Auf dem Körperwelten Presserundgang: Nur über deine Leiche

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Guten Morgen, Deutschland. Der Tag hat kaum angefangen und schon stehe ich zwischen ziemlich vielen Toten: Körperwelten-Presserundgang und -Konferenz in der Halle 4 der Schleyerhalle.

Hab mich aber top vorbereitet: eine halbe Stunde Cannibal Corpse zum Kaffee und am Vorabend sogar noch etwas The Walking Dead geschaut. Das schafft teils hervorragende, äh, Innenansichten und Perspektiven auf den „Zyklus des Lebens“ – darum geht’s in der Ausstellung.

Es sind aber auch echte Experten vor Ort und bereits vor dem Mittagessen voll in Fahrt: „Der Tod zeigt das Leben“, „Das Leben wird am toten Körper demonstriert“, „Wir haben nicht nur einen Körper. Wir sind auch ein Körper“ – Prof. Dr. Franz Josef Wetz hört gar nicht mehr auf zu reden. Andererseits: er ist Philosoph, der darf das.

Der Mann erklärt seit Minuten ziemlich ungefragt, weshalb jegliche Empörung gegenüber „Körperwelten“ nicht angebracht sei und eh nur in Deutschland derart hohe Wellen schlage. Das wohlgemerkt, obwohl sich seit Jahren kaum einer mehr die Mühe macht, sich sonderlich tiefschürfend über die künstlerische Leichenschau zu beschweren.

Da kommt ihm Kollege Voltaire trotzdem gerade recht. Der gab einst sinngemäß zu Protokoll: „Am Ende eines jeden Problems steht ein Deutscher.“ Prof. Dr. Franz Josef Wetz haut die Punchline nochmal raus wie so ein Berufsrapper.

Hier bei der Pressekonferenz in der Schleyerhalle läuft derweil alles problemlos. Kuratorin Dr. Angelina Whalley bricht den philosophischen Lobgesang auf das Leben durch größtmögliche Entmenschlichung und Professionalität wieder auf den Kern der Sache zurück.

Sie sagt „Exponate“ und zeigt auf eines, das links neben ihr steht: Pferd mit Reiter. Beide seit geraumer Zeit tot und beide plastiniert. Bei der Plastination wird die Zellflüssigkeit durch Kunststoff ersetzt. „Super!“, denke ich – sonst würde das hier ziemlich mies riechen.

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Ich weiß, wie ein totes Pferd riecht. Hab vor Jahrhunderten mal in Marokko am Straßenrand gesessen und gedacht: „Boh, voll schöner Sonnenuntergang. Ich sollte aber dringend mal duschen.“

Bis mir klar wurde: das bin nicht ich. Auch weil ich plötzlich nur einen Meter neben mir ein verwesendes Pferd entdeckte. Jemand hatte es wohl wegen des Verkehrsflusses einfach von der benachbarten Straße geschoben. Es schaute mich an, sagte nix und überall schlängelten sich Würmer raus.

Bei Körperwelten gibt’s keinerlei Dynamik – dafür aber kunstvoll hermodellierte Tote in Schaukästen und menschlicher Inhalt wie Raucherlunge, Nichtraucherlunge, Hoden, Schrumpfleber, Milz und andere teils durchaus nützliche Accessoires. Und weil lernen sehr wichtig ist, habe ich mir gemerkt: der Engländer, sagt „Spleen“ zur Milz. In Zukunft werde ich „Gottseidank!“ oder „Ja, hoffentlich!“ entgegnen, wenn jemand behauptet, voll den Spleen zu haben.

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Als Heavy Metal Befürworter ist das hier für mich natürlich auch so eine Mischung aus Weiterbildung und Rückversicherung, dass einige der Plattencover bei mir zu Hause ziemlich todesnah gestaltet wurden. Körperwelten kann das auch, nur ohne Blut und Sauerei. So viel Mühe, die Anatomie des Menschen schmackvoll anzurichten, machen sich heute höchstens noch psychopathische Massenmörder, die unbedingt mit einer Netflix-Serie geadelt werden wollen.

