse Kaffee. Auch der Galerist flieht an die Bar. Wahrscheinlich ist der Sound dort besser. Ich revolutioniere derweil das Genre, denn: Ich lege im Sitzen auf. Germany’s first Sitzdj! (Nein, d. Red.) In meinem Alter geht das klar, außerdem habe ich voll Rücken. 

Gast Nummer zwei hat schon vor meinem Schichtbeginn auf einer Matratze geschlafen und lässt sich auch von Dizzee Rascal nicht wecken. Dafür legt sich die einzige anwesende Dame nun auch lieber hin.

„Tanzfläche leerspielen“, nennt sich das in Fachkreisen. Ich setze alle Hoffnung auf einen Raver, der sich nachts das Hemd kaputt getanzt hat. Der Bauch liegt frei zur besseren Durchlüftung. Le dernier crie. Berlin Fashion Week, nimm das, so geht Heroin-Chic im Bio-Stadtteil S-West.

Song Nummer drei, 99 Problems im Danger-Mouse-Mash-up: auch der Tanzbär legt sich ab. Der Künstler ist dagegen hellwach und voll bei der Sache. Auf einer Leiter pinselt Jim Avignon in schwindelerregender Höhe. Er nickt mit dem Kopf, ich wiederhole, er nickt mit dem Kopf. Vorläufiger Karrierehöhepunkt: habe Jim Avignon zu einem Kopfnicker gemacht!!!!1111!!!!!!!111

Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass er telefoniert, das schnurlose Telefon klebt am linken Ohr, er nickt seiner Tochter zu, die im fernen Berlin nicht mehr schlafen kann, „ja, bald ist es geschafft“, meine ich zu verstehen.

DJ Karriere: läuft!

Um 8.46 gibt es einen magischen Moment auf der Tanzfläche. Ich tanze zu mir selbst! So viel Zeit muss sein. Eins mit dem Universum dank Jamie XX und seinen „Loud Places“. Sogar der Himmel strahlt über dem Stuttgarter Westen.

Wer ist nur dieser geile DJ? Ich frag mich kurz selbst nach meiner Handynummer, schicke mir eine Whatsapp, mache ein Selfie mit mir und kommentiere mich selbst bei Instagram: „Du DJ-Schönheit!!!!1111!!!!“

Mist, so ist das mit Drogen, auch mit körpereigenen Botenstoffen, nach dem High folgt die Depression. Keiner tanzt. Keiner mag mich. Zwischen meinen Songs gibt es keine Übergänge, sondern iTunes-Überblendungen. Wenn es schlecht läuft, hört man zwei der drei Schläfer schnarchen. Demütigung! 

9.03 Uhr. Licht am Ende des Tunnels. Arno, seit Beginn der Veranstaltung anwesend, also seit 21 Stunden wach, fragt mich, wo ich sonst so auflege. Triumph! Mein erstes DJ-Groupie. War es Mitleid oder Müdigkeit? Mir doch egal. Ich bleibe dran. Manchmal drücke ich Knöpfe, um die Performance authentischer wirken zu lassen.

9.17 Uhr Panik! Was mache ich, wenn die Playlist zu früh endet? iTunes hat das zwar für mich ausgerechnet, aber was, wenn der genauso schlecht Mathe kann wie ich?

9.21 Uhr Ich spiele meine fremdsprachige Runde gegen die AfD und andere Populistentrottel und rechne jeden Moment damit, dass mich jemand rausschmeißt oder wenigstens bittet, etwas leiser zu machen. Oder gute Musik aufzulegen. Jim malt eine Krake mit Hammer, Schere und Säge in den Tentakeln. Nervensäge! Das habe ich sofort verstanden!

Das Prinzip der Runde habe ich übrigens während meiner Ausbildung zum Ausdruckstänzer in der Tanzschule Saumweber-Fischer in der Graustadt Pforzheim gelernt. Stehbluesrunde! Foxtrottrunde!

Um 9.25 Uhr haue ich „Nuje Vulimme ‚Na Speranza“ von NTO feat. Lucariello vom Gomorra-Soundtrack raus. Überlege kurz, mit einer Vespa über die Tanzfläche zu brettern und einen Drive-by zu imitieren. Würde allerdings verpuffen, da keiner anwesend ist außer mir.

9.28 Uhr: dieser Übergang, Pardon, diese Überblendung hat mir die meiste Angst bereitet. Peter Fox „Schwarz zu Blau“ auf Die Sterne „Was hat dich bloß so ruiniert?“ War ich zu fett und rosig, als ich mir das überlegt habe? Zum Glück hört keiner außer mir hin.

Immer noch 9.28 Uhr: Mein Nachfolger DJ Pornoschock hat nicht nur den besseren DJ-Namen, er ist auch noch überpünktlich! Verflixt, der Fuchs will mir eine halbe Stunde DJ-Karriere klauen. 

Oder doch nicht? Er fährt noch mal heim und kommt kurz vor 10 wieder. Ich habe Unterlänge aber ein wirklich ausgefeiltes Finale. Vorletzter Song: „Neoangin“, also Jim Avignon, eine Verneigung vor dem Berliner Multikünstler. Er bedankt sich mit einem Kopfnicken. Ein historischer Moment. Make Auflegen Great again.

Und dann, abartiges Finish, Placebo „Song to say goodbye“, was für eine Metaebene, ich verabschiede mich akustisch bei mittlerweile drei wachen Gästen, die mir nicht zuhören. Dennoch, welcher Spannungsbogen, welche Dramaturgie, ich gratuliere mir noch mal kurz selbst per Whatsapp.

Dann kommt DJ Pornoshock, er muss aber noch kurz auf Klo, ob ich verlängern könnte?

Das erinnert mich an eine Club-Anekdote. Ein DJ-Kumpel hatte in der Stereo Lounge früher immer einen extralangen Song dabei, falls er mal groß musste. Einmal traf ich ihn während seines Sets auf der Tanzfläche, ich schaute erstaunt, bis ich den Song erkannte. Er rannte zur Toilette.

Pornoschock erkläre ich mein musikalisches Abschiedskonzept. Ob ich nicht noch ein Lied hätte mit dem Text, jetzt höre ich aber wirklich auf? Gute Idee, habe ich aber leider nüscht.

Ich spiele zwei geniale Rausschmeißer von meiner Barcelona-Playlist. Wegen mir könnte das jetzt ewig so weitergehen. Tendiere nun zu „Niggas in Paris“ und zwar mindestens achtmal hintereinander wie die zwei Hörschte himself damals auf ihrer Tour. 

Leider ist Pornoschock nun mit Pipi fertig. Ich packe ein und gehe frühstücken im Café Stöckle. Ob mich die Kellnerin erkennt? Bin schließlich seit kurzem ein bekannter DJ.

Ich kritzel‘ ihr ein Autogramm auf die Serviette, um ihr und mir eine peinliche Situation zu ersparen. Sie muss mich nicht fragen und ich muss mich nicht grämen, wenn sie zu schüchtern ist, um zu fragen. Win Win Vip Taktik.

Als ich in die Galerie zurückkehre, ist auf einmal die Hölle los. Mindestens hundert Gäste, einige tanzen, als Pornoschock eine besonders tanzbare Platte auflegt, klatschen einige. Ich weine.

Ich erzähle allen, die es nicht wissen wollen, dass bei meiner Inauguration auf der Tanzfläche zuvor viel mehr Menschen da waren. Meine Alternativen Fakten waren außerdem viel tanzbarer. Wer sich davon mal live überzeugen möchte: Bookinganfragen bitte an sitzdj@kessel.tv

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