Der Marienplatz ist tot, es lebe der Schoettle-Platz

Hey, it´s me, Aussi. Ich durfte für die neue Ausgabe vom Freund & Kupferblatt die Kolumne beisteuern. Oldschool-Zweitverwertung: Erst Print, dann digital. Wie 2008. 

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(Comeback des Jahres: Aussi.) 

Man hat mir den Marienplatz gestohlen. Genauer gesagt waren es viele Männer – und vielleicht auch eine Frau. Bisher konnte ich sonntags ungestraft im Naked-Tom-Gedächtnis-Outfit über den Platz flanieren. Heute muss ich mich schminken, wenn ich als Flitzer rund um die Zackehaltestelle tätig werde, um bei den Hipstern vorm Kaiserbau nicht unangenehm aufzufallen.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich verehre die gastronomischen Verwandler des Marienplatzes von einer Betonwüste in den hippsten Platz der Welt von ganzem Herzen. L.A.-Signorina-Martina ist ein ganz bezauberndes Wesen und im nächsten Leben möchte ich sowieso als Condesa-Janusch wieder geboren werden.

Mit dem Marienplatz geht es mir aber mittlerweile wie mit dem Wasen. Am schönsten ist es dort, wenn die anderen Menschen (noch) nicht da sind.

Deshalb weiche ich jetzt an den Erwin-Schöttle-Platz aus. Dort spiele ich Boule mit Vaddern und seinen Jungs. Der Schöttleplatz ist upcoming, trendy und urban, wie Gerber-Werbetexter sagen würden.

Marcella und ihre Mädchen hängen hier rum, weil Marcella hier wohnt. Hat jedes Jahr mit meinem Freund Timo Geburtstag, dieses Jahr war’s überraschenderweise auch wieder so (kurze Notiz an den Schöpfer: Wenn die Reinkarnation als Janusch Munkwitz nicht geht, würde ich gerne als Timos Haare wiedergeboren werden). Gefeiert wurde in der Südlage, am Ende waren noch mehr Bilder auf Instagram als Gäste da. Bilder und Gäste waren gut, Dutt stand auch auf der Karte, also der haarige, nicht der Leonberger vom VfB.

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Der Abend in der Südlage hat mich angespornt. In diesem Sommer werde ich zurückgentrifizieren. Bisschen Schwung in die Kiste am Schöttle-Platz bringen. Und zwar vom ehemaligen Alpen-Döner aus. Weil die Makler den nicht loswerden, darf ich ihn günstig zwischennutzen. Interimsnutzung! Off-Location! Nur! Für! Kurze! Zeit!

Renovieren werde ich nicht, dann sieht der Laden aus wie Leipzig. Den Namen „Die Angst über den Wolken“ habe ich aus einer Überschrift in der Zeit geklaut. Die Gäste sagen dann bald nur noch „krasser Abend in der Angst gestern“ (männlich) oder „komm‘, wir treffen uns auf einen Flat White in der Wolke“ (weiblich). Wir haben den Flat White übrigens auch mit laktosefreier oder Soja-Milch.

Es gibt Craft Bier von einem 150 Jahre alten Mönch, der in einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb Bio-Hopfen anbaut. Das Bier heißt Monika, nach seiner Jugendliebe. Aus Respekt vor den Vormietern machen wir einmal im Monat eine Pop-Up-Dönery, die Ziege für das Fleisch ist Bio, nachhaltig, regional und lokal und hat zuvor auf dem Grünstreifen vor dem Laden seine kleine Weide gehabt.

Es gibt 6000 Gin-Sorten, das Tonic-Water produzieren wir selber aus dem Quellwasser der Heslacher Wasserfälle. Außerdem gibt es natürlich einen veganen Mittagstisch. Und einen Street-Food-Thursday.

An dem Abend bauen wir die „Angst über den Wolken“ in einen Mercedes-Food-Truck um, den Cro gestaltet hat. Außerdem gibt es Filterkaffee, individually dripped, von einem Austausch-Ami. Und Shots natürlich, die heißen bei uns aber Schöttle. Hab ich schon von meinem eigenen Bienenvolk, den Wü-Tang-Killer-Bees erzählt? Den Honig könnt ihr kaufen, in Weck-Gläsern.

Einmal im Monat gibt es ein Revival der Maik-Franz-Lounge, eine Fußballkulturlesung zur Völkerverständigung. Daraus wird dann das Schöttle-Fest mit crazy Bands aus Island, die keiner kennt, die aber viele Facebook-Freunde haben.

Dann ist auch der Schöttle-Platz wieder verloren. Mich findet Ihr anschließend am Bihlplatz. Da fange ich wieder von vorne an.

kupferblatt

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