Über die Frage, was eigentlich aus dieser Welt werden soll

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Dass die Welt vor die Hunde geht, wissen wir spätestens seit Ed van Schleck nicht mehr nach Orange schmeckt und frühestens seit ein ehemaliger Immobilien-Mogul Amerika bei der Pussy graben möchte und seine vor Esprit sprühende Ehefrau ihn als wandelnde Vagina dahingehend unterstützt. Das treibt uns die Schamlippenröte ins Gesicht und wir springen lieber schnell weiter im Text. Denn das wir hier wirklich vor eine moralischen Apokalypse stehen, musste ich erst schmerzlich erfahren.

Tatort war der REWE am Marienplatz, aus Gründen der Anonymität sagen wir jetzt nicht welcher. Ich erledige also meinen letzten Einkauf bevor die Grippe mich heimsucht. Es ist ein Einkauf wie ein „Letzte Tankstelle vor der Autobahn“-Schild – zügig rein, gezielt ins Regal gegriffen, auf dem Weg zur Kasse doch noch eine Sache vergessen und dann völlig wahllos alles schnappen, was bunt, ungesund oder gesund machend aussieht. Und irgendwie lande ich in meinem Rausch an der Metzgertheke.

Während ich mit den abgepackten Chili-Peitschen liebäugel‘, geben vor mir zwei kleine Jungs souverän ihre Bestellung ab. Sie sind vielleicht fünf und sieben Jahre alt und mit ihrem Kindermädchen am Start. Mit diesem sprechen sie nur Englisch, mit der Wurstfachverkäuferin nur Deutsch. Es ist ein hell of a Träumchen für meine Ohren.

Bis zu dem Moment, als mir Kinnlade und Chili-Peitschen gleichermaßen runter fallen. Während der Größere von beiden gerade auf vermutlich Entrecôte und gemischtes Hack wartet, erklärt der kleinere mit „Ui, that’s pretty heavy“, dass der Einkaufskorb doch zu schwer für ihn scheint. Lässig kontert das sich nicht lumpen lassende Kindermädchen (#veraintveenvoice): „I told you it would be.“

Damit ist zu dem Thema alles gesagt- Der Kleine schultert den ersten Einkaufskorb, während der Große mit seinen Einkäufen sich von der Theke abwendet und sie ebenfalls in den zweiten Korb legen möchte.

Die Frau vom Wurstfach weiß natürlich, wie sie ihren Job zu erledigen hat und gleichzeitig Kinderherzen höher schlagen lässt. Meines klopft da heute noch ganz wild. „Wollt ihr noch eine Scheibe Lyoner haben?“

Als sei sie ein Rockstar auf der Bühne flehe ich sie in Gedanken an, einfach mich anzuschauen und die Frage an mich zu stellen. Die Vorstellung ist schön und in Gedanken nehme ich den ersten Biss der Lyoner als ich folgendes höre: „Nein danke.“

Nein. Danke.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Junge Scherze macht oder vielleicht sogar eine weitere Scheibe on top raus handeln will. Aber sowohl er, als auch sein Bruder und Miss Poppins traben davon in Richtung Kasse. Ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.

Nein, danke.

Zurück bleibt eine sichtbar verwunderte Dame hinter der Theke und ich. Die sich sicher ist, dass sie in einer so verkommenen Welt nicht sein will, in der Kinder nicht mal mehr um den heiligen Gral des Supermarkteinkaufes wissen.

Ich will jetzt nicht sagen, dass früher alles besser war. Aber wo sollen wir denn hinkommen, wenn eine letzte Instanz des Guten, pures Wohlwollen und schöne Erinnerungen schaffende Gesten gefallen ist. Keinen Anklang mehr findet in der neuen Welt.

Also REWE Süd Kunden rauft euch mal zusammen. Kinder brauchen ihre gratis Scheibe Lyoner. Das formt den Charakter, kein Scheiß, kannste jeden fragen, träumen sie alle heute noch von. Wenn das wieder funktioniert, dann kann aus dieser Welt noch was werden. Auch wenn Ed van Schleck nur noch nach Erdbeere schmeckt.

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