Joe Bauer: Im wahren Theater der Altstadt

Schon viele Jahrzehnte bevor die Geißstraße und der Hans im Glück Brunnen zu einem Zentrum des Hedonismus mutierten, war am Eingang des Viertels (neben dem heutigen Kottan) das Café Weiß eine absolute wie kunterbunte Instanz im Stuttgarter Nachtleben; einst ein Treffpunkt der „Halbwelt und Halbhöhe“, später ein generationsübergreifender Spot, mitunter „reichlich Greenhorns vom Schulhof“ zu Gast, wie Joe Bauer meint.

Der wiederum erinnert sich in folgendem Text, den er bereits auf seiner Homepage veröffentlicht hat und uns dankenderweise überlässt, an Chef Heinz Weiß, der Montagnacht nach langer Krankheit mit 74 Jahren gestorben ist.

Das 20. Jahrhundert ging dem Ende zu, als Heinz Weiß sich wieder mal Zeit nahm, um einige Zeilen Stuttgarter Geschichte zu diktieren. Der Chef war gut in Form. Er zeigte mit dem Finger auf die Delle in der Wand: Die Spuren hatte eine Revolverkugel hinterlassen. Es ging keinen mehr etwas an, wem der Schuss gegolten hatte.

Der Rauch der wilden Jahre hatte sich längst verzogen. Ende der Neunziger, als das Café Weiß wieder so angesagt war wie in den besten Tagen des Rotlichtmilieus, trugen die Herren der Altstadt keine Kanonen mehr. „Das Weiß“ war inzwischen die bunteste Nachtstation der Stadt.

Ranko, der Kellner, brachte eine Schale Pistazien an den Tisch, und er sagte, was er immer sagte, wenn es nichts zu sagen gab: „Woisch, wie i moin!“ Heinz, der Chef, nippte an seiner Schorle. Über uns hingen die Kronleuchter, hinter uns ein sattes Stück Paris, und aus der Musikbox, Marke Wizard, dröhnte die Stimme von Edith Piaf. Es gibt Dinge, die ändern sich nicht.

Stuttgart, Geißstraße 16. Das Herz der alten Stadt; nebenan der Hans-im-Glück-Brunnen, das heutige Zentrum der Partygänger. Heinz Weiß hat in seiner Bar fast ein halbes Jahrhundert lang die Zeit angehalten. Kellner Ranko – und lange die Köchin Maria – haben ihm geholfen.

Das Lokal sieht heute noch aus, wie es 1963 bei der Eröffnung ausgesehen hat. Plüsch, Pomp. Zeichen des Lebens sind hinzugekommen. Man stellte sich immer vor, dass gleich einer im Transen-Fummel die Klotreppe hochkommt und wie im Film sein Lied singt: „ . . . blonder Trompeter, blas mir den Blues . . .“

(Bild Murat, LIFT)

Das Café Weiß – zunächst Kulmbacher Bierstuben – bestand bis in die achtziger Jahre hinein aus zwei Abteilungen. Kam man zur Tür herein, landete man links bei den Herren, rechts bei den Damen. Links war gelb tapeziert, rechts rot. Die Gäste wählten nach Neigung. Schwule, Huren und was es sonst so gibt, lebten in der friedlichsten Koexistenz seit der Erfindung des Unterleibs. Die paar Kugeln, die sich verirrten, bestätigten die Regel, und die Polizei kümmerte sich nicht um menschenverachtende Gesetze wie den Paragrafen 175.

Der legendäre Buchhändler Wendelin Niedlich, heute 83, war lange Stammgast im Café Weiß. Er war schon da, als noch alle da waren. Der Philosoph Max Bense, der Fluxus-Künstler Dieter Roth, der Ballettdirektor John Cranko, der Fußballprofi Buffy Ettmayer, der Regisseur Rainer Werner Fassbinder, der Politiker Willy Brandt.

Vor der Bar, wo einst die Damen auf die Freier warteten, wurde später auch Literatur gereicht. Jeden Monat lasen Schauspieler des Staatstheaters aus einem der berühmtesten Werke der Weltliteratur. Bescheiden, wie er ist, hatte Niedlich Marcel Prousts siebenteiligen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gewählt. Die Lesereihe hieß „Na denn, Proust“.

Der Wirt Heinz Weiß hat auch diese Auftritte mit Grandezza überlebt. Theater hatte er schließlich immer im Haus. Gäste von der Bühne, vom Film, vom Fernsehen. Zuletzt diente das Lokal der ZDF-Reihe „Soko Stuttgart“ als Kulisse.

Weit und breit in der Stadt gibt es keinen Laden, der so sehr an die alten Salons und Cabarets der Gescheiten und Gescheiterten erinnert wie das Weiß. Heinz war schon in der Altstadt, als noch die Rotlichtbaracken, die legendären „Vereinigten Hüttenwerke“, auf Ackerland standen, wo heute das Schwabenzentrum vor sich hin dämmert.

Das Café Weiß war ein Glückstreffer, im wahrsten Zockersinne. Heinz’ Vater Alois, ein erfolgreicher Schneidermeister, fädelte in seiner Firma an der Hauptstätter Straße ein Zusatzgeschäft ein. Es gab einen intimen Schankraum, eine Art Flüsterkneipe im Hinterzimmer.

Auch Heinz, am 20. Juli in Esslingen geboren, wurde Schneidermeister, erkannte aber schnell, dass guter Stoff an der Bar mehr wert war als auf dem Textilienmarkt. Als er 1963 seinen wunderbaren Tratschsalon eröffnete, konnte er noch bis zum Marktplatz und zur Leonhardskirche schauen. Im Carré, sagte Heinz, gab es nur sechs Kneipen. 2000 waren es über 30, und danach hörte er auf zu zählen.

Da waren die professionellen Damen schon lange weg. Mitte der Achtziger war ihre Zeit vorbei; die Luden verkauften ihre Corvettes und Mustangs und gingen in Rente oder aufs Sozialamt. Nirgendwo aber saß man besser bei der Suche nach der verlorenen Zeit als bei Heinz.

Oft sprachen wir über Fußball. Heinz war schon vor Mayer-Vorfelder VfB-Mitglied geworden, fast immer saß er auf der Tribüne. Und er erzählte gute Geschichten wie diese: 1988, bei der EM in Deutschland, spielte die Sowjetunion im Neckarstadion gegen Italien im Halbfinale. Die Russen trumpften auf, dass alle Welt glauben musste, die Revolution fände auch auf dem Rasen statt. Die Wahrheit kam nicht ans Licht.

In der Nacht vor dem Halbfinale hatten Italiens Stars das Café Weiß aufgesucht. Sie fühlten sich einsam und tranken. Die Mädchen an der Bar hatten Mitleid und brachten die Profis zu Bett. Am nächsten Abend flogen den Italienern die Kugeln um die Ohren, chancenlos verloren sie mit 0:2.

Heinz Weiß erkrankte im Frühjahr 2009 an Krebs, er zog sich aus seiner Bar zurück, kam noch als Gast. Am späten Montagabend ist er im Katharinenhospital gestorben. Er hinterlässt seinen Sohn Bernhard und seine treue Lebensgefährtin Annemarie. – Die Beerdigung findet am kommenden Montag um 12.30 Uhr auf dem Fangelsbachfriedhof statt. – Das Café Weiß ist auf unbekannte Zeit geschlossen.

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