Mein Problem mit dem Tod: Ich schaue mir gerne blutigen Quatsch im Fernsehen an. Es sensibilisiert mich für eventuell auftretende Widrigkeiten – zumindest rede ich mir das ein. Die Grenzen zwischen „Awareness“ und „Paranoia“ sind mittlerweile ja ziemlich verwässert.

Kurz denke ich: Was ist, wenn das hier alles eine Falle ist? So eine Art offenes Casting mit geschlossener Tür sobald alle drin sind? Und schwups hängste kopfüber an einem Fleischerhaken in einem Hinterraum der Schleyerhalle. „Slayer“-Halle. Zufall? Ich denke nicht!

Dann läuft plötzlich einer mit „Die neue 107,7“-Mikrofon durch den Raum. Das deute ich als positives Zeichen: Erstens kennen die sich gut aus mit der Inszenierung von Toten und zweitens erhöht das meine Chancen, dass ich im Todeskampf wenigstens nochmal  „Living On A Prayer“ von Bon Jovi hören darf – (Whoawhoawhoawhoa dägädäg) Setzi used to work for a blog…….“.

Deeskalierend wirken auch die Schulklassen, die ebenfalls schon ein Tag vor der offiziellen Eröffnung die Toten anschauen dürfen. „Junge, gleich gibt’s Schlägerei!“ sagt einer, zum Glück nicht zu mir und ein Mädchen sagt: „Übel!“ Wenn ich richtig informiert bin, ist das eine positive Zustimmungsbekundung – auch wenn sie dabei auf eine Raucherlunge zeigt.

Die freundliche Frau vom Presseservice, zeigt derweil auf ihr Revers und sagt: „Also, Körperspender sind auch anwesend. Sie erkennen die am weißen Schildchen.“

Und auch das ist klar: Ohne Arme keine Kekse. Wo Tote in Schaukästen drapiert werden, muss auch irgendwo das Material aufgetan werden. Die Körperspender wiederum sind uns allen einen Schritt voraus, denn sie wissen, was nach dem Tod kommt: Sie werden plastiniert und später ausgestellt.

„Och, wir haben uns bereits vor 18 Jahren dazu entschieden“, sagt eine Dame mit flotter grauen Kurzhaarfrisur. Ihr Ehemann nickt zustimmend. Das war damals als die „Körperwelten“ in Mannheim gastierten und das beiden sehr gut gefallen hatte.

Jene Dame meint auch, Prof. Dr. Franz Josef Wetz hätte bei seinen Ausführungen etwas vergessen: „Wenn ich jemanden aufgebahrt sehe ist das eher das Leid des Todes. Das hier ist die Schönheit des Todes. Für mich ist das Kunst – von Menschen, über den Menschen und für die Menschen.“ Ihr Mann nickt wieder und sagt: „Das ist auch Bildung und Wissen. Was man hier sieht, gab’s früher nur in Bibliotheken zu sehen. Dann bei Wikipedia und hier jetzt eben in echt.“

Von den grob 16.500 Menschen in der Körperspender-Kartei haben Dr. Angelina Whalley und ihre Kollegen bereits 1800 erhalten. Dr. Whalley wiederum ist neben ihrer Tätigkeit als Kuratorin, auch die zweite Ehefrau von Gunther von Hagens, dem Erfinder der Plastination und von „Körperwelten“. Dem sind dann auch die abschließenden Grußworte am Ausgang der Ausstellung vorbehalten. Hat sich extra schicke Schuhe angezogen:

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Dann ist Schluss und ich lauf trotzdem nochmal durch: Musste mich bei dem Exponat mit dem Unterbiss für mein dämliches Grinsen entschuldigen, dem goldigen Fratz mit dem Schmachtblick nochmal „Tschüß!“ sagen und mich vergewissern, ob das eine Exponat ein Wookie oder doch irgendwas von Tim Burton war. So viel Pietät muss sein.

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Oh, fast vergessen. Shoutouts an die Critical Mass Crew Stuttgart. Da war natürlich auch jemand da:

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Körperwelten findet vom 30.11. bis 20.5.2017 in der Stuttgarter Schleyerhalle statt. Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Tickets gibt’s hier.

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